1. Startseite
  2. Wirtschaft

Hassia-Vorstand: „Luxuswasser ist nicht unsere DNA“

Erstellt:

Von: Clemens Dörrenberg

Kommentare

Abfüllanlage von Hassia am Stammsitz in Bad Vilbel.
Abfüllanlage von Hassia am Stammsitz in Bad Vilbel. © Renate Hoyer

Hassia-Vorstand Stefan Müller über einen guten Sommer, Konkurrenz durch Wassersprudler sowie den Mangel an Flaschen und Etiketten.

Zum Interview am frühen Nachmittag trinkt Stefan Müller Kaffee. Vier Tassen seien es am Tag, berichtet der Geschäftsführer Marketing der Hassia Gruppe in Bad Vilbel, wenige Kilometer nördlich von Frankfurt. „Wasser mit Zusatz“, scherzt er gut gelaunt. Freuen kann sich Müller auch über die Geschäftszahlen des Getränkeherstellers. Im vergangenen Jahr hat Hassia einen Umsatz von 314 Millionen Euro erzielt. Der Absatz setzt sich zur einen Hälfte aus Mineralwasser und zur anderen Hälfte aus Limonaden und Fruchtsäften zusammen. Im Interview spricht Müller über die Unterschiede zwischen Leitungs- und Mineralwasser, über gerissene Lieferketten und daraus resultierenden Materialmangel sowie über das knapp gewordene Gut Kohlensäure.

Herr Müller, wie viele Liter Wasser trinken Sie täglich?

Zwei Liter.

Leitungs- oder Mineralwasser?

Das ist eine Frage, die sich mir nicht stellt. (lacht) Mineralwasser ist ein Naturprodukt, das aus einer tief gelegenen unterirdischen Quelle kommt. Es ist vor Verunreinigungen geschützt, weil es durch geologische Erd- und Gesteinsschichten nach oben abgeschottet ist. Auf dem Weg ins Erdinnere reichert sich das Wasser mit Mineralstoffen an. Es wird nichts aufbereitet und außer Kohlensäure nichts zugesetzt. Alles ist gesetzlich vorgeschrieben und wird strengstens kontrolliert. Dies ist die lange Geschichte. Die kurze lautet: Mir persönlich schmeckt es einfach. Leitungswasser kann man sicher zur Not hie und da auch mal trinken, mein bevorzugtes Getränk wird es nie werden.

Die Öko-Bilanz von Mineralwasser kann aber mit Leitungswasser nicht mithalten. Verpackungen, Transportwege, Treibhausgasemissionen, Chemikalien zur Desinfizierung. Was sagen Sie Menschen, die dem Konsum von Mineralwasser kritisch gegenüber stehen?

Leitungswasser ist ein technisch hergestelltes Produkt. Wenn man weiß, dass bis zu 90 Zusatzstoffe und neun Desinfektionsverfahren eingesetzt werden können, um das kühle Nass zu produzieren, dann möchte ich es nicht unbedingt häufig trinken. Wir würden aber nie behaupten, dass man Leitungswasser nicht trinken darf. Es hat einfach nur rein gar nichts mit dem Naturprodukt Mineralwasser gemein, es sind zwei komplett verschiedene Produkte. Schließlich wird auch gerne vergessen, dass das Leitungswasser nur kontrolliert bis zum Hausanschluss abgegeben wird und nicht bis zum Wasserhahn im Hausinneren. Auch unter Klimagesichtspunkten muss man kein Leitungswasser trinken: Als regional aufgestelltes Unternehmen sind unsere Mineralwässer klimaneutral.

Zu Ihrem Geschäft: Der Sommer war wieder heiß und trocken wie in den letzten Jahren. Pro Kopf wurden im 2021 laut Deutschem Mineralbrunnenverband durchschnittlich 122,7 Liter Mineralwasser getrunken. In diesem Sommer muss Ihr Geschäft mindestens genauso gut oder noch besser gelaufen sein.

Die ersten Monate waren eher verhalten. Dann kam der gute Sommer, so dass es in Summe bisher ein eher gutes Jahr gewesen ist. Die exakte Statistik zum Pro-Kopf-Verbrauch 2022 bekommen wir aber erst Anfang des kommenden Jahres.

Sind Sie zufrieden mit Ihrem Umsatz?

Mit der Umsatzentwicklung sind wir in diesem Jahr zufrieden, aber die Kostenseite war und ist sehr belastend. Nicht nur durch den Ukraine-Krieg, und den damit gestiegenen Energiekosten, sondern auch immer noch durch die Corona-Effekte. Die Lieferketten funktionieren weiterhin nicht, wir haben Engpässe in allen Bereichen. Es reicht von fehlenden Flaschen, Kisten und Etiketten bis hin zu Frachtcontainern, von dem allgemeinen Personalmangel gar nicht zu sprechen.

Gerade Hitze und Trockenheit der letzten Jahre werden immer mehr zum Problem. Der Grundwasserpegel sinkt.

Die flächendeckende Grundwasserversorgung steht aufgrund des Klimawandels sicher vor großen Herausforderungen. Allerdings muss auch berücksichtigt werden, dass 96 Prozent des Leitungswassers zum Waschen, Spülen oder Duschen genutzt werden oder im Leitungssystem versickern. Nur vier Prozent werden für die Ernährung genutzt. Dabei beträgt der Mineralwasser-Anteil an der Gesamtentnahme 0,4 Prozent. Unser Mineralwasser hat mit dem Grundwasserpegel im Übrigen nichts zu tun. Unsere Quellen, die wir staatlich kontrolliert nutzen können, liegen sehr viel tiefer als das Grundwasser, zwischen 100 und 300 Metern, und sind vom Grundwasser durch Gesteinsschichten getrennt.

Stefan Müller.
Stefan Müller. © Eugen Sommer

Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn Sie mir sagen, wie exakt das Wetter in 100 Jahren ist, kann ich Ihnen mehr dazu sagen. (lacht) Im Ernst: Die Klimaerwärmung ist natürlich ein Fakt, wir können bei unseren Quellen derzeit aber keinerlei Veränderung feststellen. Wir führen mehrfach täglich Messungen an den Quellen durch und übermitteln diese Daten unmittelbar an die Behörden.

Woher kommt eigentlich das Wasser, das Sie in Flaschen abfüllen?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Es ist von Quelle zu Quelle verschieden und hängt von den jeweiligen Gesteinsschichten und der geologischen Lage ab. Bei unseren Quellen in Bad Vilbel finden sich die Ursprünge überwiegend im Taunus und Vogelsberg. Bad Vilbel ist unser größter Standort mit circa 30 aktiven Brunnen. In Summe haben wir bundesweit rund 60 Brunnen.

Gehört Ihnen das Wasser in diesen Brunnen?

Wasser ist in Deutschland nicht eigentumsfähig. Es gehört niemandem, es ist Allgemeingut. Der Staat gewinnt in Deutschland das Wasser nicht selbst, sondern bewirtschaftet es, indem er Wassernutzungen erlaubt. Jede Nutzung ist streng geregelt und wird regelmäßig von den Behörden bilanziert und kontrolliert. Somit nimmt niemand in Deutschland irgendwem das Wasser weg – das ist gar nicht möglich.

Kohlensäure droht derzeit zum raren Gut zu werden. Hintergrund ist die gebremste, energieintensive Düngemittel-Herstellung wegen extrem gestiegener Gaspreise. Ein Nebenprodukt ist Kohlendioxid, aus dem Kohlensäure gewonnen wird. Wie steht es um Ihre Kohlensäure-Bestände?

Wir haben fast ausschließlich biogene Kohlensäure im Einsatz, ein Beiprodukt der Bioethanol-Gewinnung aus Getreide- und Zuckerrohr, und sind deswegen davon nicht betroffen.

Aber wird es teurer für Sie?

Nein, wir haben Kontrakte mit unseren langjährigen Partnern. Aber wenn ein Gut knapp wird, und jeder versucht momentan, an Kohlensäure heranzukommen, kann es grundsätzlich zu steigenden Preisen am Markt führen.

Steigen dann auch die Preise im Supermarkt?

Wegen der Kohlensäure alleine wird es natürlich keine Preiserhöhungen geben, sie macht nur einen kleinen Teil unserer Gesamtkosten aus. Wir erleben gerade aber massive Kostensteigerungen in nahezu allen Bereichen unserer Wertschöpfungskette. Von daher werden Preisanpassungen auf Sicht nicht gänzlich zu vermeiden sein.

Zur Person

Stefan Müller (55) ist Geschäftsführer Marketing und Vorstandsmitglied der Hassia Gruppe. Davor war der Industriekaufmann und studierte Betriebswirt fast 20 Jahre lang beim Saft-Hersteller Eckes-Granini beschäftigt und dort zuletzt Marketing-Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung.

Die Hassia Gruppe gehört zu den stärksten deutschen Markenanbietern für alkoholfreie Getränke. Zu dem in fünfter Generation geführten Familienunternehmen aus Bad Vilbel zählen neben dem Stammhaus Hassia Mineralquellen der Wilhelmsthaler Mineralbrunnen, die Rapp’s Kelterei, Kumpf Fruchtsaft, der Bio-Pionier Bionade, Carolinen Brunnen, Gaensefurther Schlossbrunnen, Glashäger Brunnen, Güstrower Schlossquell und Thüringer Waldquell.

Das Unternehmen geht auf den Gastwirt und Getränkehändler Johann Philipp Wilhelm Hinkel zurück, der 1864 auf dem Familiengrundstück in Bad Vilbel eine erste Quelle erschloss. cd

Auch wenn Kohlensäure nun rarer werden soll: Seit mehreren Jahren liegen Wassersprudler im Trend. Bequem kann damit zu Hause das Leitungswasser mit Kohlensäure versetzt und zum Sprudeln gebracht werden. Inwiefern stellen solche Sprudler eine Konkurrenz für Sie dar?

Während der Corona-Pandemie hat sich das Konsumverhalten verändert. Die Leute sind mehr zu Hause und das hat Einfluss auf ihr Einkaufsverhalten. Da war ein sehr starker Anstieg der Sprudler und auch der Sirupe zu verzeichnen. Momentan entwickelt sich das eher wieder in die andere Richtung. Wassersprudler bleiben aber in unserem Wettbewerbsumfeld.

Gurke-Minze, Limette-Zitrone oder Melone: Wie betrachten Sie den Markt für aromatisiertes Wasser mit Geschmack, auch „Infused Water“ genannt?

Spannend. Die Infused Water sind in der Regel mineralwasserbasiert und bieten eine geschmackliche Abwechslung. Es gibt eine Vielzahl guter Konzepte, mit natürlichen Zutaten und wenig Zucker oder gar keinem Zucker. Die Idee ist aber nicht ganz neu, wir haben sie bereits seit Jahrzehnten im Sortiment.

Wie stehen Sie zum Luxuswasser-Segment? Der Gletschertropfen aus der Eiszeit oder tasmanisches Regenwasser für 20 Euro bis 30 Euro pro Flasche. Können Sie sich solche Edelwässerchen für Ihr Unternehmen vorstellen?

Das ist nicht unsere DNA, nicht unsere Überzeugung. Wir sind regional aufgestellt und glauben, dass man Mineralwasser nicht über die Alpen, aus Frankreich oder von den Fidschis nach Deutschland transportieren muss. Deswegen würden wir natürlich niemals ein Wasser aus Tasmanien vermarkten, auch wenn es dort landschaftlich sehr schön ist.

Gebe es in Bad Vilbel also auch keines, für das Sie an die 20 Euro verlangen könnten?

Das ist nicht unsere Unternehmens-Mission. Wir wollen ein Teil des täglichen Lebens unserer Konsumentinnen und Konsumenten sein. Diese Luxus-Premium-Wasser passen nicht dazu.

Interview: Clemens Dörrenberg

Auch interessant

Kommentare