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12.000 Menschen passen in den Gebetsraum der Yoido Full Gospel Church in Seoul.

Südkorea

„Halleluja, Halleluja“

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Das Christentum ist in Südkorea eine Erfolgsgeschichte. Mehrere der größten Gotteshäuser stehen hier. Die Kirchen machen mit dem Glauben Geschäft und Politik.

Erhebt euch von euren Plätzen“, ruft der Pastor durch das Mikrofon und dreht seine Handflächen gen Saaldecke. Im Singsang beginnt er: „Wenn du eine Krankheit hast, so wird sie geheilt werden. Du bist eine gesunde Person. Du musst die Krankheit nur bekämpfen.“

Das Meer von Zuhörern wankt vom linken auf das rechte Bein und wieder zurück, grummelt zum Rhythmus des Vorbeters unten hinterm Pult. „Amen!“ Die Menge wiederholt. „Halleluja! Halleluja!“ Frenetischer Lärm. Bei 12 000 Menschen unter einem Dach kommt ein Gebet einem Beben gleich. „Schon heute werden bei einigen von euch Bauchschmerzen verschwinden.“

Mehrere Minuten geht es so, bis sich die Gläubigen wieder setzen. Die Predigt geht weiter. Pastor Lee Young-hoon, ein älterer Herr mit vollem, schwarzem Haar, hat sich heute die Themen Gesundheit und Gesundheitssystem vorgenommen. „Der einzige Weg zu Gesundheit ist der Glaube daran!“, erklärt er. Seine Yoido Full Gospel Church ist mit ihren 800 000 Mitgliedern die größte Kirche der Welt, die Gebetsarena so groß wie ein Fußballstadion. An jeder Ecke gibt es Soundanlagen und Flatscreens, damit auch in den letzten Reihen niemand etwas verpasst. Auch an diesem Sonntag wird die Predigt wieder live ins ganze Land übertragen.

Lee Young-hoon hält eine verkappte, aber unmissverständliche Brandrede gegen den vermeintlich üppigen, im internationalen Vergleich aber eher kargen Sozialstaat seines Landes. Allen Krankheiten, ob Lähmung oder Krebs, stellt er die Leidensbereitschaft Jesu und seiner Gefolgschaft entgegen, eine christliche Stärke, die in einen Gesellschaftsvertrag zu übersetzen wäre: „Lest nach im Kapitel 14 des Buch Josua: Kaleb, der die Stadt Kanaa ausspähen sollte, war schon 85 Jahre alt, sein Körper war schwach. Doch er glaubte an Gott, nur so konnte er seinen Auftrag erfüllen. Später belohnte ihn Gott und Kaleb wurde Erbe der Stadt Hebron!“ Nicken und Klatschen auf den Rängen. Im Gebetsstadion bahnt sich ein Heimsieg für den Pastor an.

Die Yoido Full Gospel Church funktioniert so wie viele Gotteshäuser in Südkorea. Nicht nur geben sie, wie anderswo auf der Welt auch, durch metaphysische Versprechen einfache Antworten auf komplexe Fragen. Im ostasiatischen Land, wo das Christentum eine einmalige Erfolgsgeschichte geschrieben hat, wirken sie auch wie eine seltene Mischung aus archaischer Gottesfurcht und hochmoderner Eventdienstleistung.

Beim Gang aus der Arena wird man etwa informiert: „Vergessen Sie Ihre Abgabe nicht.“ Zehn Prozent seines Einkommens soll man hier bei Gott lassen. Dafür stehen im Foyer Geldautomaten bereit, die alle Karten annehmen. Die Kirche bietet im Gegenzug Kinderbetreuung, hat eine hauseigene Uni gegründet und unterhält eine Zeitung. Im Kellergeschoss empfängt ein schickes Café mit üppiger Kuchenauswahl. Wifi ist natürlich auch verfügbar. Christentum ist hier nichts Altertümliches. Kann es auch gar nicht sein. Der Siegeszug dieser Religion ist ja erst ein paar Jahrzehnte alt.

Wohl nirgends auf der Welt, niemals in der Geschichte, wurde eine Gesellschaft derart schnell und friedlich missioniert wie in Südkorea. Mit rund 30 Prozent Gefolgschaft ist das Christentum die beliebteste Religion im Land. Die ersten katholischen Missionare erreichten Korea schon Ende des 18. Jahrhunderts, doch zunächst blieb der Anteil der Christen bei etwa einem Prozent. Nach dem Koreakrieg, der die Halbinsel 1953 in Nord und Süd geteilt hatte, setzte ein Glaubensboom ein. Als sich in den folgenden dreieinhalb Jahrzehnten das US-protegierte Südkorea von einem Agrarland zu einer Industrienation entwickelte, wirkte der von den kapitalistischen Amerikanern vorgelebte Glaube an Gott modern, gab immer mehr Koreanern eine spirituelle Begleitung zum harten Arbeitsalltag. Das Christentum stieg zu einer Macht auf.

An die 20 Riesenkirchen, die jeweils mehr als 2 000 Zuhörer pro Predigt anziehen, stehen allein in der Hauptstadt Seoul. Und vielen von ihnen wohnt eine marktwirtschaftliche Denkweise inne. „Ich bin in der Kirche, weil ich gesund und reich sein will“, sagt eine junge Besucherin am Rande von Lee Young-hoons Predigt im Foyer. „Ich bin hier zum Kontakte machen“, gesteht ein Mann mittleren Alters. „Das machen hier viele so.“ Dass sich Mitglieder hier hervorragend vernetzen können, muss die Yoido-Kirche auch keinem Koreaner mehr erklären. Ein Schritt vor das Eingangstor genügt: Der stolze Bau aus Backstein liegt einen Steinwurf entfernt vom nationalen Parlament Südkoreas.

Und das steht längst unter dem Einfluss der vielen christlichen Kirchen. In Südkorea heißt es, ohne die Unterstützung der Kirchen gewinne kein Politiker eine Wahl. Jedenfalls war seit der Demokratisierung ab 1987 jeder der acht Präsidenten selbst einmal Christ. Einzige Ausnahme ist die Atheistin Park Geun-hye, die als Tochter des einstigen Diktators Park Chung-hee bis 2017 regierte. Aber auch sie wurde, wie immer gern erwähnt wird, zumindest katholisch erzogen.

Die Handschrift der Kirchen sind in Südkoreas Politik klar zu erkennen. Die Gotteshäuser haben sich nicht nur als Glaubensbollwerk gegen den Kommunismus aus Nordkorea eingerichtet. Sie nehmen etwa Deserteure aus Pjöngjang auf. Viele führen auch eine informelle Allianz mit den erfolgreichsten Unternehmen Südkoreas, die wiederum, wie zum Beispiel Samsung, Gewerkschaften offen zu ihren Feinden erklärt haben.

Die schmale Ausstattung des südkoreanischen Sozialstaats passt vielen Kirchen, die schließlich selbst soziale Dienste anbieten, wenn auch nur für ihre – zahlenden – Mitglieder. Die Idee kostenloser Mittagessen in Schulen wurde bekämpft, weil das die Schüler homosexuell mache. Als Präsident Moon Jae-in im Juli beschloss, den Mindestlohn um rund elf Prozent auf 8350 Won (6,60 Euro) pro Stunde anzuheben, regte sich in mehreren größeren Kirchen Widerstand. Den Mitgliedern wurde nach Kalter-Kriegs-Logik zu verstehen gegeben: staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind Kommunismus, und das will man hier nicht.

Lee Young-hoon gehört zu den subtileren Kritikern. Die Predigt am Sonntagmorgen führt den Pastor noch nach Vietnam, wo er kürzlich gewesen sei. „Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Dort stehen die Leute um fünf Uhr morgens auf, dann sind überall auf den Straßen Mopeds zu sehen. Man arbeitet dort 13 Stunden am Tag. Keiner beklagt sich. Und wisst ihr, was heute passiert?“ Lee blickt in die Ränge herauf, lässt sein Publikum kurz überlegen. Bevor jemand auf eine falsche Antwort kommt, löst er doch selbst auf: „Jetzt kommen die Konglomerate ins Land und investieren in Vietnam!“ Schwitzen werde belohnt, Wohlstand erreiche jetzt endlich auch die Südostasiaten.

Der Wink mit dem Zaunpfahl ist nicht zu übersehen. Das Kapital von koreanischen Konzernen wie Samsung oder LG, amerikanischen wie Microsoft oder japanischen wie Panasonic fließe deshalb in neue Fabriken auf vietnamesischem Boden, weil dort geackert werde bis zum Umfallen, ohne größere Forderungen nach höheren Löhnen oder Arbeitnehmerschutz. Der Prediger verschweigt seinen Zuhörern allerdings, dass nicht einmal acht Prozent der vietnamesischen Bevölkerung Christen sind. Das würde nicht zu seinen Aussagen passen, das bedingungslose Selbstaufopferung eine vor allem christliche Tugend ist.

Für Interviews ist von der Yoido Full Gospel Church niemand verfügbar. Es könnte daran liegen, dass ihr Gründer, Cho Yong-gi, 2014 der Steuerhinterziehung von zwölf Millionen US-Dollar an Kirchenerlösen überführt wurde und bald der Verdacht aufkam, dies sei nur die Spitze des Eisbergs. Über die Rolle der Kirchen in Südkoreas Wirtschaft und Politik sprechen auch andere Riesenkirchen nicht gern. Mehrere von ihnen waren zuletzt in Skandale verwickelt, die offenbarten, dass einige, die Wasser predigten, reichlich Wein tranken. Einer von ihnen sagte, in seiner Kirche müssten sich arme Mitglieder gar nicht erst blicken lassen. Deren Kontakte seien ja nichts wert.

Park Sung-ryeol findet das traurig. Auch er ist Pastor, acht Kilometer nördlich vom Parlament und der Yoido-Kirche, im Viertel Seodaemun nördlich des Han-Flusses, der Seoul in zwei Hälften teilt. An einem Abend sitzt Park in einem Raum eines Gewerkschaftsverbunds und atmet tief durch. „Wir glauben nicht, dass der Mindestlohn hoch genug ist“, sagt der ältere Mann. „Wie kann man als Kirche dagegen sein, dass den Ärmeren geholfen wird?“, fragt sich Park.

Wenn er sich nicht in den kargen Räumlichkeiten der Gewerkschaft aufhält, um Protestmärsche zu planen, ist er in der evangelischen Kirche, direkt um die Straßenecke zu finden. Seit 30 Jahren leitet er sie. Auch er war Teil des Christenbooms, der mit dem Wirtschaftsboom einherging. „Ich bin seit 1968 in der Kirche. Als Zehnjähriger ging ich zum ersten Mal hin, weil dort gemeinsam Musik gemacht wurde. Das machte Spaß, zu Hause hatten wir keinen Fernseher.“

Erst später beschäftigte sich Park inhaltlich mit den Lehren des Christentums, die ihm der Pastor beibrachte. „Er war gegen die Diktatur damals. Für ihn bedeutete Christentum, dass man die Schwachen unterstützen muss.“ Das will Park, seit er eben diese Kirche leitet, weitergeben.

Nur hat er nicht viel zu bieten. „Wenn wir hier darum bitten, dass die Mitglieder zehn Prozent ihres Lohns abgeben, laufen sie uns davon. Wir können ihnen nicht das versprechen, was die großen Kirchen haben.“ In seiner Kirche, sagt Park, gebe es kein Internet und keinen Kindergarten. „Unsere Mitgliederzahlen sind gesunken, in den letzten Jahren kommen nur noch 30 Leute zu meiner Sonntagsandacht.“

Viele sind zu den Riesenkirchen übergelaufen, von denen es Dutzende gibt. Ihre Mitglieder sind es auch, die heutzutage zu den aktivsten Auslandsmissionaren weltweit gehören. Und die großen Kirchen Südkoreas sind derart erfolgreich, Ungläubige zu bekehren, dass sie schon im immer unchristlicher werdenden Europa Bewunderer finden.

Einer davon, der deutsche Theologieprofessor und Vorsitzende der Weltweiten Evangelischen Allianz Thomas Schirrmacher, war im Frühjahr zu Gast in Seoul. Gemeinsam mit Pastor Lee Young-hoon ließ er sich von Zehntausenden bejubeln. Seine Botschaft an die Besucher der Yoido Full Gospel Church: Ihre Missionare sollten unbedingt auch in Europa aktiver werden.

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