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Unternehmen sollten Verantwortung für Mensch und Umwelt übernehmen, sagt Vaude-Chefin Antje von Dewitz.

Gemeinwohl-Ökonomie

Das gute Leben für alle

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Das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie führt weg vom reinen Profit- und Wachstumsdenken: Unternehmen sollten einer gerechten Verteilung und der Stärkung der Demokratie dienen.

Privatkredit, Schnellrechner zur Baufinanzierung, Tipps für die Reisekasse. Wer die Homepage der Sparda-Bank München anklickt, findet die normalen Angebote eines Geldinstituts. Doch oben auf der Startseite kann man neben den Finanzprodukten, dem Online-Banking und den Hilfeseiten auch den Button „Gemeinwohl“ anklicken. Und das ist etwas Besonderes. Denn das Mitglied der genossenschaftlichen Sparda-Bankengruppe in Bayerns Hauptstadt ist ein Pionierunternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), bei der der Geschäftserfolg nicht nur an Umsatz, Gewinn und Wachstum gemessen wird, sondern auch daran, welcher positive Beitrag für die gesamte Gesellschaft geleistet wird.

Investitionen in Waffen sind bei der Münchner Sparda tabu, ebenso Anlagen in Lebensmittelspekulation oder Atomkraft. Für jedes neue Mitglied in der Genossenschaft pflanzt die Bank einen Baum im Geschäftsgebiet Oberbayern, inzwischen sind es rund 80 000 geworden. Ein Kunde, der ein Elektro- oder Hybridauto oder ein E-Bike kaufen will, bekommt für den Kredit einen vergünstigten Zinssatz. Das Unternehmen ist seit 2014 klimaneutral, es nutzt Ökostrom und hat den Fuhrpark teilweise auf E-Mobilität umgestellt.

Die Bank macht eine Personalpolitik, die „familienbewusst“ ist und berücksichtigt, in welcher Lebensphase die Mitarbeiter sind. Und pro Jahr fließen im Schnitt knapp drei Millionen Euro als Zuschüsse in soziale und andere Projekte.

600

Milliarden Euro  an Ressourcenkosten würden europäische Unternehmen nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey durch die Kreislaufwirtschaft jährlich einsparen.

Doch das sind nur einige Schlaglichter, die zeigen, wie man bei der Bank denkt. GWÖ-Unternehmen verpflichten sich auch, eine formelle Gemeinwohl-Bilanz vorzulegen. Das unternehmerische Handeln wird nach einer Matrix unter den Aspekten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und demokratische Mitbestimmung beurteilt. Auf den ersten Blick erscheint es schwierig, solch abstrakte Themen in eine vergleichbare Bilanz zu gießen. Doch ein Handbuch zur Bilanz liefert detaillierte Erläuterungen zu den insgesamt 17 Gemeinwohl-Faktoren. In Bezug auf die Mitarbeiter werden dafür zum Beispiel Gehaltsniveau, Gleichberechtigung, Gestaltungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten abgefragt. Beim Thema Ökologie geht es etwa um Energieverbrauch, CO2-Bilanz und Ressourcennutzung, wobei auch die gesamte Lieferkette betrachtet wird. Ein externer Auditor bewertet die Bilanz. Erreichbar sind maximal 1000 Punkte.

Die Sparda-Bank München war eines der ersten Unternehmen in Deutschland, das der von dem österreichischen Autor Christian Felber im Jahr 2010 entwickelten GWÖ beigetreten ist. Ihr Vorstandschef Helmut Lind betont, man wolle sich nicht nur mit Cash-Flow, Eigenkapitalrenditen und dergleichen beschäftigen: „Wir engagieren uns mit Leidenschaft für die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie, um diesen wichtigen Beitrag für den notwendigen sozial-ökonomischen Wandel voranzubringen.“ Tatsächlich verzeichnet sie in dem Bereich deutliche Erfolge. Bei der jüngst vorgelegten Gemeinwohl-Bilanz für die Jahre 2015 bis 2017 erreichte die Bank 602 Punkte, eine Steigerung um 43 Punkte. In der Langfrist-Vision geht das Unternehmen sogar noch weiter. Dann soll es noch eine „Universalbilanz“ geben, „in der gar nicht mehr zwischen den Finanzen und dem Gemeinwohl getrennt wird“, wie die Nachhaltigkeitsmanagerin der Bank, Christine Miedl, sagt.

Die Münchner Sparda-Bank ist zwar die erste und bisher einzige Bank, die Gemeinwohl-Bilanzen erstellt, doch insgesamt nimmt die quasi im Alleingang von Felber gegründete Bewegung durchaus Fahrt auf. Inzwischen unterstützen rund 2000 Unternehmen vor allem in Österreich und Deutschland die GWÖ, und rund 500 haben bereits entsprechende Bilanzen aufgestellt. Auch bekannte Unternehmen wie der Outdoor-Hersteller Vaude oder die österreichische Spedition Schachinger Logistik sind dabei, große Konzerne allerdings fehlen. Doch einige Kommunen sind Mitglied geworden, zum Beispiel die Großstädte Stuttgart und Mannheim, deren städtische Eigenbetriebe den GWÖ-Bilanzierungsprozess durchlaufen. 

2000

Unternehmen vor allem in Österreich und Deutschland unterstützen inzwischen die Gemeinwohl-Ökonomie.

Eine Rolle dürfte hier gespielt haben, dass der Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landesregierung von Baden-Württemberg eine Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie vorsieht. Die Geschäftsführerin der Stuttgarter Stadt-Tochter „Leben & Wohnen“, Sabine Bergmann-Dietz, sieht große Vorteile für das Unternehmen. Die Bilanz habe geholfen, neue Ziele aufzustellen. Man habe dazu zum Beispiel Mitarbeiterbefragungen durchgeführt, einen Zufriedenheitsindex und eine Energiebilanz für alle Einrichtungen aufgestellt. Es gehe um einen kontinuierlichen Prozess der Verbesserung. Man müsse sich „immer wieder damit befassen“.

GWÖ-Gründer Felber, der selbst ganz bewusst nicht Wirtschaft studiert hat (sondern Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie und Spanisch) und Attac Österreich mitgründete, fordert eine „echte Ökonomie“, die „das gute Leben für alle und Lebensqualität“ garantiert. Unternehmen müssen aus seiner Sicht vor allem dem sozialen Zusammenhalt, der Befriedigung von Bedürfnissen, einer gerechte Verteilung und der Stärkung der Demokratie dienen. Er glaubt, dass sich diese Umorientierung weg vom reinen Profit- und Wachstumsdenken durchsetzen wird, denn sie entspreche „den ethischen Überzeugungen der großen Mehrheit – nicht nur der Menschen, sondern auch der Unternehmen“.

Dass viele Zeitgenossen Angst vor einem solchen Umbau hätten, scheint ihm aber auch klar. Denn er sichert zu: „Es gäbe nach wie vor private Unternehmen. Es gäbe auch privates Eigentum.“ Aber er stellt auch fest: „Das kapitalistische Element und der kapitalistische Charakter dieser Marktwirtschaft würden sogar zur Gänze überwunden werden.“

Ein Selbstläufer freilich ist die Gemeinwohl-Ökonomie nicht. Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Herstellers Vaude, der wie die Sparda München eines der Vorzeigeunternehmen der Bewegung ist, macht deutlich: Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sind bisher benachteiligt – aufgrund höherer Kosten, zusätzlichem Aufwand und größerer Unsicherheit. Nachhaltige Lieferketten für Produkte zum Beispiel seien eine freiwillige Leistung, die vom Markt nicht automatisch honoriert wird. „Unternehmen werden vor allem nach ihrem finanziellen Erfolg bewertet. Sie sollten jedoch auch daran gemessen werden, inwieweit sie Verantwortung für Mensch und Umwelt übernehmen“, sagt von Dewitz. Ein Hebel, um das umzusetzen, wäre zum Beispiel, wenn GWÖ-Firmen niedrigere Steuersätze zahlen müssten oder leichteren Zugang zu Krediten oder öffentlichen Aufträgen bekämen.

FR-Serie „Du gehörst zu mir“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde Anfang Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“.

Das Serien-Thema wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit jeweils eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Heute startet die Wirtschaftsredaktion ihren Schwerpunkt „Wirtschaft, die verbindet“. Darin beschäftigt sie sich mit der Frage, wie den Spaltungstendenzen, die vom derzeitigen Wirtschaftssystem ausgehen, begegnet werden kann.

In der nächsten Folge schreibt FR-Autor Stephan Kaufmann darüber, wie frei Politiker wirklich sind, die Wirtschaft zu gestalten. Und im Interview mit dem Ökonomen Jens Südekum geht es um die Rückkehr des Staates als ökonomischer Akteur und die Frage, welche Möglichkeiten sich daraus für eine gezielte Industriepolitik ergeben.

Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir

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