Handwerk

Roboter allein schaffen’s nicht

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Das Handwerk sucht händeringend Personal. Zentralverband wirbt um Frauen, Migranten und politische Unterstützung.

Holger Schwannecke ist wenig beeindruckt vom wachsenden Chor der Konjunkturpessimisten. „Die Auftragslage ist hervorragend, die Geschäfte laufen gut“, sagt der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) für den Wirtschaftsbereich mit hierzulande rund einer Million Betriebe und 5,5 Millionen Beschäftigten. Ungeachtet schwächelnder Industriekonjunktur werde das Handwerk in Deutschland 2019 wie im Vorjahr weitere rund 30 000 Stellen aufbauen. Auch das Umsatzwachstum schwäche sich dieses Jahr mir vier Prozent auf rund 634 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahresplus von fünf Prozent kaum ab. Das heißt nicht, dass die Branche im Vorfeld der am Mittwoch in München beginnenden Internationalen Handwerksmesse sorgenfrei ist.

Das weiß jeder, der hierzulande einen Handwerker braucht und immer länger auf Termine warten muss. Denn bundesweit bis zu 250 000 Metzger oder Bäcker, Bauarbeiter jeder Art sowie Beschäftigte aller Lebensmittelgewerke würden derzeit sofort eingestellt, gäbe es solche Arbeitssuchenden. Es droht, noch schlimmer zu werden, wie nicht nur die 2018 rund 17 000 branchenweit unbesetzt gebliebenen Ausbildungsplätze zeigen. In den nächsten Jahren stehen in rund 200 000 Handwerksbetrieben deutschlandweit Unternehmensnachfolgen an. Wer die antritt, ist vielfach völlig offen.

Etwa die Hälfte aller Betriebe wird innerhalb von Familien übergeben, ein weiteres Viertel an Mitarbeiter, besagt eine Faustregel. Bleiben rund 50 000 Betriebe, die extern einen Nachfolger suchen, aber mangels Nachwuchs und Interessenten nur sehr schwer finden. Ändern lasse sich der ausufernde Notstand nur durch einen Kraftakt, meint der ZDH. Man müsse alle inländischen Potenziale anzapfen, von Frauen bis zu Migranten, politisch eine Bildungswende hin zur Gleichberechtigung von beruflicher und akademischer Ausbildung ausrufen und das auf der Zielgeraden befindliche Gesetz zur Fachkräfteeinwanderung unverwässert bis Mitte 2019 abschließen.

„Sein eigener Chef sein“

Weiblicher wird das Handwerk bereits. Jede vierte Gründung eines Handwerksbetriebs und jede sechste erfolgreiche Meisterprüfung gehen mittlerweile auf das Konto einer Frau. Jeder fünfte Handwerksbetrieb hat eine Chefin. Fast ein Viertel aller Lehrlinge sind weiblich. Technisches Handwerk bleibt aber vielfach noch eine Männerdomäne.

Den Fachkräftemangel entschärfen helfen auch Migranten. Rund 17 000 Lehrstellen habe man voriges Jahr aus diesem Kreis besetzten können, schätzt man bei ZDH. Das war mehr als jeder zehnte Auszubildende. Dazu kommt, dass auch das Handwerk immer digitaler wird und mit sogenannten Cobots, dem Menschen zuarbeitende Roboter, als neue Kollegen vor der Tür stehen. Das ist einer von 25 Trends, die Forscher Peter Wippermann für das Handwerk auf einer eigens erstellten Trendmap 2025 ausmacht.

Handwerker brauchen beim Einsatz von Cobots keine Programmierkenntnisse, weil die eigenständig lernen und Aufgaben wiederholen können, die ein Mensch ihnen am Computerarm gezeigt hat. Auch 3D-Druck hält im Handwerk verstärkt Einzug, wenn Wippermann nicht irrt. Die Einsatzmöglichkeiten gehen hier von orthopädischen Hilfsprodukten über Schokolade bis zur Zahntechnik. Überall dort, wo Einzelanfertigungen gefragt sind, ist 3D-Druck künftig Mittel der Wahl.

Schwannecke glaubt aber nicht, das Cobots und andere Formen der Digitalisierung den Fachkräftemangel im Handwerk merklich dämpfen werden. Ermöglicht werde dadurch vor allem höhere Qualität und eine für breitere Schichten erschwingliche Renaissance der Maßanfertigung. Um die sich zur Wachstumsbremse auswachsende Fachkräftelücke zu schließen, brauche es vor allem menschlichen Nachwuchs. „Wer sein eigener Chef sein will, hat im Handwerk so große Chancen wie nie“, wirbt Schwannecke.

Wohin Handwerk führen kann, zeigen Erfolgsgeschichten wie die der Langhaarmädchen. So haben die beiden Friseurmeisterinnen Mona Mayr und Julia Schindelmann ihr Start-up genannt. Per mobilem Stylingbus kommen sie zu ihrer Kundschaft und zelebrieren Arbeit als Event. Das Duo ist binnen Jahresfrist sogar zur Marke geworden mit einer eigenen Pflege- und Stylingserie. Der goldene Boden des Handwerks ist facettenreich.

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