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Das zerbrochene Containerschiff Rena vor der Küste von Mount Maunganui in Neuseeland.

Cyber-Piraterie

Hacker gefährden Schifffahrt

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Mit Gewehren entern Piraten Frachter immer seltener ? inzwischen nutzen sie Schadsoftware.

Auf den Weltmeeren geht es einer Studie zufolge sicherer zu. Im vergangenen Jahr mussten 94 große Schiffe aufgegeben werden, etwa weil sie mit anderen kollidierten, sanken, auf Grund liefen oder ausbrannten. Das teilte der Versicherer Allianz am Mittwoch mit. Weniger waren es in den vergangenen zehn Jahren nur einmal, 2014. Im Zehn-Jahres-Vergleich gingen die Totalschäden um 38 Prozent zurück. Taifune in Asien, Hurrikane in Amerika und andere Unwetter waren im vergangenen Jahr allein für den Verlust von 21 Schiffen mit über 100 Bruttoregistertonnen (BRT) verantwortlich.

Die Branche und ihre Versicherer stellen sich aber auf neue Risiken ein: Während die Zahl der Piratenattacken mit 180 auf den niedrigsten Stand seit 22 Jahren sank, sorgte ein Hacker-Angriff für einen Milliardenschaden. „Die Zahl eher technisch bedingter Schäden durch Cyberereignisse oder technische Defekte wird im Vergleich zu den traditionellen Verlusten durch Kollisionen steigen“, sagt Volker Dierks voraus, der beim Allianz-Industrieversicherer AGCS in Mittel- und Osteuropa für die Schiffsversicherung verantwortlich ist.

Einen Vorgeschmack hat 2017 die Schadsoftware NotPetya geliefert, deren Ursprung Experten in Russland sehen. Vor allem auch bei Reedern wurden durch sie in der weltweiten Wirtschaft Milliardenverluste ausgelöst. „Ich sehe große Probleme, wenn Lieferketten gezielt unterbrochen werden“, warnt Dierks. NotPetya habe knapp 80 Häfen weltweit befallen und große Flotten von Containerschiffen tagelang außer Gefecht gesetzt. Der Virus hatte erst Rechner in der Ukraine befallen und dann über Geschäftspartner ukrainischer Firmen global weitere Opfer wie die dänische Großreederei Maersk gefunden.

 Seriös abzuschätzen wagt die Cybergefahren für die Schifffahrt selbst Dierks nicht. Er hofft auf flächendeckende Aufschlüsse durch eine neue Richtlinie für Netz- und Informationssicherheit, die betroffene Unternehmen zwingt, Cyberattacken entgegen der bisherigen Praxis zu offenbaren. Wer Cyberangriffe nicht meldet, muss Geldstrafen zahlen.

Als weiteres Risiko mit wachsender Bedeutung haben die Experten den Klimawandel ausgemacht. Jahrhundertelang haben Handelsschiffe nach kurzen Passagen zwischen Europa und Asien durch arktische Gewässer gesucht. Der schmelzende arktische Eisschild erleichtert die Wege nun, wenn auch alles andere als gefahrlos. Einerseits werde die Arktis schiffbar, so Dierks. Andererseits sorge der Klimawandel auch dafür, dass grönländische Gletscher verstärkt ins Meer kalben. Über 1000 Eisberge sind 2017 so zu den Schifffahrtswegen im Nordatlantik abgedriftet. Komme es einer abgelegenen Region mit extremen Klimabedingungen zur Havarie, könne es Tage dauern bis Hilfe vor Ort ist, warnt Dierks.

Dritter Brandherd sind aus Assekuranzsicht sogenannte Mega-Containerschiffe, die oft länger sind als das Empire State Building in New York mit seinen 381 Metern hoch ist. 14 000 Container und mehr haben solche Riesen geladen und das mit bisweilen falsch deklariertem Inhalt. Bei Bränden kann das fatal sein.

Schwer zugängliche Container, die in Brand geraten, seien oft nicht mehr zum Löschen zu erreichen, erklärt Dierks. Dann müsse notfalls ein ganzer Lagerraum geflutet werden, um die Flammen zu ersticken. Wenn solche Ozeanriesen auf Grund laufen, gebe es größenbedingt zudem manchmal schlicht gar kein Bergungsgerät. Die Schadensdimensionen großer Containerschiffe hätten mittlerweile die Milliardengrenze überschritten.

Beunruhigt zeigt sich Dierks auch über erste Tests mit Roboter-Schiffen ohne Besatzung. Was Cyberkriminelle anstellen könnten, wenn einmal autonome Containerschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sind und gehackt werden, mag sich der Assekuranzexperte nicht vorstellen.

Die gefährlichste Region für die Schifffahrt war 2017 Südostasien. In den Gewässern um Südchina, Indochina und den Philippinen gingen 30 große Schiffe verloren, ein Viertel mehr als ein Jahr zuvor. Branchenexperten sprechen vom „neuen Bermuda-Dreieck“. 53 der untergegangenen oder havarierten Schiffe waren Frachtschiffe, Passagier- oder Fischerei-Fahrzeuge waren weniger betroffen.    (mit rtr)

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