Um ein Viertel sind die Kapazitäten in den Müllverbrennungsanlagen gestiegen. Beim Verbrennen von Siedlungsabfall bleiben giftige Filterstäube und Schlacken übrig.
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Um ein Viertel sind die Kapazitäten in den Müllverbrennungsanlagen gestiegen. Beim Verbrennen von Siedlungsabfall bleiben giftige Filterstäube und Schlacken übrig.

Wirtschaft

Grüne wollen eine Wirtschaft ohne Abfall

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Abfall drastisch reduzieren: Ein neues Grünen-Konzept schlägt vor, Handys nicht mehr zu besitzen, sondern nur noch zu nutzen.

  • Produzenten sollen Ressourcen und somit Abfall sparen
  • Nur 14% der Rohstoffe in der Produktion sind recycelt
  • Grüne wollen längere Garantiezeiten für Elektrogeräte

Berlin - Jeder kennt das. Das Smartphone ist zwei Jahre alt, funktioniert noch tadellos, aber dem Akku geht die Puste aus. Der Batterietausch im Laden ist teuer, Selbermachen zu kompliziert, und so entscheiden sich viele doch gleich zum Kauf eines neuen Modells. Folge: Der Elektroschrott -Berg wächst wieder ein bisschen. Geht es nach den Grünen, ist das bald Vergangenheit.

Gegen Abfall: Grüne wollen Geräte, die man reparieren kann

Ihr neues Konzept für eine „ressourcenleichte, giftfreie und klimaneutrale Kreislaufwirtschaft“ sieht unter anderem vor, dass Produkte bereits beim Design auf Langlebigkeit und Reparierbarkeit getrimmt werden. Beispiel Smartphone-Akku: Der Austausch ließe sich ganz einfach ohne Aufschrauben des Geräts bewerkstelligen – wie früher bei den Handys und heute beim Alternativmodell Fairphone üblich. 

„Denkbar ist auch, dass für die Verbraucher überhaupt keine Kosten anfallen, weil sie das Telefon nicht besitzen, sondern nur das gekauft haben, was sie eigentlich wollen: Mobil telefonieren, surfen und Fotos machen“ – so steht es in einem Papier zum Thema, das die Grünen-Umweltexpertin Bettina Hoffmann formuliert hat und das am Freitag auf einem Kongress in Berlin diskutiert werden soll.

Die Hersteller wären nach diesem „Nutzen statt besitzen“-Modell dafür verantwortlich, dass die Kunden immer ein funktionierendes Produkt zur Verfügung haben – inclusive nötiger Reparaturen und am Ende der Lebensdauer der möglichst kompletten Wiederverwertung des Geräts.

Abfall: Deutschland ist Europameister

Die Deutschen als Erfinder des „Grünen Punkts“ und – zumeist – eifrige Müllsortierer sehen sich selbst als Öko-Weltmeister. Doch tatsächlich sind sie Europameister beim Abfall – in keinem anderen EU-Land wird pro Kopf mehr Verpackungsmüll produziert. Der meiste Siedlungsabfall wird verbrannt, wobei hochgiftige Filterstäube und Schlacken übrigbleiben, die in der Regel in Bergwerkstollen verfüllt werden, und Treibhausgase entstehen.

Links: Müllaufkommen nach EU-Ländern pro Kopf. Rechts: Zusammensetzung der Haushaltsabfälle in Deutschland.

In den letzten zehn Jahren sind die Müllverbrennungskapazitäten um ein Viertel gestiegen; weitere Anlagen sind in Planung. „Dabei könnte allein schon der konsequente Vollzug bestehender Gesetze bei Mülltrennung und -sortierung die Menge der zu verbrennenden Abfälle um ein Fünftel reduzieren“, heißt es in dem Konzept.

Deutschland: Rund 15 Tonnen Rohstoffe verbraucht jeder Deutsche im Jahr

Schaut man sich die Zahlen zum Ressourcenverbrauch hierzulande an, ist es mit der Kreislaufwirtschaft tatsächlich nicht weit her. Obwohl es bereits seit 1994 ein „Kreislaufwirtschaftsgesetz“ gibt, werden nur 14 Prozent der Produktion durch recycelte Rohstoffe gedeckt. 

Insgesamt beträgt der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoffen rund 15,3 Tonnen pro Jahr. Zählt man die Ressourcen hinzu, die im Ausland für in Deutschland konsumierte Produkte eingesetzt werden – zum Beispiel für die Herstellung von Textilien, Plastikprodukten oder Elektronik – sind es sogar 43 Tonnen. Umweltexperten halten global maximal einen Verbrauch von zehn Tonnen pro Kopf für nachhaltig.

Gegen Abfall: Grüne fordern längere Garantiezeiten 

Weitere Probleme sind, dass viele unerwünschte Stoffe in der Umwelt oder gar im menschlichen Körper landen – Stichwort Mikroplastik, Pestizid- und Medikamentenrückstände – und ein nicht unerheblicher Teil der Abfälle ins Ausland geschafft wird. „Teilweise sind es legale Exporte, deutscher Müll wurde aber auch auf illegalen Deponien in Polen oder Malaysia gefunden“, kritisiert Hoffmann. Und obwohl der Export von Elektroschrott aus Europa verboten sei, lande er doch immer wieder in Ländern wie Ghana, wo er unter menschenunwürdigen Bedingungen verwertet werde.

In dem Grünen-Konzept werden verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen, um die Kreislaufgesellschaft voranzubringen. So fordert die Ökopartei eine Verlängerung der Mindest-Garantiefristen für Produkte von derzeit zwei auf vier Jahre, bei langlebigen Produkten wie Waschmaschinen sogar auf rund 15 Jahre. Grünen-Expertin Hoffmann sieht darin einen „zentralen Hebel, um die Langlebigkeit von Gütern zu fördern“.

Außerdem solle eine Produktrahmenrichtlinie mit gesetzlichen Mindeststandards für Langlebigkeit und Reparierbarkeit eingeführt werden. Und ein staatlich anerkanntes „Kreislauf-Label“ soll es Konsumenten und Einkäufern von Unternehmen und Behörden ermöglichen, Produkte auszuwählen, die nach Öko-Designprinzipien gefertigt sind – anknüpfend an Initiativen wie „Cradle to Cradle“ oder dem RAL-Gütezeichen „Rezyklate aus haushaltsnahen Wertstoffsammlungen“.

Weniger Abfall: Hilft ein Pfand auf alles?

Weiter fordern die Grünen, eine Ressourcenabgabe einzuführen und die Subventionen für die Plastikherstellung zu streichen, die nach ihren Angaben 780 Millionen jährlich betragen – für die Nutzung von Erdöl oder Erdgas in diesem Bereich wird keine Energiesteuer erhoben. Für „kreislauffreundliche“ Produkte soll es im Gegenzug einen Steuerbonus geben. Hoffmann kann sich auch ein „Pfand auf alles“ vorstellen, um sicherzustellen, dass alle Produkte nach Ende der Lebensdauer an die Hersteller zurückgehen.

Zudem schlägt die Ökopartei die Einführung von elektronischen Produkt- und Materialpässen vor, in denen die Inhaltsstoffe dokumentiert sind – vom Smartphone bis zum Haus. „Das sind entscheidende Instrumente für eine Kreislaufwirtschaft“, sagt Hoffmann. 

Die Pässe lieferten wesentliche Informationen zur Erschließung der „wertvollen Rohstofflager“, die die Altprodukte dann tatsächlich seien. „Die Transparenz eröffnet es zudem, Strategien zum wirksamen Schutz von Umwelt und Gesundheit zu entwickeln: Welche Materialien sind am besten geeignet? Welche Schadstoffe können wir vermeiden? Gibt es unschädliche Alternativen?“

Grüne: Unternehmen können durch Recycling sparen

Ökonomisch und ökologisch würde sich eine weitgehend abfallfreie Kreislaufwirtschaft lohnen. Laut der Unternehmensberatung McKinsey könnten Europas produzierende Unternehmen dadurch pro Jahr rund 600 Milliarden Euro an Ressourcenkosten einsparen. Und die britische Ellen-MacArthur-Stiftung hat errechnet, dass durch den Übergang auf diese Wirtschaftsweise bis zu 50 Prozent der CO2-Emissionen in materialintensiven Industrien und Wertschöpfungsketten reduziert werden können. 

Auf EU-Ebene spielt das Thema eine zunehmend wichtige Rolle. Für den März hat die Kommission einen „neuen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft“ angekündigt. Ziele sind unter anderem, den Siedlungsabfall bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren und ein „Recht auf Reparatur“ in der Verbraucherschutz-Gesetzgebung zu verankern.

Von Joachim Wille

 

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