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Kleinbauern kann bei der Etablierung effizienter Produktionsmethoden und bei der lokalen Vermarktung geholfen werden.

Interview

„Wir haben nie nur verkaufen wollen“

Der Vorstandschef des Medizintechnikriesen B. Braun, Heinz-Walter Große, über die Chancen und Risiken von Geschäften in Afrika.

Afrika bietet Chancen für die deutsche Wirtschaft – nicht nur als Rohstofflieferant. Dennoch wagen sich nur wenige Unternehmen auf den Nachbarkontinent. Eines von ihnen ist der nordhessische Medizintechnikhersteller B. Braun Melsungen, der seit vielen Jahren dort tätig ist. Wir sprachen mit dem Vorstandschef Heinz-Walter Große über Geschäfte in Afrika. Als Vorsitzender der Subsahara-Initiative der deutschen Wirtschaft (Safri) engagiert sich Große auch gesellschaftlich für stärkere wirtschaftliche Beziehungen mit dem Kontinent.

Herr Große, was macht B. Braun in Afrika?
B. Braun ist seit mehr als 60 Jahren in Afrika aktiv. Wir verkaufen in allen 54 Ländern unsere Produkte. Dahinter stehen oft langjährige Händlerbeziehungen. Ein Händler in Äthiopien hat mir zum Beispiel kürzlich erzählt, dass er Anfang der 60er-Jahre bei einer Produktschulung in Melsungen war. Seit den politischen Veränderungen in den 1990er Jahren haben wir eine eigene Tochtergesellschaft in Südafrika. Dort haben wir inzwischen zwei Produktionsstätten, in denen unter anderem Händedesinfektionsmittel und Infusionslösungen produziert werden. Darüber hinaus betreiben wir in Südafrika etwa 30 Dialysestationen und behandeln dort rund 1200 Patienten.

Prof. Dr. Heinz Walter Große.

Wie sieht es in anderen afrikanischen Ländern aus?
Seit einiger Zeit haben wir auch eine Gesellschaft in Kenia, die aktuell noch im Aufbau ist. Hier wurde 2018 eine Produktion für Infusionslösungen mit rund 120 Mitarbeitern erworben. Neben Kenia haben wir im Februar auch in Ghana ein eigenes B. Braun-Büro eröffnet, in Sambia gibt es bereits eines. Bis heute haben wir über 60 Millionen Euro in den Aufbau unserer Gesellschaften vor Ort investiert – und tätigen etwa 100 Millionen Euro Umsatz, das sind etwa eineinhalb Prozent des Konzernumsatzes. Unser Ziel war es nie, in den Ländern nur zu verkaufen.

Wie viele Jobs hat B.Braun in ganz Afrika geschaffen? Und vor allem für wen?
Heute beschäftigen wir in ganz Afrika rund 1000 Mitarbeiter, 800 davon in Südafrika. In ein- bis anderthalb Jahren werden es dort 1000 sein. An der Spitze der Niederlassung in Johannesburg steht ein Deutscher. Die restliche Belegschaft sind aber lokale Mitarbeiter. Besonders interessant für die Fachkräftegewinnung ist das Programm „Afrika kommt“ der deutschen Wirtschaft mit der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, d.R.). Junge afrikanische Nachwuchsführungskräfte können sich dort bewerben und werden in deutschen Unternehmen ausgebildet. Neben kultureller und sprachlicher Ausbildung absolvieren sie ein neunmonatiges Praktikum. Bei B. Braun hatten wir bislang zwölf solcher Absolventen, die jetzt in Afrika für uns arbeiten: im Verkauf, im Marketing, im Finanzbereich oder in der Produktion.

Klingt, als würden sich Investitionen in Afrika rechnen. Wieso schrecken so viele europäische Unternehmer noch vor dem Markt zurück?
Man muss den absoluten Willen haben, sich den Herausforderungen Afrikas zu stellen. Ich glaube, daran mangelt es vielen. Sie scheuen das Risiko oder den Aufwand.

Was ist so aufwendig daran?
Zuerst einmal die Tatsache, dass wir es mit 54 Ländern zu tun haben. Produziert jemand in Kenia, ist die Frage: Wie viel kann in Kenia, wie viel in den angrenzenden Ländern abgesetzt werden? Und jedes Land hat eigene Gegebenheiten und spezifische politische und regulatorische Rahmenbedingungen. Für solche Tätigkeiten braucht es Fachkräfte. So etwas macht man nicht im Vorbeigehen.

Wo liegen denn die Risiken für deutsche Unternehmen?
Ein Drittel der afrikanischen Länder sind in ihrer Entwicklung schon weiter fortgeschritten, dagegen ist in einem weiteren Drittel die Lage noch sehr problematisch. Dies betrifft insbesondere die Rechts- und Regierungssysteme. Korruption spielt dabei durchaus eine große Rolle.

Was muss passieren, um die Rahmenbedingungen zu verbessern?
Die afrikanischen Regierungen müssen daran arbeiten, demokratische Strukturen in ihren Ländern zu etablieren, müssen Menschenrechte einhalten und Korruption eindämmen. Jährlich fließen rund 50 Milliarden Dollar illegal aus Afrika ab. Umgekehrt hat auch die Bundesregierung eine lange Aufgabenliste abzuarbeiten. Investitionen müssen gegen politische Risiken abgesichert werden. Auch müssen mit allen afrikanischen Ländern Doppelbesteuerungsabkommen vorangebracht werden. Kein Unternehmen wird einzig aus sozialen Gründen investieren.

In welchen Ländern kann bedenkenlos investiert werden?
Bedenkenlos nirgendwo. Südafrika hat sich stabilisiert. Aber selbst dort ist die heutige Situation durchaus angespannt. Vorzeigeländer sind im Moment Botswana und Ruanda, wo die Wirtschaft jährlich um acht Prozent wächst, und die Chancen bieten. Zum Beispiel für die Automobilindustrie: VW und BMW waren bislang im Wesentlichen in Südafrika tätig. VW geht jetzt auch nach Ruanda, Nigeria und Kenia und baut dort Werke. In Ruanda wird jetzt der Polo produziert. Sie bilden Fachkräfte aus. Das ist eine gute Entwicklung.

Wie bewerten Sie die deutschen Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent?
Die Aktivität deutscher Unternehmen nimmt zu, aber wir haben immer noch deutlich zu wenig wertschöpfende Arbeiten in diesen Ländern. Sehr viele Mittelständler sind dort über Händler aktiv, das war bei B. Braun genauso. In Kooperation mit eben diesen Händlern haben wir dann aber auch unsere Gesellschaften gegründet. Handelsbeziehungen sind oft der erste Schritt.

Wo hapert es noch?
Nehmen wir das Beispiel Ghana. Das ist einer der größten Kakaobohnen-Produzenten. Diese werden nach Europa exportiert und Ghana kauft dann die veredelte Schokolade zurück.

Warum können nicht europäische Unternehmen in Ghana Fabriken errichten, damit Ghana seine eigene Schokolade herstellen kann?
Ein großes Thema ist auch die Landwirtschaft. Der Kontinent hat so viele freie Flächen, es dürfte eigentlich keinen Hunger mehr in Afrika geben. Hier müssen wir unterstützen, zum Beispiel Kleinbauern bei der Etablierung effizienter Produktionsmethoden und bei der lokalen Vermarktung.

Was läuft in Europa falsch bezüglich Afrika?
Die Politik in Deutschland und Europa hat schon einige erste Schritte in die richtige Richtung getan. Aber es gibt zu wenig Koordination. Kritisch ist auch die Tatsache, dass wir mit teilweise hoch subventionierten Lebensmitteln den afrikanischen Markt überschütten und damit Kleinbauern an den Rand ihrer Existenz bringen. Wir essen in Europa die Hühnerbrust und schicken die Schenkel nach Afrika. Da ist die europäische Politik gefragt. Die erste Frage dabei ist: Wie geht man fair miteinander um?

Interview: Mona Linke

Zur Person

Prof. Dr. Heinz Walter Große (66) ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG mit Stammsitz im nordhessischen Melsungen bei Kassel. Im April 2019 wird sich Große aus dem Vorstand zurückziehen und den Posten an Anna Maria Braun übergeben. Nach dem Abitur in Kassel studierte der gebürtige Bad Emstaler in Göttingen. Seine Karriere bei B. Braun begann er als Assistent des Finanzvorstands, arbeitete für den Konzern in den USA und in Österreich. Seit 2012 engagiert sich B. Braun unter der Führung von Große in dem Programm „Afrika kommt!“, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) durchgeführt wird. Große ist außerdem Vorsitzender der Subsahara-Afrika-Initiative der deutschen Wirtschaft (SAFRI).

Die B. Braun Melsungen AG wurde 1839 gegründet und zählt weltweit zu den führenden Herstellern von Medizintechnik- und Pharma-Produkten. Zusätzlich zu den etwa 5000 Produkten, die zu 95 Prozent in eigener Fertigung hergestellt werden, bietet das Unternehmen Dienstleistungen für Kliniken, Patienten und niedergelassene Ärzte an. Im Geschäftsjahr 2017 setzte B. Braun 6,79 Milliarden Euro um, von denen 411,5 Millionen Euro als Überschuss blieben. Die Investitionen betrugen eine Milliarde Euro. Der nicht börsennotierte Konzern beschäftigt 63 000 Mitarbeiter, davon 7200 am Stammsitz Melsungen in Nordhessen. (FR)

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