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Verena Hubertz (links) weiß, wovon sie redet: Die SPD-Politikerin gründete mit Mengting Gao das Start-up Kitchen Stories.
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Verena Hubertz (links) weiß, wovon sie redet: Die SPD-Politikerin gründete mit Mengting Gao das Start-up Kitchen Stories.

Wirtschaft

Bundestagswahl 2021: Start-ups stellen Forderungen an die Politik

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Gründerinnen und Gründer in Deutschland haben es nicht leicht. Sie fordern nach der Bundestagswahl 2021 den Abbau bürokratischer Hürden und den Ausbau des Internets.

Frankfurt - Die Bundestagswahl 2021 ist vorbei, auf die nächste Regierung wartet viel Arbeit. Auch beim Thema Gründen. Die Liste der Probleme ist lang: Viele Start-ups und Gründer:innen fühlen sich vernachlässigt, beklagen die ausufernde Bürokratie, einen fehlenden Start-up-Spirit und bestehende Strukturen, die Frauen benachteiligen.

Daniel Beutler ist im vergangenen Jahr nach Deutschland zurückgekehrt. Heute ist er Berater und Coach, zuvor lebte er zehn Jahre in Frankreich, wo er unter anderem das Bahnticket-Portal Trainline managte. Zurück in Deutschland fiel ihm nicht nur auf, dass Start-ups hierzulande ein niedrigeres Ansehen haben als in Frankreich, wo sie regelmäßig zu Präsident Emmanuel Macron in den Élysée-Palast eingeladen werden. Auch an so grundlegenden Dingen wie schnellen Internet- und Mobilfunkverbindungen fehle es vielerorts noch heute. „Im Eurotunnel habe ich besseren Empfang als 25 Kilometer von Hamburg entfernt.“

Bundestagswahl 2021: Gründerinnen und Gründer enttäuscht von Politik

Es gehe ihm nicht um „Rocket Science, sondern um das Grundrauschen des Lebens“, sagt Beutler: eine gute Internetverbindung und unkomplizierte, weil digitalisierte Prozesse bei Behördengängen. Aber auch ein europaweit einheitliches Arbeits-, Unternehmens- und Steuerrecht fordert Beutler. Als er vor einigen Jahren mit seiner französischen Gesellschaft in Deutschland habe Mitarbeiter einstellen wollen, „da bin ich fast durchgedreht“. Denn: alles nicht so einfach. Das frustriert.

Wie Beutler geht es vielen Gründer:innen und Unternehmer:innen, die Skepsis der Start-ups gegenüber der Politik ist groß. Der Digitalverband Bitkom hat im Frühjahr 201 Tech-Start-ups in Deutschland gefragt, welche Politikerin oder welcher Politiker die Interessen von Start-ups am besten vertritt. Die überwiegende Antwort: niemand. Knapp zwei Drittel der Befragten konnten keine Angabe machen oder sagten ausdrücklich, ihnen falle niemand ein.

Start-ups fühlen sich auch nach Bundestagswahl kaum vertreten von Politik

Das Feld der Übrigen führte Christian Lindner an. Jede dritte Nennung fiel auf den Vorsitzenden der FDP. Damit lag Lindner, der in der nächsten Bundesregierung gerne Finanzminister wäre, vor dem Start-up-Beauftragten des Bundeswirtschaftsministeriums Thomas Jarzombek (CDU), Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU).

Der SPD wird allgemein wenig zugetraut, wenn es um Start-up-Politik geht. Ob sich das in der kommenden Legislaturperiode ändert? Verena Hubertz jedenfalls will es versuchen. Das Know-how dazu hätte sie. 2013 gründete Hubertz mit einer Freundin „Kitchen Stories“. Aus der Idee, Gerichte zu kochen und jeden Schritt der Zubereitung mit Videos zu dokumentieren, ist eine erfolgreiche App mit mehr als 20 Millionen Nutzer:innen geworden. Und die Gründerin von damals ist heute Politikerin: Hubertz kandidierte am Sonntag im Wahlkreis Tier und stand auf Listenplatz sechs der rheinland-pfälzischen SPD.

Auch der SPD wird wenig zugetraut beim Thema Gründung

Für Hubertz war es ein erfolgreicher Wahlabend: Die Quereinsteigerin sammelte 33 Prozent der Erststimmen ein und nahm ihrem CDU-Konkurrenten damit das Direktmandat ab. In der kommenden Legislaturperiode will Hubertz mit ihren Ideen für frischen Wind im Parlament sorgen, denn auch sie ist mit der Politik unzufrieden: „Wenn man sich die Digitalisierung anschaut und den Wandel der Arbeitswelt, dann haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten leider zu viel verwaltet und zu wenig gestaltet.“

Hubertz, bereits seit elf Jahren SPD-Mitglied, macht sich deshalb parteiübergreifend für einen staatlichen „Zukunftsfonds“ für Start-ups stark. Die Idee: Wer in die Rente einzahle, investiere in die Arbeitsplätze der Zukunft. Vor allem in den späten Phasen der Unternehmensfinanzierung gebe es Lücken, sagt Hubertz, die der Fonds schließen soll.

Außerdem müsse der Gründungsprozess vereinfacht werden, fordert Hubertz: „Zur Zeit muss man sein Gewerbe noch auf einem gelben Durchschlag anmelden, braucht unzählige Formulare, und es dauert einfach zu lange.“ Stattdessen: One Stop Shop – alle notwendigen bürokratischen Schritte sollen künftig an einer Stelle möglich sein.

Fehlende Gründerinnen: Kaum Frauen in der Start-up-Szene

Ein weiteres Problem: Frauen sind in Gründerteams dramatisch unterrepräsentiert. Der Anteil von Start-up-Gründerinnen in Deutschland lag 2020 bei 15,7 Prozent. Das ist ein Ergebnis des Female Founders Monitor (FFM) – einer Studie des Bundesverbands „Deutsche Start-ups“, die die Bedeutung von Gründerinnen für das deutsche Start-up-Ökosystem untersucht.

Auch sonst haben Frauen laut der Studie viel aufzuholen: Bei der Finanzierung junger, frauengeführter Unternehmen bestehe ein „Gender Bias“, Frauenteams erhielten deutlich weniger Geld als Männerteams, außerdem fehlten ihnen oft Netzwerke in „geschäftsrelevanten Bereichen“.

Gleichstellung könnte Unternehmen stärken

Damit unterscheiden sich Start-ups nicht von den Platzhirschen: Auch in etablierten Unternehmen ist der Frauenanteil oft noch gering. In den Vorstandsetagen der Dax-Firmen etwa waren 2020 nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) knapp 14,6 Prozent Frauen.

Eine, die das ändern will, ist Wiebke Ankersen. Die Skandinavierin ist Geschäftsführerin der Allbright-Stiftung, die sich für mehr Frauen und Diversität in Führungspositionen einsetzt. Die Idee dahinter: Gleichstellung nicht nur als Frage der Gerechtigkeit betrachten, sondern auch als Stärkung der Unternehmen – mit Frauen im Führungsteam mehr Geld verdienen, wettbewerbsfähiger sein.

Frauen und Vielfalt: Schlechtes Zeugnis für Bundesregierung

Der Bundesregierung stellt Ankersen ein schlechtes Zeugnis aus: „Was Frauen und Vielfalt in den Entscheidungspositionen von Wirtschaft und Gesellschaft betrifft, ist Deutschland noch immer Entwicklungsland, da ist in den vergangenen Jahren einfach viel zu wenig passiert. Andere Länder sind längst viel weiter, in den USA, Großbritannien und Schweden ist beispielsweise der Frauenanteil im Topmanagement fast doppelt so hoch wie hier.“

Was also tun? Den Start-ups rät Ankersen, von Anfang an auf Frauen zu setzen. Dann müssten die Unternehmen später nicht wertvolle Ressourcen abstellen, um falsch gewachsene Strukturen und Kulturen wieder zu ändern. Vom Staat erwartet sie, bei der Besetzung von Führungspositionen als gutes Vorbild voranzugehen. Außerdem brauche es „endlich eine flächendeckende bezahlbare Kinderbetreuung und stärkere Anreize dafür, dass sich Paare Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich aufteilen“.

Das fordert auch Verena Hubertz. „Unsere Arbeitswelt ist häufig noch in den 50er Jahren verankert“, sagt die SPD-Politikerin. So sah das deutsche Aktienrecht bis vor kurzem nicht vor, dass ein Vorstand Elternzeit nehmen könne. Nur ein Beispiel von vielen. „Es gibt einiges zu tun.“ (Steffen Herrmann)

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