1. Startseite
  2. Wirtschaft

Sie haben uns gewarnt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim Wille

Kommentare

1975 : Lagerfeuer in Wyhl, wo die Bewegung ihren Anfang nahm.
1975 : Lagerfeuer in Wyhl, wo die Bewegung ihren Anfang nahm. © dpa

Die Laufzeitverlängerung hat sie wiederbelebt. Nun ist die Anti-Atomkraft-Bewegung so stark wie in ihren stärksten Zeiten. Ihre Geschichte ist voller düsterer Prophezeiungen und trauriger Gewissheiten.

Nein Danke! Tak! Trotz alledem. (Aus einem Lied des Atom-Widerstands in Wyhl)

Der badische Wein in Gefahr? Das war zu viel. Der Stromkonzern Badenwerk (heute EnBW) machte einen schweren taktischen Fehler, als er Anfang der 1970er Jahre ein Atomkraftwerk ausgerechnet für einen Standort am Kaiserstuhl in Baden plante – ausgerechnet in Deutschlands sonnenreichstem und wärmstem Weinbau-Gebiet.

Die Winzer dort fürchteten, die Nebelschwaden aus den Kühltürmen der Anlage könnten die Qualität ihres Rebensafts ruinieren. Sie, die bodenständigen, konservativen Landwirte, starteten den Protest. 1972 organisierten sie den ersten Protestkorso: mit 560 Treckern und Autos. „Lieber heute aktiv, als morgen radioaktiv“, stand auf den Transparenten. Oder: „Kein Ruhrgebiet am Oberrhein“.

Es war die Initialzündung für die deutsche Anti-AKW-Bewegung. Anderswo im Land, zum Beispiel in Biblis, wo der RWE-Konzern damals sogar ein Doppelblock-AKW baute, hatte es so etwas nicht gegeben. „Mer welle net verrecke“ und „Nai hämmer gsait“ hießen die Slogans, unter denen sich in Baden völlig Unerwartetes tat. Die Winzer, andere Bauern und Handwerker, die noch nie im Leben auf einer Demo gewesen waren, taten sich mit Studenten aus der nahen Unistadt Freiburg und den „Politischen“ zusammen. Und das alles ausgerechnet im ehern CDU-regierten „Ländle“ im deutschen Südwesten. Es bildeten sich zahlreiche Bürgerinitiativen. Als die Landesregierung von Hans Filbinger in Stuttgart 1974 das Örtchen Wyhl als Bauort für den Meiler bekannt gab, stand der Widerstand. 90.000 Bürger schrieben Einwendungen, ebenso die Gemeinde Wyhl und sieben weitere aus der Umgebung. Beim Erörterungstermin in der Turnhalle der Gemeinde gab es einen regelrechten Tumult.

Mütter mit Kindern stellten sich Baggern in den Weg

Im Februar 1975 begannen die Bauarbeiten für das Kraftwerk, doch Mütter mit Kindern stellten sich den Baggern in den Weg. Der Protest-Alarm funktionierte. Rund 28?000 Wyhl-Gegner besetzten nach einer Kundgebung den Bauplatz, die Polizei zog sich zurück. Filbinger verstand die Welt nicht mehr: „Wenn das Beispiel Wyhl Schule macht, ist dieses Land nicht mehr regierbar.“Der Platz sollte eineinhalb Jahre in der Hand der Besetzer bleiben. Dort entstand die legendäre „Volkshochschule Wyhler Wald“, die in einem selbstgezimmerten Holz-Rundbau ihr Domizil bezog. Es gab Musik, Theater – und Vorträge. Es sollte ein „Gegengewicht gegen die massive, fortwährende Propagandakampagne der Atomkraftwerksbetreiber und der Landesregierung entstehen“, wie die Wyhl-Gegner formulierten. Die erste Veranstaltung hieß schlicht: „Wie funktioniert ein Atomkraftwerk?“

Die Erfahrung mit der VHS Wyhl trug mit dazu bei, dass in Freiburg das Öko-Institut gegründet wurde. Die „Turnschuh“-Wissenschaftler in der Unistadt erarbeiteten Konzepte für eine Energiewende – Motto: „Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“. Das war eine neue Qualität: Der Atom-Widerstand wurde wissenschaftlich untermauert. Im Darmstädter Ableger des Öko-Instituts entstand eine Nuklear-Abteilung, deren Gründer es später immerhin in die höchsten Fachgremien des Bundes wie die Reaktorsicherheitskommission und sogar an deren Spitze schafften.

Wyhl wurde nie gebaut. Heute befindet sich dort, wo der Bauplatz sein sollte, ein Naturschutzgebiet. Der Erfolg der badischen BIs aber beflügelte bundesweit den Widerstand gegen die neuen Atomprojekte, die nach dem Ölkrisen-Schock 1973 von der sozialliberalen Schmidt-Regierung in Bonn mit Macht vorangetrieben wurden. Der gelbe Atom-Aufkleber „Atomkraft – Nein danke“, ursprünglich in Dänemark entworfen, wurde zum Symbol, mit dem Studenten ihre Autos, Fahrräder und Kladden beklebten.

Des Zukunftsforschers Robert Jungks Buch „Der Atomstaat“ war Pflichtlektüre, verbreitet in zahllosen Raubkopien auf grauem Umweltschutzpapier. Atomstaat? Die Schlacht um Brokdorf, den AKW-Neubau bei Hamburg, die 1976 begann, vermittelte vielen AKW-Gegnern das Gefühl, bereits in einem solchen zu leben. Die Polizei löste Großdemos vor dem Baugelände brutal auf, einer Festung mit Wassergraben, Nato-Stacheldraht und hohem Zaun. Tränengasgranaten flogen in die Menge, und auf dem Heimweg wurden viele Personen festgenommen, verprügelt oder sonstwie schikaniert.

Die Schlachten in der Wilster Marsch waren ein Fanal – nicht nur für die Leute, die selbst dort waren, sondern für die ganze jüngere Generation. Es war ein Katalysator für den Protest, sie trieben ihm immer mehr Leute zu, während Bundeskanzler und SPD-Atomfan Helmut Schmidt davor warnte, die Lichter gingen aus, falls Brokdorf nicht gebaut würde. Der Brokdorf-Schock veränderte die Republik. Fast flächendeckend, an Gymnasien und Unis, in Kirchengemeinden, in Parteien und Gewerkschaften, selbst bei Polizei und Feuerwehr, bildeten sich „Arbeitskreise gegen Atomkraft“ oder „Anti-Atom-BIs“.

Auch in einem winzigen Ort in Ost-Niedersachsen entzündete sich ganz unerwartet Protest. Dabei war die CDU-Landesregierung überzeugt gewesen, die tumben Ländler von dort würden ein nukleares „Nationales Entsorgungszentrum“ bestimmt gerne aufnehmen. Das Phänomen „Gorleben“ entstand. Die Wendländer stellten sich quer, Modell Wyhl. Der Protest wuchs, mehr als 100?000 rückten Ministerpräsident Ernst Albrecht 1979 in Hannover auf die Pelle – und der CDU-Mann knickte ein. Verkündete: Die in Gorleben geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) sei „politisch nicht durchsetzbar“. Am Endlager im Salzstock allerdings hielt er fest. Ob der Beinahe-GAU im US-amerikanischen Harrisburg im selben Jahr Albrecht beeindruckte, ist unklar. Die Atomgegner jedenfalls sahen sich bestätigt. Den Slogan „Harrisburg ist überall“ kannte bald fast jedes Kind.

Die Anti-AKW-Bewegung war eine feste Größe geworden, ab 1980 sogar mit eigener politischer Vertretung: der Partei „Die Grünen“, die 1983 auf Anhieb in den Bundestag kam. Nur: Der Atomkomplex wuchs derweil fast ungebremst weiter. In den 80er Jahren gingen, Protest hin oder her, elf neue AKW ans Netz. Der deutsche Nuklearparkpark umfasste am Ende 20 große Leistungsreaktoren. Der Anti-AKW-Bewegung schien zunehmend die Luft auszugehen, verhindern konnte sie keines der AKW.

1985 fomierte sich neuer Widerstand

Im östlichen Bayern, in der Oberpfalz, allerdings bäumte sie sich noch einmal auf. Dort formierte sich 1985 neuer Widerstand, der bundesweit ausstrahlte – rund um das neue, von Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) nach Kräften geförderte WAA-Projekt Wackersdorf. Auch hier wurden schwere Demo-Schlachten geschlagen, die Polizei setzte Blendschockgranaten und Gummischrotgeschosse ein. Rockstars kamen zum „Anti-WAAhnsinns-Festival“, Größen wie BAP, Grönemeyer, Udo Lindenberg, Rio Reiser.

Am Ende aber, vier Jahre später, 1989, brachten weder die Wackersdorfer Kämpen noch die Rock-Riffs die WAA zu Fall. Die Stromkonzerne hatten ein günstiges Entsorgungsangebot von der französischen Atomfabrik La Hague bekommen. Da kippten sie Wackersdorf. Ende, Aus. FJS schäumte.

Es war eine völlig unerwartete Wende. Ein Erfolg, nur eben einer, der den Anti-AKW-Kämpen fast in den Schoß fiel. Das Jahr 1986 hatte der Bewegung doch demonstriert, wie gering die eigene Durchsetzungsfähigkeit war.

Nicht einmal der Super-Gau von Tschernobyl, der Beleg für die Mega-Gefahr der Atomtechnologie, der radioaktive Wolken bis nach Deutschland schickte, hatte die christlich-liberale, atomfromme Kohl-Bundesregierung zum Umdenken gebracht.

Tschernobyl machte Angst, lehrte Müsli-Ökos, wo bei Aldi die Konserven stehen, machte auch viele Physik- und Chemielaien zu Becquerel- und Cäsium-Experten, trieb Zigtausende auf die Straße. Doch Helmut Kohls Regierung saß auch dieses Problem einfach aus. Sein Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) durfte noch sagen, man müsse „eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden“. Das aber war’s auch schon.

Wie zum Hohn für die Anti-AKW-Bewegung schalteten die Stromkonzerne Preussenelektra und HEW am Ende des Tschernobyl-Jahrs 1986 auch noch den jahrelang so hart umkämpften Brokdorf-Meiler ans Netz – trotz Umfrage-Mehrheiten pro Atomausstieg. Viele Anti-AKW-Streiter trieb es in die Resignation. Die Brokdorf-Turbinen kamen unter Dampf, der Bewegung fehlte er zusehends. Das Symbol des Widerstand war geschleift worden. Folge: Die Anti-AKW-Bewegung rutschte in die Agonie. Sie schien wie tot. Nur manchmal rührte sie sich noch – etwa, wenn mal ein Castor-Transport aus Frankreich quer durchs Land rollte, wenn der eine Reaktor sich eine Wasserstoffexplosion leistete und der andere einen qualmenden Trafobrand.

Ironischerweise fielen in ihre Zeit der Agonie Erfolge, die die Bewegung zur Hochzeit nicht hatte erstreiten können. Nicht nur die WAA Wackersdorf kippte. Es traf auch das Projekt des Schnellen Plutonium-Brüters in Kalkar, in dessen Gebäude ein Investor das Freizeitzentrum „Kern-Wasser-Wunderland“ eröffnete. Außerdem den Kugelhaufen-Reaktor in Hamm-Uentrop und das AKW in Mülheim-Kärlich, das nach nur elf Monaten (Probe-) Betrieb endgültig abgeschaltet wurde. Neue Atommeiler wurden auch nicht mehr geplant.

Und dann kam 1998 die rot-grüne Schröder-Regierung ans Ruder, die mit den Stromkonzernen den Atomausstieg verhandelte. Das entschärfte den gesellschaftlichen Großkonflikt ums Atom. Selbst die Castor-Transporte aus Frankreich nach Gorleben lockten nur noch die zunehmend grauhaarigen Hardcore-Aktivisten hinterm Ofen hervor.

In Wirklichkeit aber war die Anti-AKW-Bewegung nur scheintot, es brauchte nur jemanden, der sie wiederbelebte. Und der fand sich. Es war die schwarz-gelbe Koalition, die nach der Bundestagswahl 2009 die Atomzeit zurückdrehte – und dann, im März 2011, der Super-GAU von Fukushima.Es fuhr wie ein Stromschlag ins Volk. Schon vor der Wahl, die 2009 Schwarz-Gelb brachte, war erstmals wieder eine Großdemo zustande gekommen. 50.000 fuhren nach Berlin, um gegen die von Union und FDP angekündigte AKW-Laufzeitverlängerung zu streiten. Mit dem Plakat „Wir haben die /Atom/-Kraft“ verballhornten sie den Wahlslogan der Merkel-CDU.

Im Jahr danach schwoll der Protest weiter an, fast auf 70er Jahre-Niveau. Zum 24. Tschernobyl-Jahrestag Ende April 2010 bildeten 120.000 AKW-Gegner zwei Menschen-Ketten, im September kamen 100.000 zur Großdemo nach Berlin, im November entbrannte ein Kampf um den Castor-Transport nach Gorleben, wie man ihn ein Jahrzehnt lang nicht mehr gesehen hatte.

Doch eins war anders als früher. Der Berliner Konfliktforscher Dieter Rucht: „Es waren nicht nur die Anti-Atom-Kämpen da, die schon in Wyhl, Wackersdorf und Brokdorf mitgemacht haben.“ Viele junge und außerdem erstaunlich viele ältere, auch konservativ wirkende Leute machten mit, solche, die zum ersten Mal im Leben auf einer Demonstration waren. „Das ist erstaunlich“, sagt Rucht. „Der Kampf um die Atomkraft ist schließlich 30 Jahre alt. Früher gingen fast nur die Linken und die Öko-Aktivisten hin.“

2011 übernimmt die Anti-AKW-Bewegung die Deutungshoheit

Das Atom-Menetekel von Fukushima allerdings stellte selbst das nun in den Schatten. Der Freitag, der 11. März 2011, dürfte als Tag in die deutsche Geschichte eingehen, an dem die Anti-AKW-Bewegung die Deutungshoheit über die deutsche Atompolitik übernahm.

60.000 kamen zu einer Anti-Atom-Menschenkette in Baden-Württemberg, 110.000 zu Mahnwachen. „Wir werden vom Interesse überrollt“, berichtet Anti-Atom-Aktivist Jochen Stay von der Organisation „ausgestrahlt“. Das Internet wirkt als Turbo für den Widerstand. Am Samstag hatte Stay dort zu den Mahnwachen aufgerufen, allein bis Sonntagabend organisierten Gleichgesinnte Demos für Montag in 250 Städten. Am Abend gab es Mahnwachen in 450 Kommunen. Die Online-Plattform Campact sammelte mehr als 225?000 Unterschriften für einen Appell, die AKW endgültig abzuschalten. Und die gelbe Anti-Atomkraft-Sonne erlebt bei Facebook eine virtuelle Erneuerung: Über 300?000 Nutzer haben sich den „Nein-danke“-Button bereits angeheftet.

Angela Merkel hat den Button noch nicht angeklickt. Noch nicht.

Auch interessant

Kommentare