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Aluminium-Recycling: Das Unternehmen Befesa ist neu im GCX.

Global Challenges Index

Großes Stühlerücken

  • Antje Mathez
    vonAntje Mathez
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Gleich sechs Unternehmen müssen den Nachhaltigkeitsindex GCX verlassen. Das hat verschiedene Gründe.

Sechs Monate sind schon wieder vergangen. Wer den GCX aufmerksam verfolgt, weiß: Die halbjährliche Überprüfung und Neugewichtung – das sogenannte Rebalancing – des Global Challenges Index steht an. An diesem Freitag werden sechs neue Unternehmen in den Nachhaltigkeitsindex aufgenommen, den die Frankfurter Rundschau seit Herbst 2014 täglich auf ihrer Börsenseite abbildet.

Die neuen Mitglieder des GCX sind der Luxemburger Abfall-Dienstleister Befesa, EDP Renováveis, ein Unternehmen für erneuerbare Energien mit Sitz in Spanien, Fabege aus Schweden, das sich auf die Entwicklung und Verwaltung von Gewerbeimmobilien spezialisiert hat und der französische Immobilien-Investmentfonds Gecina. Aufgenommen werden außerdem zwei britische Unternehmen: der Experte für Gesundheitslösungen Smith & Nephew sowie United Utilities Group, das größte börsennotierte Wasser- und Abwasserunternehmen Großbritanniens.

„Sie alle meistern globale Nachhaltigkeitsherausforderungen, indem sie mit ihrem Produkt- und Dienstleistungsangebot Nachhaltigkeit fördern und gleichzeitig Chancen für die zukünftige nachhaltige Entwicklung ihrer Unternehmen eröffnen“, erklärt die Börse Hannover, die den GCX in Zusammenarbeit mit der Münchner Nachhaltigkeitsrating-Agentur Oekom Research (seit 2018 ISS ESG) 2007 lanciert hat.

Letztere ist es auch, die prüft, welche Unternehmen den Anforderungen des Index genügen. Das ist der Fall, wenn sie sich durch ein aktives Nachhaltigkeitsmanagement auszeichnen und „substanzielle Beiträge zur Bewältigung der großen globalen Herausforderungen“ leisten, wie es auf der Homepage der Börse heißt. Sieben dieser Herausforderungen haben die Initiatoren des GCX identifiziert. Dazu zählen die Bekämpfung von Ursachen und Folgen des Klimawandels und das Engagement gegen die Armut ebenso wie das Etablieren von Governance-Strukturen in den Unternehmen. Die Aufnahme in den Index würdigt die Aktivitäten der Unternehmen, setzt aber auch voraus, dass sie keines der Ausschlusskriterien erfüllen. Sprich: Ein Unternehmen kann mit seiner Produktionsweise und seiner Ware noch so hohe Standards setzen, wenn es aber etwa Kinderarbeit bei seinen Zulieferern durchgehen lässt oder in Atomkraft oder Rüstung investiert, ist es raus aus dem GCX.

Zu den großen globalen Problemen zählen sicherlich auch die von Menschen produzierten Abfallberge, auf die sich Neuzugang Befesa spezialisiert hat. Die Luxemburger sind in der Kreislaufwirtschaft tätig. Nach Angaben von Unternehmenschef Javier Molina recycelt Befesa jährlich mehr als 1,5 Millionen Tonnen gefährlicher Abfälle. „Kreislaufwirtschaft reduziert nicht nur das Abfallaufkommen, sondern vermeidet auch die Förderung neuer Rohstoffe sowie die damit verbundenen hohen ökologischen und finanziellen Kosten“, so Molina. Befesa freue sich über die Aufnahme in den GCX.

Und dann ist da natürlich das Dauerthema Energieversorgung, das die EDP Renováveis (EDPR) in den Nachhaltigkeitsindex gebracht hat. Die Portugiesen sind seit 2007 im Windkraftgeschäft und weltweit das drittgrößte Unternehmen in der Branche.

Bei den Immobilienspezialisten unter den Neuzugängen im GCX hat die Klima-Zertifizierung von Gebäuden den Ausschlag gegeben. Und die britische United Utilities Group zahlt direkt auf eine der „globalen Herausforderungen“ des GCX ein, die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit Trinkwasser. Ähnliches gilt auch für den Medizintechnikexperten Smith & Nephew. Seine Hightech-Produkte in den Bereichen Orthopädie, Traumatologie, Endoskopie und Wundbehandlung helfen, Problemen, ausgelöst durch die demografische Entwicklung, zu begegnen.

Nachhaltig wirtschaften

Und damit beginnt das große Stühlerücken. Ihren Platz im GCX räumen müssen der spanische und der italienische Fernleitungsnetzbetreiber für Erdgas, Enagas und Snam. Der Grund sind Menschenrechtskontroversen in Zusammenhang mit einem Pipelineprojekt. Siemens Gamesa hat ganz ähnliche Probleme: Dem Windanlagenbauer wird vorgeworfen, das Selbstbestimmungsrecht einer Bevölkerungsgruppe in Westsahara beim Bau eines Windparks missachtet zu haben. Und der Autobauer Renault ist über den Abgasskandal gestolpert. Den GCX verlassen müssen außerdem der Experte für Energierückgewinnung, Energy Recovery, und der norwegische Hersteller von Silizium, Rec Silicon. Die Gründe hier sind aber eher technischer Natur.

Bemerkenswerter als die Gründe für das Ausscheiden der sechs Kandidaten scheint aber die bloße Anzahl der Wechsel. Mit den vier Unternehmen, die im Frühjahr den GCX verlassen mussten, haben in diesem Jahr dann zehn Firmen ihren Platz geräumt – das sind 20 Prozent der 50 im Index notierten Unternehmen und übertrifft damit die Gesamtzahl aller Wechsel in den vergangenen fünf Jahren. „Der Austausch im März 2020 war im Wesentlichen auf regulatorische Gründe zurückzuführen“, erklärt Hendrik Janssen, Chef der Börse Hannover. Der Pool von etwa 6000 Unternehmen, aus dem die Ratingagentur ISS ESG schöpft, sei auf einen zugelassenen Vergleichsindex umgestellt worden. „Aktien, die darin nicht enthalten sind, müssen ausgetauscht werden“, so der Börsenvorstand. Beim aktuellen Rebalancing seien die Gründe dagegen äußerst unterschiedlich und lägen zumeist in der Verantwortung der Konzerne.

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