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Handlungsreisender Brüderle

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Von: Markus Sievers

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Rainer Brüderle mit  Indiens Finanzminister Pranab Mukherjee.
Rainer Brüderle mit Indiens Finanzminister Pranab Mukherjee. © dpa

Der Wirtschaftsminister entdeckt Indien. 80 Unternehmer hat er auf seiner Reise mitgenommen, die von diesem Markt profitieren wollen, darunter auffallend viele Rüstungsproduzenten.

Es gibt einiges, das würde der deutsche Wirtschaftsminister am liebsten gleich nach Hause mitnehmen von seinem Besuch im rasch expandierenden Schwellenland Indien. Begeistert hört Rainer Brüderle (FDP) zu, wie Bernhard Steinrücke, Chef der Außenhandelskammer in New Delhi, ihm und mitgereisten Unternehmern von indischen Auszubildenden erzählt. Die lernen nicht nur fleißig und ehrgeizig, selbst wenn sie schon ein abgeschlossenes Studium mitbringen. Die zahlen ihrem Arbeitgeber auch noch für die Lehre, die sie meist auf Pump finanzieren. „Und da debattieren wir in Deutschland noch über Studiengebühren“, entfährt es Brüderle. Manchmal sei es doch gut, „wenn man in der Welt herum kommt“.

Der Unterschätzte fasst Tritt

Da ist er: der wirtschaftsliberale Mahner, der sich als kompromissloser Verteidiger der freien Marktwirtschaft, als ordnungspolitisches Gewissen versteht. Eigentlich hat der Pfälzer seine Rolle immer so verstanden, seit er seinen Traumjob im Bundeswirtschaftsministerium antrat. Doch nahm ihn lange keiner so richtig ernst, weil Brüderle den Start im Herbst 2009 mindestens genauso verstolperte wie die Kollegen im schwarz-gelben Kabinett.

Die Kanzlerin ärgerte sich über einen Dampfplauderer, dem sie Disziplinlosigkeit vorwarf, weil Brüderle in Südamerika geheime Details über den Euro-Rettungsschirm verriet. Die Medien verspotteten ihn als weinseligen Provinz-Politiker. Doch irgendwann wurde aus dem „Karl Moik der Wirtschaftspolitik“ der „Unterschätzte“.

Während die schwarz-gelbe Regierung insgesamt weiter vor sich in stolpert, fasst ihr Wirtschaftsminister Tritt. Viel geändert hat er nicht, wenn überhaupt etwas. „Eigentlich macht er alles wie immer“, sagt ein Vertrauter aus dem Ministerium über den Chef. Die Trendwende leitete das Nein zu Opel-Hilfen ein, das er gegen die Kanzlerin durchsetzte. Seitdem das gut ging, weil der Autobauer die Staatsknete gar nicht brauchte, wird Brüderle als Anwalt der Steuerzahler gefeiert, gilt als weitsichtiger Liberaler in der Tradition Ludwig Erhards.

In Indien hat Brüderle nach eigenem Bekunden manches aufzuholen, weil er das erste Mal hierhergekommen ist, während er in unterschiedlichen Funktionen schon geschätzte 20-mal in China war. Doch Indien tritt aus dem Schatten des großen asiatischen Rivalen heraus. Beide Länder sind stark aus der Krise gekommen, sorgen zusammen für die Hälfte des globalen Wachstums.

„Hilfe bei legalen Geschäften“

Doch nur in Indien finden Investoren trotz aller inner- und außenpolitischen Spannungen eine stabile Demokratie, eine wachsende Bevölkerung und eine starke Binnenwirtschaft. Anders als China hängt Indien nicht am Export, so dass die deutsche Wirtschaft mit einem Volumen von acht Milliarden Euro rund drei Milliarden Euro mehr ausführt als importiert. 80 Unternehmer hat Brüderle mitgenommen, die von diesem Markt profitieren wollen, darunter auffallend viele Rüstungsproduzenten wie EADS, Krauss-Maffei Wegmann oder Thyssen-Krupp Marine Systems.

Er helfe bei allen legalen Geschäften, rechtfertigt sich Brüderle. Auf die Branche komme es ihm dabei nicht an. „Ich fahr doch nicht als Panzerlieferant nach Indien, sondern als Handelsminister.“ Abzunehmen ist dem FDP-Mann, dass er sich nicht als Waffen-, sondern als Wirtschaftslobbyist allgemein versteht. So viel Spaß jedenfalls hat erkennbar schon lange kein Wirtschaftsminister an seinem Amt gefunden. Während Michael Glos vor sich hin grummelte und selbst Karl-Theodor zu Guttenberg (beide CSU) nur mit seiner glänzenden Außenwirkung das Fremdeln zu überspielen vermochte, macht Brüderle genau das, was er am liebsten macht: den Interessen deutschen Unternehmer dienen, egal ob in New Delhi oder Berlin.

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