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Der Herdentrieb der Analysten

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Von: Sebastian Wolff

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Wenn viele Experten eine bestimmte Aktie empfehlen, kann das für die Anleger auch ein Warnsignal sein.

Kaufen“, „halten“ oder „verkaufen“. Zu einem dieser knappen Urteile kommen Aktienanalysten in der Regel, nachdem sie intensiv Unternehmensbilanzen studiert, Analystenkonferenzen besucht und möglichst in persönlichen Gesprächen den Vorständen auf den Zahn gefühlt haben. Analysten sollten also Bescheid wissen, auf ihre Einschätzung müsste Verlass sein.

Was liegt da näher, als bei der Aktienauswahl auf das Urteil der Analysten zu vertrauen? Je mehr eine Aktie zum Kauf empfehlen, desto sicherer ist die Sache für Anleger, sollte man meinen.

In der Tendenz könne der Anleger sich durchaus an Analystenurteilen orientieren, sagt Frank Wieser, Vermögensverwalter bei der PMP Vermögensmanagement Donner & Reuschel in Luxemburg. „Bei einer Aktie, die überwiegend zum Kauf empfohlen wird, macht der Anleger wenig falsch.“

Analysten seien in der Regel sehr gut mit dem Geschäftsmodell eines Unternehmens vertraut, bestätigt Gerd Häcker, Leiter des Fondsmanagements der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung in München. „Sie begleiten die Geschäftsentwicklung der Firmen, haben Zugang zum Management und man gewährt ihnen häufig sehr gute Einblicke ins Unternehmen.“ Daher seien die Hinweise der Analysten sehr hilfreich, um die Chancen und Risiken einer Aktie besser zu verstehen, erklärt Häcker.

Eine Erfolgsgarantie ist es natürlich nicht, Aktien zu kaufen, die von vielen Analysten empfohlen werden. Denn wenn es so einfach wäre, die besten Werte auszuwählen, würde jeder an der Börse reich werden. Das Problem: Sobald eine neue Aktienanalyse veröffentlicht wird, wird sie in den Kurs eingepreist, wie es im Finanzjargon heißt. Das bedeutet nichts anderes, als dass sich die die Nachricht – also das neue Analystenurteil – unmittelbar auf den Aktienkurs auswirkt. Ist die Analyse sehr positiv, steigt in der Regel der Aktienkurs sofort. Damit wird die Aktie für Anleger teurer und entsprechend unattraktiver.

Ein fiktives Beispiel: Analyst Günther Schmidt von der Clever-Anlegen-Bank hatte bislang die Allianz-Aktie zum Kauf empfohlen und ein Kursziel von 135 Euro ausgesprochen. Jetzt aktualisiert der Analyst aufgrund neuer Erkenntnisse seine Empfehlung und hebt das Kursziel der Allianz-Aktie auf 140 Euro an. Daraufhin steigt der Aktienkurs sofort von 130 auf 135 Euro. Damit notiert die Aktie wie vor der aktualisierten Analystenempfehlung wieder nur fünf Euro unter dem Kursziel. Der Anleger hätte die Aktie also besser schon vor der neuen Empfehlung gekauft als jetzt.

Das Beispiel verdeutlicht: Aktien, die stark zum Kauf empfohlen werden, sind meistens auch schon sehr teuer. Wer auf dem hohen Kursniveau noch kauft, hat möglicherweise einen Großteil der Kurssteigerung schon verpasst. „Wenn eine Aktie besonders stark von Analysten empfohlen wird, sind womöglich schon viele positive Zukunftsaussichten zur Unternehmung im Kurs der Aktie vorweggenommen“, bestätigt Vermögensverwalter Häcker. „Daher sollte man dann die aktuelle Bewertung der Aktie besonders hinterfragen und auf weitere Kurschancen überprüfen“, so Häcker.

Mehr Kauf- als Verkaufsempfehlungen

Ein weiteres Problem für den Anleger: Analysten sprechen insgesamt deutlich mehr Kauf- als Verkaufsempfehlungen aus. Das hat damit zu tun, dass sich viele von ihnen damit schwer tun, eine Aktie zum Verkauf zu empfehlen. Denn dann verscherzen sie es sich womöglich mit dem Management des Unternehmens. Zudem sehen es die Arbeitgeber der Analysten – in der Regel Banken – lieber, wenn Aktien zum Kauf empfohlen werden, weil sie dann darauf hoffen können, dass viele ihrer Kunden der Empfehlung folgen und die Bank daran in Form von Gebühren verdient.

Tatsächlich überwiegen bei den 30 im Deutschen Aktienindex (Dax) notierten Konzernen die Kaufempfehlungen bei Weitem. Doch es gibt auch Ausnahmen: Die Aktie des krisengeplagten Energiekonzerns RWE wird derzeit öfter zum Verkauf als zum Kauf empfohlen. Bei der skandalerschütterten Deutschen Bank halten sich Kauf- und Verkaufsempfehlungen aktuell etwa die Waage. Die Kurse beider Aktien sind in den vergangenen Monaten bereits kräftig gefallen. Ob ein Verkauf auf dem niedrigen Niveau wirklich noch sinnvoll ist, darf auch bezweifelt werden.

Analysten aber folgen bei ihrer Einschätzung gern dem allgemeinen Trend: Ist eine Aktie in der jüngeren Vergangenheit schon stark gestiegen, erneuern sie ihre Empfehlung für diese Aktie oft und heben häufig die Kursziele noch an. Nicht selten kommt es sogar vor, dass Analysten einen starken Kursanstieg zum Anlass nehmen, eine „Halten“- oder „Verkaufen“-Empfehlung in eine „Kauf“-Empfehlung umzuwandeln. In solchen Fällen sollten Anleger vorsichtig sein. Denn in der Vergangenheit begann der Abstieg so mancher Aktie, die zuvor stark gestiegen war, genau dann, wenn alle voll des Lobes für sie waren.

Ist eine Aktie dagegen zuletzt stark gefallen, läuft es oft genau umgekehrt: Die Analysten werden dann in der Regel vorsichtig und raten vom Kauf ab oder empfehlen sogar plötzlich den Verkauf der Aktie, selbst wenn sie diese vorher noch zum Kauf empfohlen haben, als der Kurs noch deutlich höher war.

Viele Analysten unterliegen also einer Art Herdentrieb. Vermögensverwalter Häcker sieht in den Analysten-Urteilen deshalb nur einen Baustein für die Anlageentscheidungen, die er oder seine Mitarbeiter treffen: „Es ist wichtig, sich ein eigenes Bild über das Kurspotenzial einer Aktie zu erarbeiten“, sagt Häcker. „Analystenempfehlungen dienen uns nur als möglicher Hinweis auf etwaige Kurschancen oder -risiken.“

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