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Farina Schurzfeld, Mitgründerin der Psychotherapie-Firma Selfapy, bestätigt ihren Ruf, immer Vollgas zu geben.

Online-Therapie

„Die Hemmung, Hilfe zu suchen, ist groß“

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Selfapy-Gründerin Farina Schurzfeld über die Mängel in der Psychotherapie in Deutschland.

Sie kommt gerade aus einem Gespräch mit einem Investor. Bestens gelaunt und voller Energie. Es folgen eine herzliche Begrüßung und auf dem Weg zum Interview-Raum noch kurz Küsschen mit einer Bekannten. Farina Schurzfeld, Mitgründerin der Psychotherapie-Firma Selfapy, bestätigt ihren Ruf, immer Vollgas zu geben. Anders geht es als Gründerin auch nicht. Erst recht nicht, wenn man im Gesundheitswesen etwas erreichen will.

Frau Schurzfeld, wie kommt man auf die Idee, Menschen mit psychischen Problemen über das Internet zu heilen?
Es gibt in Deutschland eine Versorgungslücke für psychisch belastete Patienten. Im Schnitt wartet man drei bis sechs Monate, bis man einen Psychotherapie-Platz bekommt. Und schon die Hemmung, überhaupt Hilfe zu suchen, ist ziemlich groß. Letztlich erhalten, grob gesagt, nur 50 Prozent der Menschen mit psychischen Belastungen Hilfe. Das ist eine relativ geringe Anzahl, wenn man sieht, dass jeder Fünfte mit psychischen Belastungen im Leben zu kämpfen hat.

Sie haben die Versorgungslücke zu spüren bekommen, als Ihre Mutter an Krebs erkrankt ist…
… und ich fand es super krass, dass man da mit einer absolut schwerwiegenden körperlichen Diagnose komplett alleine ist. Wir haben damals drei Monate auf einen Therapieplatz gewartet. Meine Mitgründerin Nora kommt aus einer Therapeutenfamilie, bei der ständig der Anrufbeantworter voll war. Und Kati hat als Hiwi an der Charité die Aufgabe gehabt, Therapiebewerber abzulehnen. So hatten wir alle unsere persönlichen Berührungspunkte mit der Versorgungslücke.

Jetzt könnte man sagen, man kämpft für mehr Psychotherapeuten, um das Problem zu lösen. Aber Sie haben gesagt, wir machen das via Internet. Warum?
Wir haben da das Rad nicht neu erfunden. Digitale Therapieangebote gibt es schon seit mehr als zehn Jahren. In Ländern wie Australien, wo ich fünf Jahre gearbeitet habe, ist es ziemlich etabliert. Anders können sie das dort angesichts der enorm weiten Wege und geringen Bevölkerungsdichte kaum machen.

Das übliche Bild von der Psychotherapie ist: Man legt sich auf eine Couch und führt ein Gespräch mit einem Therapeuten und ergründet so seine Probleme und mögliche Lösungen.
Es gibt verschieden Therapieansätze. Zur Verhaltenstherapie, die wir anbieten, gehörte aber schon immer, dass man Kurse – früher mit Hilfe von Büchern macht – um seine persönlichen Ressourcen zu stärken. Ein guter Therapeut gibt Hausaufgaben, damit man sich zu Hause selbst mit seiner Situation beschäftigt. Man kann nicht erwarten, dass er ein Wunderheiler ist, der einen gesund macht, wenn man sich eine Stunde pro Woche bei ihm auf die Couch legt. Es braucht auch eigene Motivation.

Was lernt man bei Selfapy in den Kursen?
Wir bieten Programme für Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, chronische Schmerzen und Stress an. Und je nach Themenbereich ist es natürlich ein bisschen unterschiedlich. Am Anfang setzt man sich Ziele, zum Beispiel: Ich möchte mein Selbstwertgefühl stärken. Oder: Ich möchte mein Schlafverhalten verbessern. Danach erhält man einen darauf ausgerichteten Kurs. Und die Inhalte können sich dann über die Zeit natürlich auch noch verändern. Und dann lernt man zum Beispiel, ganz wichtig bei psychisch Belasteten, dem Tag Struktur zu geben.

Das heißt?
Es fängt damit an, dass man Tagesprotokolle schreibt. Wann geht es einem gut? Es ist der Klassiker depressiver Patienten, dass sie denken, dass es ihnen immer schlecht geht. Das ist aber nichts so. Es sind punktuelle Ereignisse. Da muss man herausfinden, wann man sich gut gefühlt hat und was das für Situationen waren. Das versuchen wir gemeinsam herauszuarbeiten. Dann schaut man, dass man mehr von diesen positiven Elementen in den Tag einbaut. Wir helfen dabei, vielleicht auch noch mehr positive Elemente zu finden. Angstpatienten machen expressives Schreiben. Sie schreiben Briefe an ihre Angst, die von Psychologen ausgewertet werden. Bei Essstörungen geht es darum zu lernen, wie Essen und Essensregulation funktioniert. Wir geben den Patienten einen Werkzeugkoffer, fünf, sechs Tools, die dann auch langfristig helfen, wenn es mal wieder nicht so gut gehen sollte.

Weiß Selfapy, wie sich der Gesundheitszustand der Patienten entwickelt?
Wir machen ein stetiges Symptom-Tracking über standardisierte Fragebögen. Wir haben zudem eine App, mit der man die Stimmung messen kann, das nehmen wir auch mit rein. Ich sage mal, es würde uns nicht mehr geben, wenn unser Programm nicht Wirkung zeigen würde. Wir haben mehrere Studien gemacht, jetzt gerade eine große mit der Charité, die zeigen, dass es wirkt.

Und wenn doch mal nicht?
Wir intervenieren, wenn es einem Patienten zu schlecht geht. Wir haben Verantwortung für die Person. Wenn sich die Kurve nach unten bewegt, führen unsere Therapeuten persönliche Gespräche, um zu schauen, was man verbessern kann.

Das heißt, Selfapy bekommt richtig Einblick in das Seelenleben der Kunden.
Ja!

Das ist ja auch ein wahnsinniges Vertrauensverhältnis.

Zur Person
Farina Schurzfeld ist Mitgründerin von Selfapy. Die 31-Jährige aus Detmold verschlug es nach ihrem BWL-Studium nach Australien, wo sie half, einen Ableger des Rabattportals Groupon aufzubauen. Es folgten die USA und Berlin.

Das Start-up Selfapy gründete Schurzfeld 2016 mit Katrin Bermbach und Nora Blum. Es hat heute 30 Mitarbeiter und bietet Kurse gegen Angstattacken, Bulimie und Depressionen an. FR

Bei uns ist es so, dass die Inhalte immer nur vom betreuenden Psychologen eingesehen werden können. Und man kann sich gar nicht vorstellen, was für Datenschutz-Auflagen wir haben. Das heißt, auch wenn wir mit Krankenkassen zusammenarbeiten, die die Kosten für die Nutzer tragen, bekommen die nie etwas zur persönlichen Situation eines Patienten zu hören.

Ersetzen Sie eine persönliche Therapie mit dem Therapeuten?
Generell: Nein. In leichten Fällen können wir sie obsolet machen. Unser Anspruch ist, die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken und Nachsorge zu bieten, wenn jemand aus einer Klinik oder von einer Therapie kommt. Das ist ungefähr ein Drittel der Leute. Und insbesondere sind wir für die da, die niedrigschwellig Hilfe suchen, weil ihnen der Gang zu Psychotherapeuten schwer fällt.

Wie gehen Sie damit um, wenn jemand, der sich schämt zum Therapeuten zu gehen, bei Ihnen anfängt und sich zeigt, dass er eine persönliche Therapie benötigt.
Unsere Psychologen, die mit dem Nutzer im Kontakt sind, haben genau die Aufgabe, das anzusprechen und bei der Suche nach einem Therapeuten zu helfen. Aber es bedeutet nicht, dass wir hexen können. In strukturschwachen Gebieten kann es schwierig werden, eine Lösung zu finden. Zaubern können wir nicht.

Ihre Psychologen telefonieren nur mit den Kunden. Kann man da überhaupt richtig helfen?
Über die Stimme kann man hohe Intimität herstellen. Beim Telefonieren kann ein großes Vertrauensverhältnis, eine starke persönliche Beziehung entstehen. Viele, viele Leute, bei uns über 90 Prozent, wollen nur telefonieren, die wollen zum Beispiel keine Videotelefonie.

Wie messen Sie Ihre Erfolgsquote?
Basierend auf den letzten Studien, die wir gemacht haben: 35 Prozent der Symptome werden durch unsere Therapie innerhalb von neun Wochen reduziert. Das ist vergleichbar zur klassischen Psychotherapie.

Solche Erfolge sprechen sich in der Regel rum: Wie entwickeln sich Ihre Kundenzahlen?
Es war ehrlich gesagt die ersten zwei Jahre wirklich, wirklich schwer. Obwohl wir empfohlen wurden. Wir haben immer etwa ein Drittel unserer Kunden über Empfehlungen erhalten. Aber vom Selbstzahler-Markt kann man in Deutschland nicht leben. Denn bezahlen tun nur die schwer kranken, die wir dann zwölf Wochen lang für 300 Euro betreut haben. Das lohnt sich finanziell nicht. Wichtiger aber noch: Wir sind für diese Menschen gar nicht das richtige Angebot.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Wir haben uns durch unseren Einsatz einen Namen als Kämpfer für die Menschen mit psychischen Problemen gemacht. Es muss okay sein, sich psychische Unterstützung zu holen. Es kann nicht peinlich, es darf nicht peinlich sein. Wir haben auch viel politisches Marketing gemacht. Mit dem neuen Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich politisch dann viel verändert und wir konnten im vergangenen Jahr den ersten Vertrag mit einer Krankenkasse abschließen. Inzwischen könnten 15 bis 20 Millionen potenziell unser Angebot umsonst nutzen. Seither funktioniert es auch für uns.

Auch mit den Investoren scheint es ganz gut zu laufen. Selfapy hat etwas mehr als drei Millionen Euro eingesammelt. Was für Erwartungen bringen die Investoren mit?
Das ist ein interessanter Punkt. Es gibt noch relativ wenige Investoren, die in Deutschland in Gesundheits-Start-ups investieren. Sie müssen viel Geduld mitbringen und ein Verständnis für die Abläufe im Gesundheitswesen. Man muss sich als Investor erst einmal wohlfühlen in einem Markt zu investieren, wo von der Ärzteschaft über die Krankenkassen und die Politik sehr viele Interessengruppen mitreden und die Mühlen langsam mahlen.

Wo sehen Sie denn Ihr Unternehmen in drei oder fünf Jahren?
Wir wären dann gerne europaweit für Menschen da, die eine niedrigschwellige Lösung brauchen bei einer leichten psychischen Belastung.

Und was, wenn die Politik plötzlich dafür sorgt, dass es viel mehr Therapeuten gibt?
Das fände ich erstmal toll. Und ich glaube nicht, dass wir dadurch obsolet würden. Wir könnten einerseits sogar mit den Psychotherapeuten zusammenarbeiten, um Patienten standardisierte Therapieansätze anzubieten. Denn wenn wir was können, dann ist es ein gewisses Qualitätslevel zu halten durch Inhalte, die wir immer weiter verbessern. Und das zweite ist: Die Nachfrage ist so hoch, dass auch mit einem größeren Therapeuten-Angebot uns die Arbeit nicht ausgehen würde.

Interview: Daniel Baumann

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