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„Guten Appetit – ob mit oder ohne Grille!“

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Von: Martin Rücker

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Als ganzes werden in Europa Hausgrillen wohl nicht verspeist werden - eher als Pulver.
Im Ganzen werden in Europa Hausgrillen wohl nicht verspeist werden - eher als Pulver. © Visarut Sankham/dpa

Die EU-Kommission nimmt die Kritik an der Zulassung von Insekten als Lebensmittel mit Humor.

Hubert Aiwanger ist einer ganz großen Sache auf der Spur. Unter dem Hashtag #GenussStattEkel schimpfte der bayerische Wirtschaftsminister via Twitter auf die EU: „Wir haben es satt, dass Fleischverzehr von Rind/Schwein/Geflügel kritisiert wird, aber Insekten ins Essen sollen. Früher wurde ein Lebensmittelbetrieb bei Mehlwürmern und Schaben geschlossen, heute soll es ‚in‘ sein, damit Veganer ihr tierisches Eiweiß bekommen.“

Insekten ins Essen? Tatsächlich hat die Europäische Kommission entschieden, dass von diesem Dienstag an das „teilweise entfettete Pulver“ von Acheta domesticus, besser bekannt als Hausgrille oder Heimchen, EU-weit als „neuartiges Lebensmittel“ erlaubt ist. 2019 hatte eine vietnamesische Firma die Zulassung beantragt, ab sofort darf ihr Pulver zum Beispiel in den Teig von Brot und Keksen gemischt werden.

In sozialen wie klassischen Medien sorgte das für aufgeschreckte Debatten. „Tichys Einblick“ witterte gar den Skandal: „Grillen-Pulver darf nämlich auch in veganen Fleischersatz-Produkten verwendet werden“, ja „wohl auch in veganen Burger-Pattys“, schrieb das rechtspopulistische Onlinemagazin. In der Berliner Vertretung der Europäischen Kommission beobachtete man Ende vergangener Woche, wie die Insekten hochkochten. Die Pressestelle sah sich schließlich zu einer süffisanten Klarstellung genötigt: „Nein: niemand wird gezwungen, Insekten zu essen“, schrieb sie, und „Nein: die EU mischt nicht heimlich Insektenpulver in den Kuchenteig.“

Glauben an die große Verschwörung

Trotz des bevorstehenden Wahlkampfs in Bayern hätte es Freie-Wähler-Chef Aiwanger wissen können: Auch Insekten werden nicht so heiß gegessen, wie sie gegrillt werden. Es war ja noch nicht einmal neu, dass die EU Heimchen für den Herd zulässt: Schon vor einem Jahr erteilte ihnen Brüssel als „Acheta domesticus (Hausgrille), gefroren, getrocknet und pulverförmig“, die Erlaubnis. Und nicht nur ihnen: Schon seit 2021 dürfen Mehlwürmer und Wanderheuschrecken als Lebensmittel vermarktet werden, an diesem Donnerstag werden „Buffalowürmer“ folgen, präzise: Alphitobius diaperinus, die Larven des Glänzendschwarzen Getreideschimmelkäfers, und zwar „in gefrorener, pastenartiger, getrockneter und pulverisierter Form“.

Aiwanger aber hielt am Glauben an die große Verschwörung fest. „Eventuell müssen die Insekten im Essen gar nicht deklariert werden“, zirpte – nein: twitterte er, „vielleicht“ würde das ja sogar „aus ‚Fürsorge‘“ für Veganer „untergemischt“, damit diese genügend Eiweiß bekämen: „D.h. sie wissen nicht, dass sie eigentlich keine Veganer mehr sind.“ Es kursierte auch das Gerücht, Insektenprodukte könnten sogar das verbreite „V-Label“ für vegetarische oder vegane Lebensmittel erhalten.

All das ist blanker Unsinn, die Rechtslage klar: Wo Insekten drin sind, müssen Insekten draufstehen. Und wo Würmer oder Schrecken als Fleischersatz herhalten, wäre eine „Vegan“-Kennzeichnung eine unzulässige Irreführung.

In Deutschland ist das alles bisher ein Nischenmarkt. Online verkaufen einige Start-ups Insektenpulver zum Weiterverarbeiten, „Snackinsekten“ oder Kekse mit Insektenmehl. Doch die Vielfalt wächst. Es gibt Nudeln, bei denen zum Dinkelgrieß 15 Prozent Grillenmehl beigemischt sind, noch in diesem Jahr könnten Burger auf Insektenbasis in die Supermärkte kommen. Sicher ist: Insekten, die bei einem Viertel der Weltbevölkerung ohnehin traditionell auf dem Speiseplan stehen, werden sich so leicht nicht mehr aus der Küche vertreiben lassen.

Laut Umweltbundesamt sind mehr als 2000 essbare Arten bekannt, sie enthalten neben Eiweiß auch Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe. Während Menschen in den Tropen seit jeher Wildtiere einsammelten, spielt die gewerbliche Zucht inzwischen eine wachsende Rolle – beflügelt durch manchen Vorteil in punkto Nachhaltigkeit: Von jedem Schwein, Rind oder Huhn verzehren wir nur gut die Hälfte, von einer Heuschrecke immerhin 80 Prozent, den Mehlwurm sogar ganz.

Großes Potenzial bei den Larven von Honigbienen

Auch bei den Treibhausgasen schneiden Insektenfarmen tendenziell besser ab als die konventionelle Nutztierhaltung, wobei die Klimabilanz vom Detail abhängt: So könnten Insektenfarmen in Europa zwar Transportwege verkürzen, müssten dafür aber beheizt werden. Gegenstand von Forschung ist zudem die Fütterung. Je mehr die Tiere mit Abfall- und Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie ernährt werden können, umso besser wäre die Ökobilanz.

Neben den vier zugelassenen Insekten liegt der EU bereits für acht weitere Arten ein Antrag vor, derzeit prüft die Europäische Lebensmittelbehörde ihre Sicherheit für die Verbraucher:innen. Es dürften nicht die letzten Anträge sein. So sehen Forscher:innen beispielsweise großes Potenzial für Drohnenbrut, also die männlichen Larven und Puppen von Honigbienen. Sie wachsen im Bienenstock im Überfluss, viel mehr, als zum Begatten der Königin vonnöten sind. Weil die Drohnenbrut aber als besonders anfällig für einen verbreiteten Schädling gilt – die Varroamilbe, die ganze Bienenvölker auslöschen kann –, entsorgen die Imker einen Großteil der Drohnenbrut bislang ungenutzt.

Was auch immer noch auf den Teller kommt: Schon wegen möglicher Allergien wird es in den Zutatenlisten benannt werden müssen. „Fazit: Bitte tief durchatmen. Wir wünschen guten Appetit beim Verzehr Eurer Snacks – ob mit oder ohne Grille!“, versuchte die EU-Kommission, die Gemüter zu beruhigen.

Eines aber wird auch ein Hubert Aiwanger den EU-Beamten nicht vorwerfen können: Dass sie nicht wissen, wovon sie sprechen. Birgit Schmeitzner jedenfalls, die Pressesprecherin der Berliner Kommissionsvertretung, machte am Freitag selbst die Probe aufs Exempel – auf der Internationalen Grünen Woche. An einem Stand des Bundesernährungsministeriums testete sie Acheta domesticus, das Heimchen – am Stück gebraten und mit kräftigem Barbecuegewürz.

„Crispy“, befand Schmeitzner, „eigentlich wie ein Kartoffelchip“. Und auf jeden Fall „nicht eklig.“

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