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Proteste am Hambacher Forst 2018.

Hambacher Forst

RWE treibt Tagebau voran

Der Kohlekonzern macht in der Region um den Hambacher Forst Tempo.

Von Bärbel Schnell

Wenn wir das, was hier im Moment passiert, jemandem als Kinodrehbuch anbieten würden – es würde mit Sicherheit abgelehnt, weil die Story viel zu übertrieben ist.“ Marita Dresen aus dem rheinischen Kuckum ist fassungslos. Das Wissen, dass ihr Dorf zu den Orten zählt, die dem näherrückenden Tagebau Garzweiler II geopfert werden sollen, prägt den Alltag der 52-Jährigen seit Jahren. Doch während die Kohlekommission in den vergangenen Monaten den Ausstieg aus der Braunkohle und möglicherweise sogar eine Rettung der Dörfer vorbereitete, erhöhte der Tagebaubetreiber RWE den Druck in der Region – und viele Umsiedler fühlen sich als Vertriebene.

Anfang September legte der Konzern die A61 zwischen den Autobahnkreuzen Wanlo und Jackerath still. Schon zwölf Wochen später war von der sechsspurigen, vor wenigen Jahren noch aufwendig sanierten Verkehrsader, nur noch eine Schotterpiste übrig. Nun graben sich auf der einen Seite die Schaufelradbagger in den rheinischen Löß, und senden damit eine deutliche Botschaft an die Bewohner der Dorfidylle von Keyenberg und Kuckum auf der anderen Straßenseite: Es ist soweit.

Pünktlich zur Veröffentlichung des Abschlussberichts der Kohlekommission trauten die Bewohner der Ortschaften dann gleich mehrfach ihren Augen nicht: Auf einem noch nicht enteigneten Acker an der Autobahntrasse ließ der Konzern ohne Genehmigung des Eigentümers Gräben ziehen; während die Devastierungsarbeiten bis jetzt an Wochenenden ruhten, wurden nun Samstags und Sonntags neue Sümpfungspumpen unmittelbar an privaten Grundstücksgrenzen errichtet. Anfang der Woche schließlich Rodungsarbeiten am Rand des Keyenberger Waldes zur Vorbereitung einer Umgehungsstraße, die nur dann gebraucht werden wird, wenn die Dörfer tatsächlich weichen.

Rodung erster Gärten beginnt

Dreißig Kilometer südlich präsentiert sich ein ähnliches Bild: Obwohl die Ortschaft Manheim vom Tagebau aus gesehen jenseits des Hambacher Waldes liegt, dessen Erhalt die Kommission als „wünschenswert“ festgeschrieben hat, treibt der Konzern ihre Vernichtung beschleunigt voran und beginnt nun auch in Morschenich mit der Rodung erster Gärten, obwohl man in der Region davon ausgeht, dass der Ort bestehen bleiben wird.

Während sich der Konzern für den Übergriff auf Privatgelände inzwischen öffentlich entschuldigt und ihn als „Versehen“ bezeichnet hat, macht er gleichzeitig klar, wie er die Arbeit der Kohlekommission auslegt: „Der Abschlussbericht der Kommission hat beim Thema Umsiedlungen für Klarheit gesorgt: Dort ist eindeutig ausgeführt, dass die laufenden Umsiedlungen fortgeführt werden sollen.“

Tatsächlich fordert der Bericht die Landesregierung zum Dialog mit den Umsiedlern auf. Diese warten weiter darauf, dass das Gespräch aufgenommen wird. „Was ich nicht verstehe: Armin Laschet hat heute Zeit, auf einer Betriebsversammlung mit RWE-Mitarbeitern zu sprechen – statt hierher zu kommen, wo es so drängt“, so Marita Dresen, für die die Zeit der Mutlosigkeit dennoch vorbei ist. Die Proteste der vergangenen Monate haben ihr die Hoffnung zurückgegeben, doch noch bleiben zu können. „Jedenfalls glaube ich heute, unsere Chance war noch nie so groß wie jetzt.“

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