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Sojamilch, Kokosmilch, Mandelmilch, Hafermilch - schmecken alle anders als Kuhmilch, können aber als Ersatz verwendet werden. 

Milch ohne Kuh

Hafermilch: Geschäft mit pflanzlichen Milchalternativen boomt 

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Viele Menschen wollen keine Kuhmilch zu sich nehmen oder vertragen diese nicht. Getränke wie Hafermilch sind derzeit eine besonders lukrative Alternative.

  • Immer mehr Menschen greifen zu pflanzlichen Milchalternativen 
  • Neben Soja und Mandel erobern vor allem Hafermilch-Varianten den Markt
  • Selbst konventionelle Molkereien steigen in das Geschäft mit Hafermilch ein

Für eingefleischte Milch-Fans dürfte der erste Schluck ein wenig irritierend sein. Wässrig, leicht holzig, süß? Wie Milch schmeckt es jedenfalls nicht. Doch die umgangssprachlich „Hafermilch“ genannte Alternative zu Kuhmilch hat längst Einzug in den Kaffeetassen und Müslischalen des Landes gehalten. Und der Markt für kuhlose Varianten wächst weiter.

Pflanzliche Milchalternativen sind, wie viele „Superfoods“, keine neue Entdeckung. Für viele laktoseintolerante und vegan lebende Menschen* ist Sojamilch schon seit Jahrzehnten ein treuer Begleiter. Was hat sich also verändert?

Hafermilch im Trend - Beliebte Alternative zu  Kuhmilch

Der Trend zu bewussterem Essen und Einkaufen scheint sich auch hier niederzuschlagen. Insbesondere die Tendenz, auf Fleisch und tierische Produkte zu verzichten, ist nicht mehr nur für vegetarisch und vegan lebende Menschen ein Ziel. Auch bei sogenannten „Flexitariern“ – Menschen, die sich überwiegend fleischlos ernähren, aber nicht komplett darauf verzichten – finden pflanzliche Produkte Zulauf, sei es aus Tier- oder Klimaschutzgründen. Die reichhaltige Fülle an neuen Lebensmitteln auf pflanzlicher Basis probieren zudem auch neugierige Verbraucherinnen und Verbraucher, ungeachtet ihrer Ernährungsgewohnheiten.

So hatte zum Beispiel die sogenannte Mandelmilch, eine aus Wasser und Mandeln bestehende Milchalternative, viele Fans ergattert, die sich zuvor mit der Sojavariante nicht anfreunden konnten. Doch Berichte über die umweltschädlichen Mandel-Monokulturen Kaliforniens sowie den enormen Wasserverbrauch scheinen die Begeisterung getrübt zu haben. Auf der Suche nach einer Alternative zur Alternative kam schließlich der Hafer ins Spiel.

Klimafreundlich und vegan: Hafermilch statt Kuhmilch

Die Idee, „Milch“ aus Getreide herzustellen, ist nicht unbedingt neu, aber der richtig große Wurf gelang erst dem schwedischen Konzern Oatly 2016 mit der Vermarktung seiner „Barista-Edition“. Dabei handelt es sich um eine Variante des Haferdrinks, der die aufgeschäumte Form im Kaffee behält. Ein Nachteil von anderen pflanzlichen Milchdrinks ist nämlich, dass sie sich nicht zum Aufschäumen eignen. Der Schaum spaltet sich bei Kontakt mit einem heißen Getränk und ist daher für Cappuccinos und andere Kaffeeklassiker ungeeignet.

Oatly-Gründer und -Chef Toni Petterson brachte die „Barista-Edition“ allerdings nicht in die Supermärkte, sondern direkt zu den trendigen Coffeeshops der Szeneviertel Shoreditch in London und Brooklyn in New York. Damit traf die Hafermilch den Nerv jenes Zeitgeists, der von Latte-Art – Kaffeezeichnungen im Milchschaum – und viralem Marketing auf sozialen Medien geprägt ist. Die Nachfrage explodierte. Das lag vermutlich nicht zuletzt an der Präsentation. Passend zu den Szenecafés und deren Klientel vermarktet sich der Konzern eher wie eine Kleidungsmarke, ein Musiklabel oder unter dem Titel „Post-Milk-Generation“ als bewusste Bewegung. Seit Anfang 2018 ist das schwedische Produkt in einigen Variationen auch in deutschen Supermärkten erhältlich und schnell zu einer der führenden Marken im Bereich der pflanzlichen Alternativen geworden.

„Das ist wirklich Wahnsinne“ - Großes Wachstum bei Hafermilch

Tobias Goj, Geschäftsführer von Oatly Deutschland, Österreich und der Schweiz, ist überzeugt, dass seine Marke das Wachstum im Hafermilchsegment entschieden vorangetrieben hat. „Hafer wuchs im Gesamtjahr 2019 mit 80 Prozent. Das ist wirklich Wahnsinn“, sagt Goj. Haferdrinks seien innerhalb der Kategorie von pflanzlichen Milchalternativen inzwischen stärker als Soja- und Mandeldrinks zusammen. „Das Ziel, Hafer vom Nischenprodukt zur stärksten Kategorie im Milchalternativenmarkt zu etablieren, ist damit passiert. Dass die Kategorie sogar noch stärker wird als Soja und Mandel zusammen, haben wir uns nie vorstellen können, ist aber passiert.“

Die Beliebtheit von Haferdrinks ist auch anderen Herstellern nicht entgangen. Die Konkurrenz im Bereich der Milchalternativen wächst. Marktführer Alpro, der europäische Zweig des Danone-Konzerns, zu dem auch der Hersteller Provamel gehört, dominiert vor allem mit Sojaprodukten den Markt. Doch inzwischen hat die Marke neben Reis-, Mandel- und Kokosdrinks auch verschiedene Haferprodukte im Sortiment, inklusive Barista-Version. Laut Alpro ist der Hauptgrund für das Wachstum von Hafergetränken eine Veränderung des Konsumverhaltens: „Immer mehr Menschen legen Wert auf eine ausgewogene, nachhaltige und klimafreundliche Ernährungsweise, sie achten daher bewusst darauf, welche Lebensmittel sie kaufen, woher sie stammen und wie sie produziert wurden.“

Soja-, Mandel- oder Hafermilch: Pflanzliche Milchalternativen im Trend

Tatsächlich hat Hafermilch im Vergleich zu herkömmlicher Kuhmilch und auch zu den pflanzlichen Alternativen Mandel- und Sojamilch eine relativ gute Klimabilanz. Laut der Albert-Schweizer-Stiftung setzt die Herstellung von Haferdrinks im Vergleich zu Kuhmilch nur etwa ein Drittel der Treibhausgase frei. Auch im Energie- und Landverbrauch zeigt sich das Getreide weniger schädlich als etwa die Sojalternativen. Das liegt mitunter daran, dass Hafer sehr gut in Deutschland angebaut werden kann, was lange Transportwege erspart. Tatsächlich ist der Haferanbau hierzulande aber seit den 1990er-Jahren stark zurückgegangen. Die Gesamtfläche des Haferanbaus habe sich seither halbiert, so der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft auf Anfrage. Im Jahr 2019 wurde das Getreide demnach noch auf insgesamt 126 700 Hektar angebaut.

Hafer sei eine „eher anspruchslose und robuste Feldfrucht, die sich gut anpassen kann“, doch auch diese Sorte habe unter der Trockenheit der letzten Jahre gelitten. Das Getreide für die Milchalternativen kommt bei vielen Herstellern aus Deutschland, so zum Beispiel das der Firma Kölln, die auch für Müslis und Haferflocken bekannt ist. Auch die Eigenmarke der Rewe-Group wird aus deutschem Hafer produziert. Beim schwedischen Hersteller Oatly wird der Hafer hingegen aus Schweden und Finnland bezogen.

Immer mehr Anbieter setzen auf Hafermilch-Produkte

Trotz des rückläufigen Anbaus sei in der Verarbeitung ein regelrechter Haferboom zu bemerken, berichtet der Verband. Rund 500 000 Tonnen würden pro Jahr zu Lebensmitteln wie Müsli- und Porridgemischungen verarbeitet. Und die Erweiterung der Produktpalette lässt nicht lange auf sich warten. Während in hiesigen Supermärkten bereits etliche Varianten der Haferdrinks angeboten werden, entwickeln Hersteller weltweit neue Rezepte.

Oatly etwa expandiert inzwischen in gekühlte „Frischmilch“-Variationen, Kochsahne-Alternativen sowie in Brotaufstriche und Eiscreme, wobei letztere in Deutschland bisher nicht erhältlich ist. Andere Marken experimentieren indes mit weiteren Getreidesorten als Zutat: Der Hersteller Natumi produziert zum Beispiel auch Hirse-, Dinkel und Buchweizenvarianten.

Von Alpro bis Oatly: Starker Umsatz mit Hafermilch

Neben den klassischen Marken haben die gängigen Supermarktketten inzwischen meist auch einen Haferdrink der Eigenmarke im Angebot. Innerhalb der Rewe-Group gehört diese laut von Oatly bereitgestellten Zahlen der Marktforschungsagentur Nielsen bereits zu einem von vier dominierenden Anbietern. Das Jahr 2019 konnte die Eigenmarke demnach mit einem Anteil von 28,5 Prozent abschließen. Alpros Anteil lag laut dieser Auswertung bei 13,4 Prozent im Dezember 2019, deutlich weniger als die 21,2 Prozent im Vorjahresmonat. Die Hersteller Berief und Kölln waren jeweils mit kleineren Anteilen vertreten. Stark gewachsen sei laut eigenen Zahlen hingegen Oatly mit einem Anteil von 48,8 Prozent im Dezember 2019. Ein Jahr zuvor habe der Anteil noch bei 24,4 Prozent gelegen.

Markt wächst stark: Hafermilch und andere pflanzliche Alternativen

Trotz unterschiedlicher Erfolge scheinen weder Hersteller, noch Händler davon auszugehen, dass der Boom der Haferprodukte ein schnelles Ende haben wird. Auf Anfrage ließ Alpro verlauten: „Unserem Eindruck nach handelt es sich hier nicht um einen vorübergehenden Trend, sondern um ein grundlegendes Umdenken in der Bevölkerung, was wir natürlich sehr begrüßen.“

Bei Kölln geht man zudem davon aus, dass die Rückbesinnung auf regionale Produkte den Hafer als „heimisches Superfood“ weiter wachsen lassen wird. Und auch Tobias Goj von Oatly hat Gründe, den Glauben an das Getreide zu behalten: „Es ist nicht so, dass wir gerade das Gefühl haben, an der Decke angekommen zu sein. Das Wachstum setzt sich kontinuierlich fort, in jedem Monat, es ist kein Einbruch zu erkennen.“

Hafermilch: Gekommen, um zu bleiben

Ob die Haferdrinks, die aufgrund der EU-Gesetzgebung offiziell nicht „Milch“ genannt werden dürfen – langfristig der Kuhmilch ihren Platz in der Kühlschranktür streitig machen, ist fraglich. Tatsächlich hat die „Nicht-Milch“ aber auch in der konventionellen Milchindustrie Eindruck geschunden. Neben der Alpro-Mutter Danone bringt zum Beispiel auch die Freiburger Marke Schwarzwaldmilch einen Haferdrink in die Regale. Es scheint, die Hafermilch ist gekommen, um zu bleiben.

Von Valérie Eiseler

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Auch immer mehr Topstars im Sport setzen auf vegane Ernährung ohne tierische Produkte.* Und der Profifußball macht mittlerweile keine Ausnahme mehr.

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