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Wolfgang Lemb.

Wolfgang Lemb

"Gute Arbeit - ob in Wolfsburg oder Detroit"

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IG Metall-Vorstand Wolfgang Lemb über internationale Solidarität unter Arbeitnehmern und die Auseinandersetzung mit der AfD.

In Zeiten von „America first“ und Profitmaximierung, optimierten und globalisierten Produktionsketten scheinen die Interessen der Beschäftigten immer weniger wichtig zu sein. Wie Gewerkschaften sich diesen Kräften entgegenstellen, darüber spricht Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, im Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Herr Lemb, internationale Gewerkschaftsarbeit ist doch 19. höchstens 20. Jahrhundert, aber doch nicht 21. Jahrhundert – oder? 
Diese Arbeit ist aktueller denn je. Und sie ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden – etwa durch die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins europäische Ausland. Dafür haben wir unsere Arbeit neu ausgerichtet und teils umstrukturiert. Viel intensiver als früher wird jetzt auf betrieblicher Ebene zusammengearbeitet. 

Wie funktioniert internationale Gewerkschaftsarbeit in Zeiten von „America first“? Wie können Sie sich in der politischen Atmosphäre der Renationalisierung Gehör verschaffen? 
Wir tauschen uns ständig mit Gewerkschaften anderer Länder darüber aus, wie wir unsere Ziele der Solidarität, des Multilateralismus und fairer Handelsabkommen auf nationaler und internationaler Ebene erreichen können. Innerhalb internationaler Konzerne stärken wir entlang der Wertschöpfungskette Solidarität und gewerkschaftliche Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. 

Was haben Arbeiter in Wolfsburg, Detroit und in Paris gemeinsam, obwohl die Automarken wie VW, Ford und Renault miteinander konkurrieren?
Die Beschäftigten wollen gute Arbeits- und Lebensbedingungen – unabhängig davon, ob sie in Wolfsburg, Detroit, Paris oder sonst wo arbeiten. Es geht also um die Situation an den verschiedenen Standorten, die sehr unterschiedlich sind. Es geht um Mitbestimmung, angemessene Löhne und darum, Standortkonkurrenzen zu minimieren. 

Arbeiter in Detroit setzen sich aber nicht nur für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen ein, sie haben auch Trump gewählt und finden den Slogan „America first“ wichtig. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? 
Kolleginnen und Kollegen in den USA sind dem Rechtspopulisten Trump bedauerlicherweise auf den Leim gegangen. Unser Ansatzpunkt ist, mit dafür zu sorgen, dass Menschen nicht abgehängt und dann für die einfachen Parolen von Populisten empfänglich werden. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren amerikanischen Partnergewerkschaften Standards zu entwickeln, damit auch Beschäftigte in den USA gut arbeiten und leben können. 

Was sollen die verschiedenen Arbeiter von VW an den deutschen, chinesischen oder US-amerikanischen Standorten gemeinsam erreichen? 
Es geht darum, dass die Beschäftigten nicht gegeneinander ausgespielt werden, dass nicht durch die Standortkonkurrenz Löhne sinken und Arbeitsbedingungen schlechter werden. Bei Volkswagen gibt es einen Weltbetriebsrat, der sich dafür einsetzt, dass die Interessen der Beschäftigten berücksichtigt werden. Mit diesen betrieblichen sowie unseren gewerkschaftlichen Instrumenten verbessern wir die Lebensperspektiven der Beschäftigten in den unterschiedlichen Regionen, zum Beispiel auch in Mittel- oder Osteuropa. 

Das mag bei einem Konzern wie VW in wirtschaftlich guten Perioden halbwegs funktionieren. Der französische Autohersteller Peugeot PSA hat nach der Übernahme von Opel aber ganz klar gefordert, dass die Opel-Werke genauso effizient arbeiten müssen wie die Produktionsstätten des Mutterkonzerns. Wie gehen Sie damit um? 
Dieses Muster wiederholt sich – jüngst auch bei Siemens. Da ging es um Standorte hierzulande. In derartigen Konflikten geht es immer darum, die Reihen geschlossen zu halten, also um gegenseitige Solidarität. Kernziel dabei ist, die Erhaltung der Standorte. Dort wo das nicht gelingt, streben wir sozialverträgliche Lösungen an. Wichtig hierbei sind unsere internationalen Unternehmens- und Branchen-Netzwerke. Häufig erfahren die Beschäftigten erst dann, welche Rolle ihrem Standort von einem Konzern zugewiesen wurde. Erst dann können sie sich gegenseitig unterstützen. Insofern sind solche Netzwerke enorm wichtig. 

Haben Sie dafür konkrete Beispiele? 
In Ungarn und in den USA haben wir konkrete Projekte mit Fokus auf die deutschen Automobilzulieferer in diesen Ländern. Wir helfen mit unseren hiesigen Kontakten den dortigen Gewerkschaften, stärker zu werden. 

Wie haben die Beschäftigten von Siemens darauf reagiert, dass der Konzern versucht hat, die Standorte gegeneinander auszuspielen? Mussten Sie sehr für Solidarität werben? 
Am Anfang stehen natürlich die Ängste der Einzelnen. Das macht es nicht einfach, Solidaritätsprozesse zu organisieren. Wir haben aber deutlich gemacht, dass die Standorte erhalten werden müssen. Es ist uns im Fall Siemens gelungen, die Standorte in Deutschland zu retten. Wir haben gemeinsam Positionen entwickelt und diese Positionen auch gemeinsam vertreten. Es ist gelungen, Standortkonzepte zu entwickeln. Für Arbeitsplätze die abgebaut werden, wurde eine verträgliche Lösung erreicht. 

Wie sieht der Erfolg bei Siemens genau aus?
Viele Standorte haben neue Aufgaben erhalten. Leider konnten wir nicht alle Arbeitsplätze erhalten. Gemessen an den ursprünglichen Plänen des Managements ist das Ergebnis ein Erfolg vieler Aktionen von vielen Kollegen an allen Standorten. ein gutes Ergebnis gewerkschaftlicher, Standort übergreifender Solidarität. 

Die politischen Rahmenbedingungen für eine Gewerkschaft waren auch schon besser als derzeit. Der Mitgliederschwund von Gewerkschaften und anderen großen Organisationen ist ein Zeichen dafür. Finden Sie auch, dass wir das Ende der sozialdemokratischen Ära erleben?
Das Ende der sozialdemokratischen Ära sehe ich noch nicht. Allerdings muss sich Politik insgesamt stärker den konkreten Herausforderungen zuwenden. Durch den digitalen und ökologischen Umbau in Wirtschaft und Gesellschaft werden die Fragen nach einem guten Leben, nach Gerechtigkeit und Verteilung neu gestellt. Da muss Politik konkrete Antworten liefern. Wir als IG Metall diskutieren die Anforderungen jedenfalls sehr beteiligungsorientiert mit unseren Mitgliedern. Und wir haben Anfang des Jahres einen innovativen Tarifvertrag abgeschlossen. Wir haben viele Neueintritte. Mitgliederschwund trifft auf die IG Metall jedenfalls nicht zu. 

Wie diskutieren Sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen, dass etwa jeder fünfte Arbeiter die rechtspopulistische AfD wählt? 
Die IG Metall ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wir halten dagegen: etwa mit Aufklärung, also mit betrieblicher und politischer Bildungsarbeit. Wir machen deutlich, dass die AfD die politischen Probleme nicht lösen wird, weil sie zwar einfache Antworten suggeriert, aber keine Lösungskonzepte hat. Wir investieren auch viel in Argumentationshilfen, damit unsere Mitglieder und die Vertrauensleute im Betrieb oder auch privat Rechtspopulisten entgegentreten können. Wir engagieren uns aber auch bei Demonstrationen wie jüngst in Berlin unter dem Motto „Unteilbar“ oder gegen Rechte etwa in Chemnitz. Aus meiner Sicht ist die gemeinsame Netzwerkarbeit in den Regionen besonders wichtig.

Erfolge der internationalen Gewerkschaftsarbeit sind rar. Da wird gerne Südafrika genannt, wo die IG Metall beispielsweise dabei geholfen hat, Gewerkschaften aufzubauen, und damit jene Kräfte gestärkt hat, die Anfang der 1990er Jahre das Apartheidsystem überwunden haben. Gibt es solche Erfolge auch heute noch? 
Da gibt es zahlreiche Beispiele, wenn auch nicht alle so spektakulär sind wie das südafrikanische. Bei einem US-amerikanischen Autozulieferer haben wir zunächst Netzwerke aufgebaut und auch in den südafrikanischen Standorten des weltweit agierenden Konzerns mehr Mitbestimmung für die Beschäftigten erreicht. In Marokko helfen wir derzeit, überhaupt eine betriebliche und gewerkschaftliche Vertretung aufzubauen. Mit unserer transnationalen Partnerschaftsinitiative unterstützen wir Gewerkschaften in Ungarn und den USA dabei, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu erstreiten. In Ungarn sind übrigens die Mitgliederzahlen unserer dortigen Partnerorganisation um zehn Prozent angestiegen. Das ist – hinsichtlich der gewerkschaftlichen Situation insgesamt in Osteuropa – schon bedeutend. 

Wird die internationale Gewerkschaftsarbeit innerhalb der IG Metall vorbehaltlos unterstützt? Oder sagen nicht einige, das Geld und andere Ressourcen wären hierzulande besser eingesetzt? 
Es gibt ein großes Verständnis für diese Projekte. Jeder weiß, dass es am Ende auch uns hilft, wenn an anderen Standorten wie etwa in Ungarn betriebliche und gewerkschaftliche Vertretungen stark genug sind, etwas zu bewegen. Das ist auch im Eigeninteresse der IG Metall, ihrer Mitglieder und der Beschäftigten in den Betrieben. 

Interview: Andreas Schwarzkopf

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