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Regiert im Hintergrund mit eiserner Hand: Marie-Odile Amaury gebietet über die Amaury-Gruppe und die Geldmaschine Tour de France.

Tour de France

Die Herrin der Tour

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Das größte Radrennen der Welt wird von keinem Verband und keiner Sportbehörde organisiert: Die Tour de France gehört der Konzernchefin Marie-Odile Amaury.

Auf der Straße gehen die Franzosen an ihr vorbei, ohne sie zu erkennen. Dabei ist Marie-Odile Amaury (78) eine der mächtigsten Frauen Frankreichs. Sie gebietet über einen Großkonzern, der ihren Familiennamen trägt. und über bekannte Markennamen wie die Tour de France, die Rallye Dakar oder die Sportzeitung „L’Equipe“ gebietet.

Die Kombination von Sport und Medien trifft sich gut: „L’Equipe“, das mit Abstand größte französische Sportblatt, berichtet jeweils begeistert über die Tour und übt natürlich kaum Kritik daran. Und wenn, genügt eine kleine Bemerkung von Marie-Odile Amaury, man solle vielleicht „etwas weniger“ über das Dopingthema schreiben. Das soll die Vorsteherin und Besitzerin des Amaury-Konzerns den „L’Equipe“-Journalisten jedenfalls vor einigen Jahren empfohlen haben.

Ansonsten greift die Tochter eines mittelständischen Optikers aus Straßburg kaum in die Zeitungslinie oder die redaktionellen Belange ein – was in Paris sehr unüblich ist. Dafür stellt die unscheinbare Konzernlenkerin, die man selten lächeln sieht, ihre Chefredakteure ohne jede Begründung auf die Straße, wenn sie von ihnen genug hat. An der Seine nennt man sie auch „Citizen Kane“. Oder gar „Tata Picsou“, zu Deutsch etwa „Knausertante“.

Marie-Odile Amaury fährt einen Peugeot 308, und das nicht nur aus Diskretionsgründen. Sie lebt bescheiden, obwohl die Tour de France eine einzige Geldmaschine ist. Diskret wie ihre Chefin, publiziert das Unternehmen keine Geschäftszahlen. Insider schätzen, dass die Tour 150 Millionen Umsatz macht – drei Viertel des Geschäftsvolumens der Tochtergesellschaft „Amaury Sport Organisation“ (ASO). Die ganze Amaury-Gruppe dürfte auf mehr als 400 Millionen Euro Umsatz kommen.

Das Geschäftsmodell der Tour basiert auf einer brillanten Idee: Amaury macht aus einem banalen Radrennen einmal im Jahr einen mehrwöchigen Reisefilm durch Frankreich, den eine Milliarde TV-Zuschauer am planetaren Bildschirm stundenlang verfolgen. 70 Prozent dieser Sofasportler geben in Marktstudien an, sie täten es nicht wegen des Rennens, sondern wegen der „schönen Landschaften Frankreichs“. Das macht sich bezahlt: Marie-Odile Amaury zieht aus dem Verkauf der Fernsehrechte 60 Prozent der Tour-Einnahmen. 30 Prozent steuern die begehrten Sponsorenverträge bei, zehn Prozent die Etappenorte. Dieses Konzept geht noch auf den Familienpatriarchen Émilien Amaury zurück. Vor seinem Tod 1977 hatte er testamentarisch seine Tochter Francine als Nachfolgerin eingesetzt. Er wollte damit seinen Sohn Philippe enterben, weil der keine brillanten Studien absolviert hatte – und weil er die kleinbürgerliche Marie-Odile heiratete.

Nach einem langen Gerichtsverfahren setzte sich Philippe trotzdem durch. Auch an der Spitze des Amaury-Imperiums blieb er die Unauffälligkeit in Person – in seinem kleinen Pariser Stammbistro aß er jeweils hinter einer Säule verborgen. Seine Frau sekundierte ihm ebenso diskret bis zu seinem Tod im Jahr 2006.

Seither regiert Marie-Odile Amaury mit eiserner Hand und schreckt auch nicht vor wegweisenden Entscheiden zurück. Vor drei Jahren trennte sie sich zum Beispiel von „Le Parisien“, einem gehobenen Boulevardblatt, das Amaurys Erfolg nach dem Zweiten Weltkrieg erst begründet hatte. Sport zahlt sich aus, das Zeitungsmachen nicht: Dieser Devise folgt heute die Witwe Amaury.

Solange die Tour de France satte Gewinne abwirft – die Rentabilität des Rennens soll bei 15 Prozent liegen –, kümmert sich die spröde Elsässerin kaum um die sportlichen Aspekte. Dopingverdächtige wie Lance Armstrong oder Chris Froome schnitt sie aber bewusst: Die waren langfristig schlecht fürs Geschäft.

Auf die – bescheidenen – Preisgelder hält Madame indes ein wachsames Auge. Der Tour-Gewinner erhält nach dreiwöchiger Pein 500.000 Euro, ein Etappensieger 11.000 Euro; der Zehntplatzierte, immerhin einer der weltbesten Radprofis, muss sich mit 3800 Euro begnügen. Das ist wirklich nicht generös, wenn man es etwa mit den 36 Millionen Euro an Preisgeldern des französischen Tennisturniers Roland-Garros vergleicht. Aber Roland-Garros gehört eben auch nicht Marie-Odile Amaury.

Die Konzernbossin habe nur ein Geschäftsziel, hört man immer wieder: Sie will ihren beiden Kindern einen gesunden Konzern hinterlassen. Ihr Sohn Jean-Etienne leitet bereits die Sparte Sportevent (ASO) und damit auch die Tour-Belange, Tochter Aurore ist Direktorin für Rechtsfragen. Alles ist eingefädelt, dass die Amaurys noch lange über das größte Radrennen der Welt herrschen werden.

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