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"Wie bitte kommen wir jetzt weiter?"

Bahn-Belegschaft

"Es herrscht Frust"

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Gewerkschaftschef Kirchner über die Stimmung in der Bahn-Belegschaft, den Investitionsstau in der Infrastruktur und Forderungen, Betrieb und Netz zu trennen.

Herr Kirchner, woran liegt es eigentlich, dass die Deutsche Bahn zuletzt über 70 Prozent Pünktlichkeit nicht hinausgekommen ist?
Die Bahn ist über Jahre auf Verschleiß gefahren worden. Es fehlen Kapazitäten bei der Infrastruktur, bei den Zügen und beim Personal. Das führt dazu, dass das System allmählich kippt.

Kurzfristig sehen Sie keine Aussicht auf Verbesserung?
Es wäre schön, wenn zumindest die Trendwende gelingen würde. Mit kurzfristigen Maßnahmen, im nächsten Jahr wieder auf 80 Prozent Pünktlichkeit zu kommen, ist eine Illusion. Das ist einfach nicht realistisch. Es fehlen Tausende Beschäftigte. In diesem Jahr will die Bahn insgesamt 24 000 Mitarbeiter einstellen, 2019 sollen es 22 000 sein. Bis die Kollegen voll einsatzfähig sind, ausgebildet sind zum Beispiel als Lokführer, Fahrdienstleiter und Zugbegleiter, kann es mehrere Jahre dauern.

Angesichts der Krise – wie nehmen Sie die Stimmung in der Belegschaft wahr?
Die Lage ist katastrophal. Es herrscht Frust. Nur 70 Prozent bei der Pünktlichkeit – das war in der Vergangenheit die Ausnahme, jetzt ist es fast der Regelfall. Die Kollegen in den Zügen und auf den Bahnhöfen sind mit der Wut der Reisenden über Verspätungen direkt konfrontiert. Sie müssen sich permanent für Probleme rechtfertigen, die sie weder verursacht haben noch verhindern können. Nicht wenige denken: Es wird eh nicht besser. Viele Kollegen haben die Hoffnung verloren.

Ist Bahn-Chef Richard Lutz angeschlagen?
Die Fokussierung nur auf eine Person, die halte ich für falsch.

Weshalb?
Die Ursachen liegen tiefer. Nicht nur der Konzernchef sondern der gesamte Vorstand trägt Verantwortung. Viele Probleme sind auf ihre Vorgänger zurückzuführen: Bei Mehdorn, der unbedingt an die Börse wollte, und auch bei Grube mit seinen Versuchen, die Bahn zum Weltmarktführer zu machen. Auch die Politik ist verantwortlich für den desolaten Zustand, den wir jetzt haben: Sie hat es über Jahre versäumt, die notwendigen Mittel für die Modernisierung der Infrastruktur bereitzustellen.

Also vollstes Vertrauen in den Bahn-Chef?
Natürlich üben die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat Kritik am derzeitigen Vorstand. Die Strukturen des Konzerns sind dringend reformbedürftig. Wir brauchen eine ehrliche Bilanz. Da muss alles auf den Tisch. Im Koalitionsvertrag heißt es, dass der Personenverkehr auf der Schiene bis 2030 verdoppelt werden soll. Wir erwarten, dass die Bundesregierung einmal erklärt, wie das unter den gegebenen Bedingungen bewerkstelligt werden soll.

Wie viel Geld braucht die Bahn denn im nächsten Jahrzehnt?
Ich kann das nicht im Einzelnen aufschlüsseln. Wir haben allein bei der derzeitigen Infrastruktur einen Investitionsrückstau, der sich auf ein Volumen von 50 Milliarden Euro beläuft, zuzüglich mehrere Milliarden bei den Bahnhöfen. Dabei sind Investitionen für mehr Verkehr auf der Schiene noch gar nicht berücksichtigt.

Über die notwendige Digitalisierung haben wir noch gar nicht gesprochen …
Auch dafür wären zusätzliche Mittel erforderlich – ebenfalls in zweistelliger Milliardenhöhe. Hinzu kommen noch notwendige Ausgaben für die Elektrifizierung der Strecken. Bisher sind alle Zahlenspiele Flickschusterei. Es gibt kein schlüssiges Gesamtkonzept, das den Zielstellungen des Koalitionsvertrages Rechnung trägt.

Die Bundesregierung will eine Umstrukturierung des Konzerns – wie könnte die aussehen?
Ich kann nur hoffen, dass die Umstrukturierung zu einem Ende des Spartendenkens bei der Bahn führt. Heute ist es so, dass mehr gegeneinander als miteinander gearbeitet wird. Und dass im Konzernvorstand niemand direkt operative Verantwortung für ein Geschäftsfeld hat. Das ist ein großes Problem. Allein bei DB Cargo, also im Güterverkehr, hat es in den vergangenen Jahren 28 Vorstände gegeben, die nach und nach ausgetauscht wurden. So kann es nicht weitergehen.

Manche halten eine organisatorische Trennung von Netz und Betrieb für den richtigen Weg. Sie auch?
Nicht mehr Trennung, sondern weniger ist die Lösung. Wir brauchen jemanden bei der Bahn, der Infrastruktur und Betrieb verantwortet. Die Grünen fordern eine Trennung. Aber sie übersehen, dass dies überall dort nicht funktioniert hat, wo man die Trennung versucht hat.

Wie stehen Sie zu Überlegungen, die Töchter Arriva und Schenker zu verkaufen, um an Geld für Investitionen zu kommen?
Es kann jetzt nicht darum gehen, schnell Geld zu machen. Davon kann ich nur abraten. Wir waren nicht diejenigen, die den Kauf von Arriva damals wollten. Aber sich allein auf den Schienenverkehr in Deutschland zu konzentrieren und im Ausland nichts zu machen, wäre lebensfremd. Schließlich sind die Staatsbahnen aus den Niederlanden, der Schweiz und Italien aber auch aus Österreich, Frankreich und Dänemark auch auf dem deutschen Markt unterwegs. Die, die in Deutschland den Wettbewerb wollen, versuchen in im eigenen Land zu verhindern.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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