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In Vietnam werden Opfergaben noch mit Bargeld dargebracht, Schweden spenden in der Kirchenkollekte schon per Automat.

Bargeld

Große Scheine abschaffen

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Der Ökonom Kenneth Rogoff sieht Bitcoins und anderes elektronisches Geld als ein gutes Mittel gegen Kriminelle und will damit außerdem die Zinsen stark ins Negative senken. Beim IWF-Jahresgipfel stößt das auf Zustimmung.

Bargeld? Bestenfalls etwas für Ewiggestrige und schlimmstenfalls eine Einladung für Steuerhinterzieher und Kriminelle. Mit dieser Attacke auf Münzen und Scheine sorgt Kenneth Rogoff, Starökonom aus den USA und langjähriger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), für Furore. 

Auf dem Jahresgipfel des IWF bekommt der Professor der Eliteuni Harvard ein Forum auf dem Bankertreffen nahe dem Weißen Haus und einige Kilometer vom IWF-Gebäude entfernt. Den privaten Anbietern virtueller Währungen nimmt er gleich die Hoffnung, dass sie künftig allein über das Geld bestimmen könnten. Ja, das digitale Zeitalter im Zahlungswesen werde kommen oder sei schon da, sagt Rogoff. Nach seiner Ansicht sind schon bald nur noch Münzen und kleine Scheine nötig. Damit können dann die Traditionalisten bei kleinen Beträgen ihre Vorliebe fürs Alte ausleben. 

Aber auch wenn Bitcoins, das US-amerikanische Paypal oder das chinesische Alibaba ihre Marktanteile weiter ausbauen sollten, ist sich Rogoff sicher: „Die Regierungen werden die Kontrolle behalten.“ Dazu sei Geld einfach viel zu wichtig, als dass der Staat sich ganz daraus zurückziehen könnte. 

Doch der Wandel schreitet mit enormen Tempo voran. In China könne man schon gut ohne Scheine und Münzen überleben, berichtete Piyush Gupta, Chef der DBS, der größten Bank in Südostasien mit Sitz in Singapur, auf der Konferenz in der US-Hauptstadt. In Indien, wo die Regierung Modi große Scheine zeitweise aus dem Verkehr zog, stellen die Verbraucher zwar langsamer ihr Verhalten um. Doch das Smartphone verändert aus Sicht Gupta alles. Nicht nur gibt es mehr Handys als Menschen auf der Erde. Die Konsumenten sind auch daran gewöhnt und darin geübt, mit diesen Geräten zu bezahlen. 

Bares wird zum Auslaufmodell

Und nicht nur in Asien ist Bares zum Auslaufmodell geworden. Auch in direkter Nachbarschaft zu Deutschland vollzieht sich Erstaunliches. Wer in Skandinavien Urlaub macht, wird eher auf einen Elch stoßen als auf einen Geldautomaten. In Schweden sammeln die Kirchen ihre Kollekte statt mit dem Klingelbeutel mit Automaten ein. Der Umlauf an Barem sei innerhalb von zehn Jahren um mehr als die Hälfte gesunken, berichtete in Washington Cecilia Skingsley von der schwedischen Zentralbank, der Riksbank. Einzelhändler, selbst Bäckereien und Kioske müssen laut Gesetz keine Münzen und Scheine akzeptieren. Zudem seien die Schweden immer interessiert an neuen Technologien. Und sie vertrauten den neuen Systemen. 

So weit sind die Deutschen nicht. Sie bezahlen bei vier von fünf Einkäufen mit Euroscheinen oder Münzen. Gemessen am Umsatz liegt deren Marktanteil aber auch hierzulande nur noch knapp über der Hälfte. Denn nur bei kleinen Summen lacht Bares. In einer Studie sagen die französische Beratungsfirma Cap Gemini und die Bank BNP Paribas bargeldlosen Zahlungsmitteln weltweit alle zwölf Monate ein Wachstum von fast elf Prozent bis zum Jahr 2020 voraus. In den Industrieländern vollzieht sich der Umstieg langsamer, in Schwellenländern schneller. 

Mit dem neuen Zeitalter verbindet sich die große Hoffnung, Verbrechern und Terroristen die Finanzierung zu erschweren. Bargeld hinterlässt keine Spuren, wenn es den Besitzer wechselt. Diese Anonymität wissen Gesetzesbrecher besonders zu schätzen. Dazu zählen auch Steuerflüchtlinge und Drogenhändler. So begründet Rogoff seine Forderung, die großen Scheine aus dem Verkehr zu ziehen. Zudem verspricht er sich mehr Freiheit für die Geldpolitik, die Zinsen noch weiter ins Negative drücken zu können. 

Rogoff weiß, dass er sich damit auf eine heikle Argumentation einlässt. Zinsen von minus vier Prozent seien eine komische Vorstellung, räumt er ein. Aber was ohne sie in der nächsten Finanzkrise drohe, sei noch abstruser. 

In der aktuellen und immer noch nicht bewältigten Krise haben die Notenbanken in den USA und der Eurozone die Zinsen auf Rekordtiefs heruntergeschleust und die Märkte mit Geld vollgepumpt. So wollten sie die Volkswirtschaften stabilisieren und vor einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt – auch Deflation genannt – bewahren. 

Doch diese Strategie stößt an Grenzen, wenn die Zinsen die Marke von null erreicht haben. Werden sie negativ, können die Verbraucher ihre Euro oder Dollar horten. Sie legen die Scheine unter ihre Matratze oder in eine Kiste im Keller. Dann erhalten sie den Wert ihrer Bestände – die negativen Zinsen umgehen sie auf diesem Weg. „Papiergeld ist das entscheidende Hindernis, die Zentralbankzinsen weiter zu senken“, so Rogoff. „Seine Beseitigung wäre eine sehr einfache und elegante Lösung des Problems.“ 

In Deutschland unterstützte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger die Idee. „Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine tatsächlich ein Anachronismus“, findet der Ökonom. Ohne Bargeld sei es leichter, die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen auszutrocknen. 

Wirtschaftsministerium glaubt nicht an Abschreckung

Widerspruch meldete allerdings der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums an. Keiner der Einwände gegen Bargeld überzeuge, meint der Bonner Volkswirt Martin Hellwig, der dem Gremium angehört. Es sei nicht die Aufgabe des Staates, den Bürgern vorzuschreiben, welches Zahlungsmittel sie verwenden sollen. Und an die abschreckende Wirkung auf Kriminelle glaubt Hellwig auch nicht. Denn wer ohnehin gegen Gesetze verstoße, lasse sich auch nicht davon beeindrucken, wenn der Bargeldeinsatz verboten werde. 

Auch die Autoren einer Studie im Auftrag der Bundesbank meldeten Zweifel an. Wenn nur die Eurostaaten Bares abschafften, könnten die Kriminellen auf Dollar oder Franken ausweichen. Sollten alle großen Währungsregionen mitziehen, könnten die Gesetzesbrecher sich elektronische Alternativen suchen. Bargeld sei nicht von gestern, meint Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Es werde bleiben, solange die Menschen sich diese Zahlungsart wünschten. 

Ein Zugeständnis musste Rogoff auf der Konferenz machen. Denn er persönlich trägt weiter ein Portemonnaie mit sich herum. Er sei schließlich nicht mehr der Jüngste, so der Wissenschaftler. Kürzlich habe er nahe der Harvard-Universität einen Kaffee bestellt in einem Shop, wo sein Sohn arbeitet. Dem sei es ausgesprochen peinlich gewesen, dass der Vater mit Dollar aus Papier bezahlen wollte. Das mache hier niemand mehr, habe der Filius klargestellt. 

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