+
Ein Landwirt verteilt die Gülle auf seinem Feld.

EU-Klage

Der Gülle-Wahnsinn

  • schließen

Massentierhaltung in Deutschland erzeugt immense Mengen an Tierkot. Das ist Gift für Felder und Gewässer. Unter dem Druck einer EU-Klage arbeitet Berlin an einer Düngeverordnung - die das Problem kaum lösen wird.

Deutschland, wie zuvor bereits Frankreich, hat ein riesengroßes Problem mit der EU: Im November hat die EU-Kommission Berlin verklagt, weil der Bund geltendes Umweltrecht mit einer kaum zu übertreffenden Beharrlichkeit ignoriert. Seit 1991 gibt es die EU-Nitrat-Richtlinie. Sie soll das Grund-, Trink-, Fluss- und Meerwassers vor Stickstoffdüngerresten aus der Landwirtschaft schützen. Doch auch 25 Jahre später weisen immer noch mehr als ein Viertel der Brunnen in landwirtschaftlichen Gebieten zu viel Nitrat auf, das im Übermaß genossen zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Unter dem Druck der Klage, die im schlimmsten Fall zu Milliardenzahlungen an die EU-Kasse führen kann, bewegen sich Bund und Länder zwar. Doch ob das, was derzeit ausgehandelt wird und im März nach jahrelangen Beratungen in eine neue Düngeverordnung als geltendes Recht fließen soll, ausreicht, um das Grundwasser oder die Gewässer zu schützen, ist völlig offen.

Fakt ist: Die Stickstofffracht auf den Feldern der Bundesrepublik wurde in den vergangenen 25 Jahren glatt halbiert. Das ist erstmal eine gute Nachricht. Die abnehmende Tendenz belegen auch jüngere Zahlen: So lag der Stickstoff-Überschuss aus Gülle oder Mineraldünger, den die Pflanzen nicht verwerten konnten, 2003 in etlichen Bundesländer bei noch deutlich über 100 Kilo je Hektar. Heute kommen nur noch Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen an solche extremen Werte heran.

Doch die bereits erfolgte Reduzierung und auch das, was die Bundesregierung bislang an Veränderungen geplant hatte, genügt nicht, um die Gewässer ausreichend und vor allem dauerhaft zu schützen. Das spiegelt die 1500 Seiten lange Klageschrift der EU deutlich wieder. Selbst der im Herbst von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) veröffentlichte Nitratbericht liest sich nur auf den ersten Blick als Entwarnung. So hat sich der Anteil der Brunnen, die in agrarischen Regionen liegen und die mehr als 50 Milligramm Nitrat je Liter Wasser aufwiesen, zwar plötzlich fast halbiert – und zwar von 49 auf nun 28 Prozent. Doch ist dies nur auf dem Papier so, denn dahinter steckt nichts anderes als eine Umstellung des Messnetzes.

Waren zuvor die zur Bewertung des Problems ausgewählten 162 Trinkwasserquellen überwiegend dort herausgepickt worden, wo das Risiko einer Verschmutzung etwa aufgrund der Bodenbeschaffenheit oder der Tierdichte hoch ist, kommt nun ein deutlich erweitertes, angeblich repräsentatives Messnetz mit 697 Messpunkten zum Einsatz. Tatsächlich gibt es in Deutschland um die 11 000 derartige Messstellen, von denen aber nach wie vor nur ein Bruchteil in die Erfassung eingeht. Sehr zum Verdruss landwirtschaftlicher Interessenverbände, die sich von einer Ausweitung des Netzes eine Relativierung des Nitratproblems erhoffen könnten. So wirft der niedersächsische Agrarstatistiker Georg Keckl den Behörden vor, durch eine Verquickung aus Messstellen verschiedener Netze kein repräsentatives Ergebnis, sondern eine „Schieflage“ zulasten der Landwirtschaft zu erzeugen. Sein Verdacht: Die Behörden wollten der Bevölkerung „mit allen Mitteln weiter hohe Werte unterjubeln“, womit die Landwirtschaft schlechter dargestellt werde als sie ist.

Hendricks hingegen denkt anders: „Die intensive Landwirtschaft kommt uns immer wieder teuer zu stehen“, sagt sie in einem Interview. Es sei im Sinne des Gemeinwohls, mit schärferen Düngevorgaben zu agieren. Denn tatsächlich steigt oder sinkt der Nitratgehalt bei einer jeweils etwa gleich großen Anzahl von Quellen. Doch das bedeutet eben auch: Bei 27 Prozent der Brunnen steigen die Stickstoffwerte weiter an, bei 15,9 Prozent sogar stark. Von Entwarnung also keine Spur.

Fakt ist zudem auch: So lange der Fleischkonsum hoch und die deutsche Fleischerzeugung auf Export von massenhaft produziertem Billigfleisch getrimmt ist, wird das Problem nicht kleiner. Im Vergleich: 1950 wurden in Deutschland pro Jahr um die zehn Millionen Schweine geschlachtet. Heute sind es um die 55 Millionen allein aus inländischer Mast. Deren Gülle muss irgendwo hin.

Nicht nur die Bauern im Weser-Ems-Gebiet, dem Hotspot der Massenproduktion, können die Exkremente längst nicht mehr auf den eigenen Feldern unterbringen. Aber allein dort, kalkuliert Agrarexpertin Reinhild Benning, „fehlen 200 000 Hektar Land, um die Gülle zu verteilen“. Das heißt: Die Bauern bräuchten noch einmal die Fläche der Landkreise Cloppenburg und Vechta.

An dieser Stelle setzt nun ein Deutschland-interner Gülle-Tourismus ein, der auf 130 000 Lastwagen-Ladungen geschätzt wird. Allein in Niedersachsen entstehen jährlich 3,15 Millionen Gülle und Mist, die in andere Regionen und auch in andere Bundesländer kutschiert werden.

Dass dies auf absehbare Zeit so bleiben wird, hat jüngst Niedersachsens Grüner Landwirtschaftsminister Christian Meyer bestätigt: „Rechnerisch wird in Westniedersachsen“, also bei Cloppenburg oder Vechta, „etwa eine Fläche so groß wie der Bodensee überdüngt“. Diese Melange aus Kot von Schweinen und Hühnern-, aber auch Gärresten der Biogasanlagen wird zum Beispiel in die Ackerbauregion des Braunschweiger Lands gebracht. Langfristig hingegen plädiere er für eine gleichmäßigere Verteilung – nicht der Gülle, sondern der Tiererzeugung. Man könne „den tierwohlgerechten Stall auch in Gifhorn bauen“, statt in Vechta.

Das tut Not, denn deutsche Felder erreicht nicht nur die eigene Gülle, sondern auch die aus benachbarten Ländern wie Belgien und vor allem den Niederlanden. Jährlich sind um die 60 000 Lastwagen mit Ziel Bundesrepublik unterwegs, um die Folgen einer extrem hohen Tierdichte in den Niederlanden zu nivellieren. 1,4 Millionen Tonnen Schweinegülle, Geflügelmist, Gärreste oder in horrenden Mengen auch verbrauchter Champost, ein aus Pferde- und Hühnermist hergestelltes Substrat zur Champignonzucht, kommen so jedes Jahr aus Holland allein nach Nordrhein-Westfalen.

Zwar hatten Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen versucht, diesen internationalen Handel zu verhindern. Gülle und Hühnertrockenkot gelten nun als Abfallprodukte. Die Behörden können nun leichter nachverfolgen, ob der Kunde auch genug Fläche hat, um den Dünger umweltgerecht auf seinem Land zu verteilen. Den Import von Gülle unterbinden konnten die Länder aber nicht. Die EU ließ mitteilen, dass weitergehende Einfuhrbeschränkungen europarechtlich unzulässig seien.

Dabei hat der Gülle-Tourismus auch neue Geschäftsfelder eröffnet. So wirbt ein norddeutscher Unternehmer, er sorge „für die nötigen Flächennachweise, den Transport mit 30-Kubikmeter-Tankzügen und auf Wunsch auch für die Ausbringung auf den Acker mit bodenschonenden Drei-Achs-Güllefässern, natürlich mit Reifendruckregelanlagen und Schleppschlauchverteiler.“ Teure, moderne Technik – geschaffen, um die Spuren der industriellen Landwirtschaft zu kaschieren. Doch nicht für jeden Landwirt ist der Gülle-Export ein Ausweg. Denn die Entsorgung geht ins Geld. Je nach Entfernung können leicht zehn bis 18 Euro je Kubikmeter fällig werden. Damit aber geraten Schweinebauern schnell an die Rentabilitätsgrenze: „Wenn ein landloser Schweinemäster an einem Tier 18 Euro verdient, aber zehn Euro für die Gülle abdrücken muss, lohnt sich das Geschäft nicht mehr“, bilanziert Benning.

Derweil wähnt sich manches Wasserwerk als „Reparaturbetrieb. Und tatsächlich investieren die Wasserwerke Unsummen, um die Lage in den Griff zu bekommen, etwa indem sie Felder rings um ihre Brunnen aufkaufen. Umweltschützer vom BUND und anderen Verbänden beziffern die Kosten, die aufgrund der Überdüngung bei der Versorgung mit sauberem Trinkwasser entstehen, auf acht Milliarden Euro jährlich. Im Extremfall sind es demnach sogar bis zu 25 Milliarden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare