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Die Praktiken von Amazon ärgern Händler und Hersteller.

Zu große Marktmacht

Kartellamt zügelt Amazon

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Auf Druck der Bonner Behörde erhalten Händler, die über Amazon verkaufen, mehr Rechte. Jetzt prüft auch die EU-Wettbewerbsbehörde den Umgang des US-Riesen mit Daten.

Betroffene sprachen von einer neuen Form der Leibeigenschaft – denn die Händler, die über die Amazon-Plattform ihre Produkte verkaufen, hatten kaum etwas zu melden. Doch jetzt hat das Bundeskartellamt mehr Rechte durchgesetzt, weltweit. Und auch die EU-Kommission will die Macht des mit Abstand weltgrößten Online-Händlers weiter beschneiden. Kommissarin Margrethe Vestager hat am Mittwoch ein Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht auf den Weg gebracht.

Händler und Hersteller beschweren sich seit Jahren über die Praktiken von Amazon. Bei keinem anderen Konzern trifft ein Grundprinzip der Internet-Ökonomie so zu: Alle wollen dahin, wo schon viele sind. Die Reichweite von Amazon ist gigantisch. Der Online-Auftritt wird längst nicht mehr nur zum Einkaufen benutzt, sondern auch als Suchmaschine. Eine Befragung hat ergeben, dass ein großer Teil der Kunden sogar bereit wäre, für die Nutzung der Amazon-Seiten zu bezahlen. Weltweit sind Millionen Einzelhändler deshalb darauf angewiesen, bei Amazon präsent zu sein.

Online-Gigant lenkt ein

Wettbewerbsexperten haben sich schon vor geraumer Zeit darüber beschwert, dass das Unternehmen seine Marktmacht missbraucht. Genau deshalb hat das Bundeskartellamt im November vorigen Jahres offiziell ein Verfahren gestartet. Es wird jetzt schiedlich, friedlich eingestellt, weil der Online-Gigant eingelenkt hat. Es seien weltweit „weitreichende Verbesserungen“ für die Händler erwirkt worden, betont Andreas Mundt, Präsident des Kartellamts.

Amazon macht im Internet mit Waren aller Art zweierlei Geschäfte. Einerseits verkauft das Unternehmen selbst die Produkte. Die machen auf der hiesigen Plattform laut Kartellamt aber nur 40 bis 45 Prozent des Handelsvolumens von mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr aus. 55 bis 60 Prozent steuern die mehr als 300.000 „Dritthändler“ bei, die auf dem Marktplatz auf eigene Rechnung Geschäfte machen. Von den Einnahmen müssen sie einen gehörigen Teil an Amazon abgeben. Sie mussten sich zudem auf Geschäftsbedingungen einlassen, die vielfach als Knebelverträge bezeichnet wurden. So konnte Amazon Marktplatz-Anbietern ohne Fristen und ohne Angabe von Gründen kündigen – womit zumindest theoretisch die Möglichkeit bestand, erfolgreiche Konkurrenten von der Plattform zu verbannen. Das Kartellamt hat nun ausgehandelt, dass bei ordentlichen Kündigungen eine Frist von 30 Tagen besteht. Bei Sperrungen und außerordentlichen Kündigungen muss Amazon nun eine triftige Begründung vorlegen.

Wer in Europa gegen den Konzern klagen wollte, konnte das nur in Luxemburg tun. Das schreckte viele kleinere Händler allein schon wegen der Amtssprache Französisch ab. Künftig könnten inländische Gerichte unter bestimmten Voraussetzungen zuständig sein, so das Kartellamt. Bei der Haftung fürs Liefern von kaputten Produkten war der US-Konzern komplett außen vor. Dieser Haftungsausschluss werde nun zugunsten der Händler eingeschränkt und enger gefasst, teilt die Bonner Behörde mit.

Handlungsspielräume werden größer

Bisher war es den Marktplatz-Verkäufern zudem verboten, sich öffentlich über die Praktiken des Online-Giganten zu äußern. Das war nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung möglich. Diese Klausel werde nun „weitgehend reduziert“, betont die Bonner Behörde, die ausdrücklich darauf aufmerksam macht, dass es ausschließlich um Änderungen im Binnenverhältnis mit den Dritthändlern geht. Privatkunden können gleichwohl davon indirekt profitieren, da die Handlungsspielräume für die Marktplatz-Anbieter größer werden.

Das gilt auch für das Verfahren wegen des Verdachts illegaler Geschäftspraktiken, das die Wettbewerbshüter der EU am Mittwoch auf den Weg gebracht haben. Es geht ebenfalls um die Marktplätze. Hier spielt wieder der Doppelcharakter des Konzerns als Händler und Plattformbetreiber eine wichtige Rolle. Hinzu kommt, dass Amazon neben Google mutmaßlich der weltweit größte Sammler von Daten ist. Diese werden analysiert, um immer präziser die Wünsche der Kunden zu kennen und sogar die Nachfrage vorhersagen zu können. Dabei werden nicht nur Daten aus eigenen Geschäften, sondern auch Informationen genutzt, die in gigantischen Mengen bei den Verkäufen auf den digitalen Marktplätzen anfallen. Die EU-Experten wollten nun klären, wem diese Daten gehören und ob ihre Analyse durch Amazon den Wettbewerb einschränkt. Dazu sollen auch die Verträge zwischen der Internetfirma und den Marktplatzhändlern geprüft werden.

„Der elektronische Handel hat den Wettbewerb im Einzelhandel angekurbelt und zu einer größeren Auswahl und günstigeren Preisen geführt“, sagte Vestager. Man müsse sicherstellen, dass große Online-Plattformen dies nicht durch wettbewerbswidriges Verhalten aushebeln. Dahinter steckt der Verdacht, dass Amazon-Manager sich sehr genau erfolgreiche Händler anschauen. Was bieten sie zu welchen Preisen? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen kann zur Optimierung der eigenen Verkaufsstrategien genutzt werden. Sollte die Kommission illegales Verhalten feststellen, kann sie Strafen in Milliardenhöhe verhängen. Vestager hatte sich schon in der Vergangenheit mit Google und anderen großen US-Tech-Konzernen heftig angelegt.

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