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Hans Dieter Pötsch, VW-Aufsichtsratschef-
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Hans Dieter Pötsch, VW-Aufsichtsratschef-

VW-Skandal

Herr Pötsch und die Wut der Aktionäre

  • Frank-Thomas Wenzel
    VonFrank-Thomas Wenzel
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Der Abgasskandal prägt die VW-Hauptversammlung in Hannover. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hat dabei einen schweren Stand: So mancher Anteilseigener sieht in ihm einen Vertreter des alten Systems.

Diesmal ist alles anders: Die sonst so opulente Autoausstellung in den Hannoveraner Messehallen fällt deutlich kleiner aus als früher. Damals, als im Reich von Volkswagen noch die Großmachtfantasien gelebt wurden, pflegte der scheinbar unantastbare, inzwischen aber abgetretene Konzernchef Martin Winterkorn sich bei den zwölf Konzernmarken und ihren Fahrzeugen in Szene zu setzen. Am Mittwoch fiel der Rundgang des Vorstandsvorsitzenden bei den blank polierten Boliden flach. Sich unter das Volk zu mischen, darauf hatte der neue Konzernchef Matthias Müller offenbar keine Lust. Verständlicherweise. Die Hauptversammlung des größten europäischen Autokonzerns drohte eine große Abrechnung zu werden. Und genau so kam es dann auch.

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch bittet als Vorsitzender des Kontrollgremiums in seiner Rede gleich mehrfach die Aktionäre um Entschuldigung. Vertrauen sei enttäuscht worden. Dieses müsse zurückgewonnen werden. Es gelte umfassend und schonungslos aufzuklären.

Und dann erläutert er die Chronologie des systematischen Betrugs mit Abgaswerten, der 2008 begann. Erst am 20. September 2015 gab der damalige Vorstandschef Winterkorn zu, dass Software eingesetzt wurde, die dafür sorgt, dass nur auf Prüfständen die Abgasreinigung funktioniert und sie im Normalbetrieb abgeschaltet wird, was in den USA und der EU illegal ist. Jetzt ermittelt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft gegen Winterkorn wegen Marktmanipulation, weil er die Betrügereien zu spät publik gemacht haben soll.

Pötsch hat einen schweren Stand auf dem Aktionärstreffen. Manche Anteilseigener sehen in ihm einen Vertreter des alten Systems und einen Hauptverantwortlichen für den Abgasskandal. Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionäre schlägt zum Beispiel in diese Kerbe. Ihm geht es nicht um Winterkorn, sondern um Pötsch selbst. Schließlich ist Pötsch seit vielen Jahren im Unternehmen, war im Spätsommer 2015 Finanzchef von Volkswagen, wechselte bald darauf in den Aufsichtsrat und schlüpfte dann in die Rolle des Chefaufklärers des Abgasskandals. Dufner forderte, Pötsch in einem ersten Schritt als Leiter der Hauptversammlung abzusetzen, danach müsse er seinen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat erklären. Pötsch sei der „personifizierte Interessenkonflikt“.

Die Führungskultur bei Volkswagen sei heruntergekommen und verlottert. Im Konzern herrsche eine Filzokratie aus den Großaktionärsfamilien Piëch und Porsche, dem Land Niedersachsen als weiterem Großaktionär und dem Betriebsrat. Mit Pötsch könne es keinen Neuanfang geben. Die Abstimmung über die Ablösung des Aufsichtsratschefs fällt indes wie erwartet aus: Nur 0,02 Prozent der Stimmen votieren dafür. Der Konzern wird eben von den Großaktionären kontrolliert – das Emirat Katar kommt noch hinzu. Doch dabei bleibt es nicht: Kurz danach wird ein zweites Mal über den Versammlungsleiter abgestimmt. Diesmal beantragen die Kleinaktionäre – erneut erfolglos – dass der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil die Versammlung leiten solle.

Die Kritik ist scharf an diesem Tag. Ein Vertreter mehrerer großer Fonds spricht davon, dass Pötsch mit seinem Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat gegen die Regeln der guten Unternehmensführung verstoßen habe. In das Kontrollgremium müssten mehr unabhängige Experten. Ulrich Hocker, Präsident der Aktionärsschützerorganisation DSW setzt noch eins drauf und spricht von einem kollektiven Versagen der Manager im Abgasskandal. „Wir stehen vor einem Trümmerhaufen“, sagt Hocker.

Er frage sich, wo der immer wieder beschworene technische Sachverstand des Vorstands sei – nach dem Motto „Per du mit jeder Schraube“. Schließlich zeige die Sache mit der Betrugssoftware, dass die Dieselmotoren von Volkswagen Mogelpackungen seien. Die Zeche, so Hocker, hätten auch die Aktionäre zahlen müssen. Die Volkswagen-Aktie hat nach der Aufdeckung der Manipulationen mehr als 50 Prozent an Wert verloren. Für Hocker gibt es kräftigen Applaus.

Bei Vorstandschef Müller fallen die Ovationen erheblich bescheidener aus. Dabei müht er sich, bittet mehrfach um Verzeihung, räumt eine Kultur der Selbstgefälligkeit ein. Das Fehlverhalten habe „unser höchstes Gut beschädigt: Das Vertrauen der Menschen in unser Unternehmen und unsere Produkte“. Doch man habe seine Lektionen gelernt: Bei der Freigabe von Steuerungssoftware und bei Emissionstests wurde nun strenger kontrolliert, zehn Manager seien „freigestellt“ worden.

Und er versucht das Desaster ins Positive zu wenden. Man müsse die Krise nun als Chance begreifen. Im Konzern solle alles dezentraler werden, Manager sollten mehr Eigenverantwortung übernehmen und sich mehr um Kunden und Wettbewerber kümmern. Er spricht auch vom „neuen Führungsmodell“ im Vorstand: „Unser und mein Job ist es nicht, sich im Detail mit der Gestaltung der Produkte zu befassen“. Das ist ein Seitenhieb gegen seinen Vorgänger Winterkorn, der für seine Detailverliebheit berühmt und berüchtigt war.

„Wir als Konzernvorstand kümmern uns vielmehr um die großen Zukunftsthemen“, so Müller. Die stehen für ihn unter dem Motto Nachhaltigkeit. Ganz wichtig sei dabei die Elektromobilität. Er kündigt an, dass Volkswagen bis 2025 mehr als 30 neue E-Fahrzeuge auf den Markt bringen will und dass die Batterietechnik ein neues Kompetenzfeld werde. Doch als er dann den für ihn bislang wohl wenig geläufigen Begriff Gigawattstunden aussprechen will, kommt er ins Stocken.

Während der Vorstandschef seine Rede hält, haben sich viele Aktionäre wieder in die Vorhalle begeben, wo es Würstchen in verschiedenen Varianten gibt. Und wo die Produkte des Unternehmens stehen, die noch immer von vielen Aktionären bewundert werden, obwohl sie für die alte Autowelt stehen. Dazu gehört etwa der knallgrüne Lamborghini Huracan. Beim Probesitzen im Porsche 911 Turbo wird feines Leder gestreichelt und der Schalthebel zärtlich getätschelt. Gleichwohl fragt eine Frau mit unüberhörbar schwäbischem Akzent: „Wofür braucht man so ein Auto?“ Der Wagen hat mehr als 500 PS und kann schneller als 300 Stundenkilometer fahren.

Ein Elektroauto wird in der Ausstellung nicht gezeigt.

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