Wachstum

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

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Das Beste sei vorbei, meint die deutsche Industrie. Die hiesige Wirtschaft auf diese Weise schlecht zu reden, ist riskant – und überdies falsch.

Noch vor knapp zwei Jahren war die Stimmung ausgelassen. Von „Party“ und „Champagnerlaune“ sprachen die hiesigen Ökonomen, wenn es darum ging, den exzellenten Zustand der deutschen Wirtschaft und den endlosen Boom anschaulich zu beschreiben. Und auch vor einem Jahr, kurz bevor das vierte Kabinett von Angela Merkel seine Arbeit aufnahm, bekräftigte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Dieter Kempf: „Die Startposition für eine neue Regierung könnte kaum besser sein.“ Gemeint war natürlich die Wirtschaft.

Und nun, ein Jahr später? Da ist offenbar plötzlich alles anders. „Wirtschaftlich sind die besten Zeiten vorbei“, orakelte BDI-Chef Kempf am Donnerstag. Der Zustand der Weltmärkte bereitet ihm Bauchschmerzen, die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump bekümmert ihn, und im Inland ist er unzufrieden mit den Zukunftsinvestitionen, der Steuerpolitik und den Strompreisen.

Gleichwohl rechnet der Bundesverband der deutschen Industrie in diesem Jahr mit einem Wachstum der Wirtschaft von eineinhalb Prozent, bei einem ungeregelten Brexit, der zu chaotischen Zuständen im Handel mit Großbritannien und zu vielen wirtschaftlichen Beeinträchtigungen führen würde, könnte laut BDI-Prognose immerhin noch ein Prozent Wachstum erreicht werden.

Spätestens hier wird es widersprüchlich. Einerseits sollen „die besten Zeiten“ vorbei sein. Andererseits soll der Wert der erzeugten Waren und erbrachten Dienstleistungen in diesem Jahr noch größer werden. Größer als im vergangenen Jahr, das wiederum besser war als 2017, und schon damals herrschte ja bekanntlich Champagnerlaune.

Der deutsche Wohlstand, so man ihn denn an der gängigen Maßzahl Bruttoinlandsprodukt misst, ist so groß wie nie zuvor. 3,38 Billionen Euro betrug die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr. Das waren stattliche 220 Milliarden Euro mehr als zwei Jahre zuvor. Gemessen pro Bundesbürger stieg das BIP von 38 370 auf 40 883 Euro.

Wenn die besten Zeiten vorbei sind, dann meint der BDI damit, dass sich das Wachstum abschwächt. Aber auch bei einem geringeren Wachstum hat man am Ende des Jahres mehr als zuvor. Mehr Dienstleistungen, mehr Waren, mehr Steuern, mehr Lohn, mehr Vermögen und in der Regel auch mehr Arbeitsplätze. Wenn es dem Land also heute gut geht, wird es ihm auch am Jahresende gut gehen.

Schwarzmalerei ist deshalb nicht angebracht, ja sogar kontraproduktiv, da sie Unternehmen dazu verleiten könnte, ihre Investitionen zu verringern, und Verbraucher, am Konsum zu sparen. Auf diese Weise kann man sich auch seine eigene Wirtschaftskrise herbeireden.

Aber natürlich erzeugt ein pessimistischer Ausblick einen Handlungsdruck auf die Regierung, den ein optimistischer Ausblick nicht erzeugen würde. Und handeln sollte die Bundesregierung sehr wohl. Nicht unbedingt bei den Steuern, wie von Kempf gefordert. Ein attraktiver Wirtschaftsstandort mit ausgezeichneter Infrastruktur, hoher Produktivität und großer Innovationskraft darf auch hohe Steuern verlangen. Aber damit wären dann - hinzu kommt noch die Energiewende – auch die Felder benannt, wo die Regierung dringend mehr tun muss. Ansonsten heißt es tatsächlich irgendwann, die besten Zeiten sind vorbei. Erfolg ist kein Selbstläufer.

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