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 „Gesunde Ernährung mit Hartz 4 geht nicht“: Expertin warnt vor Verschärfung der Situation

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Von: Tanja Koch

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Ein Mann kauft in einem Tafelladen Lebensmittel ein. Die schnell steigenden Preise in fast allen Lebensbereichen machen den Menschen in Deutschland zurzeit größere Sorgen als alles andere.
Die schnell steigenden Preise in fast allen Lebensbereichen machen den Menschen in Deutschland zurzeit größere Sorgen als alles andere. © Bernd Weißbrod/dpa

Nicht nur Gas und Strom, sondern auch Lebensmittel haben sich aufgrund des Ukraine-Kriegs verteuert. Was bedeutet das für Hartz-4-Beziehende?

Frankfurt am Main – Um 14,8 Prozent sind die Preise für Lebensmittel im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Im Juni und Mai lag die Teuerungsrate bei 12,7 beziehungsweise 11,1 Prozent. „Menschen mit wenig Geld sind bei Preissteigerungen bis zu fünfmal so hoch betroffen wie Normalverdienende“, sagte Eva-Maria Thalmeier von der Landesvereinigung für Gesundheit. „Sie haben keinerlei Rücklagen, um Notsituationen abzufedern.“ Früher hätten Menschen in Armut häufig Spaghetti mit Tomatensoße gegessen. Bei Preissteigerungen von 154 Prozent für Spaghetti und 57 Prozent für Dosentomaten sei aber selbst das gefährdet.

Der Hartz-IV-Anteil, der für die Ernährung gedacht ist, hat sich von 2021 bis 2022 zudem nur von 154,78 auf 155,82 € pro Monat erhöht. Das zeigen Angaben der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Laut Regelsatz für Hartz 4 fällt der Betrag für Kinder und Jugendliche sowie Menschen in Paarhaushalten sogar noch geringer aus.

Wie hoch ist der Hartz-IV-Regelsatz 2022?
449 Euro im Monat für Alleinstehende und Alleinerziehende (2021: 446 Euro).
404 Euro für Partner, wenn beide volljährige sind (2021: 401 Euro).
360 Euro für erwachsene Leistungsberechtigte, die keinen eigenen Haushalt führen, weil sie im Haushalt anderer Personen leben. Damit sind über 25 Jahre alte Erwachsene gemeint, die im Elternhaus leben oder Wohngemeinschaften (2021: 357 Euro).
376 Euro für Kinder in der Bedarfsgemeinschaft von 14. bis 17. Jahren sowie Personen, die das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und ohne Zusicherung des BGA umziehen (2021: 373 Euro).
311 Euro für Kinder von 6 bis 13 Jahre (2021: 309 Euro).
285 Euro für Kinder bis 6 Jahre (Sozialgeld) (2021: 283 Euro).
Quelle: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Hartz 4 und gesunde Ernährung: Expertin warnt vor „Verschärfung der Situation“

Ist es möglich, sich vor dem Hintergrund der durch den Ukraine-Krieg und die Sanktionen gegen Russland ausgelösten Preisanstiege zu ernähren, gar gesund zu ernähren? „Schon in der Vergangenheit zeigten Befunde der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Gesunde Ernährung mit Hartz 4 geht nicht“, sagt Sabine Pfeiffer, Professorin für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, im Gespräch mit fr.de von IPPEN.MEDIA. Angesichts der eklatanten Preisentwicklung „haben wir auf jeden Fall eine Verschärfung der Situation“, warnt sie. Schon die normale Preissteigerung über die Jahre sei nicht adäquat bei Hartz 4 einberechnet worden.

Die Folge: Menschen, die Hartz 4 beziehen, müssen auf frisches Gemüse und Co verzichten. „Von Ernährungs-Studien aus Großbritannien – wo diese oft viel dedizierter sind als bei uns – wissen wir, dass der Griff zu hochprozessierter Nahrung immer günstiger ist“, weiß die Expertin. Das habe gravierende soziologische Folgen. „Es kann nicht sein, dass wir so verteilen, dass etwa Kinder schlecht ernährt in die Schule kommen, sich deswegen schlechter konzentrieren können und dann einen noch schlechteren Start als ohnehin schon ins Leben haben.“

Hartz 4 und Mangelernährung – „Phänomen gab es viele Jahre lang nur in Entwicklungsländern“

Auch Mangelernährung in der Schwangerschaft und im frühkindlichen Alter wirke sich langfristig aus – sogar in Form von Schäden, die nicht revidierbar sind. „Dieses Phänomen gab es viele Jahre lang nur in Entwicklungsländern. Aber mittlerweile ist es auch in unseren Wohlstandsgesellschaften angekommen“, sagt die Soziologieprofessorin.

„Wenn sich der Gesetzgeber hier nichts Ernsthaftes einfallen lässt, denn mit einer Einmalzahlung ist es nicht getan, wird sich das Problem noch verstärken. Die Politik verlässt sich aber seit Jahren zunehmend darauf, dass die Tafeln es schon richten werden“, kritisiert sie.

Hartz-4-Beziehende: Viele stehen vor der Wahl, zu hungern oder zu frieren

Und diese kommen allmählich an ihre Grenzen. Die Tafeln in Hessen etwa verzeichnen eine stark gestiegene Nachfrage nach gespendeten Lebensmitteln. Bis Juli seien in diesem Jahr 35 Prozent mehr Kunden zu verzeichnen, sagte Katja Bernhard vom Landesverband der Tafeln. Zugleich seien 30 Prozent weniger Lebensmittel an die insgesamt 58 Tafeln im Land weitergegeben worden – unter anderem, weil Supermärkte nun genauer kalkulierten, sodass weniger übrig bleibe. Zeitweise seien lokal Aufnahmestopps für Neukunden nötig geworden. Der Anstieg bei der Nachfrage sei unter anderem auf Geflüchtete aus der Ukraine zurückzuführen. Angesichts der Preissteigerungen sei zu erwarten, dass sich auch in den kommenden Monaten mehr Menschen meldeten.

In vielen Fällen stellt sich die Frage nach gesunder Ernährung schon gar nicht mehr. Angesichts der explodierenden Energiekosten, der Inflation und niedrigen Löhnen – warnt die Landesarmutskonferenz – stünden viele inzwischen vor einer ganz anderen Wahl: zu hungern oder zu frieren. (tk mit epd/dpa)

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