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Hat viel Blut, Schweiß und Tränen gekostet: der noch namenlose neue Airport nahe Istanbul.

Luftverkehr

Große Eröffnung, aber kein Umzug

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Der türkische Präsident Erdogan weiht den neuen Mega-Flughafen in Istanbul ein.

Noch bevölkern Bauarbeiter und Handwerker das Gelände des neuen Istanbuler Flughafens. Die Passagiere müssen sich einige Wochen gedulden. Dennoch hat Staatschef Erdogan den Airport wie geplant am Montag, dem türkischen Nationalfeiertag, eröffnet.

Viele Projekte hat Recep Tayyip Erdogan in seinen mehr als 15 Regierungsjahren schon eingeweiht – Brücken, Tunnels, Autobahnen. Aber diese Eröffnung stellt alles Bisherige in den Schatten: Auf einer Fläche von 76 Quadratkilometern haben rund 35 000 Arbeiter nordwestlich Istanbuls am Schwarzen Meer in nur etwas mehr als vier Jahren einen Mega-Flughafen aus dem Boden gestampft. Die Baukosten werden auf umgerechnet knapp elf Milliarden Euro veranschlagt. Im Endausbau soll der Airport über sechs Landebahnen und eine Kapazität für 200 Millionen Passagiere verfügen. Der heute weltgrößte Flughafen Atlanta (USA) fertigte im vergangenen Jahr 104 Millionen Reisende ab.

Schon in der ersten Ausbaustufe bedeutet der Flughafen nicht nur für die Türkei eine neue Dimension. Das Terminalgebäude ist für bis zu 90 Millionen Passagiere im Jahr ausgelegt. Zum Vergleich: Frankfurt/Main zählte im vergangenen Jahr 64,5 Millionen Fluggäste. Mit dem neuen Luftverkehrskreuz will Istanbul zur Drehscheibe zwischen Europa, Asien und Afrika werden.

Der neue Airport löst den Istanbuler Atatürk Flughafen ab, der seit Jahren am Rand der Kapazitätsgrenze operiert. Der Wechsel wird sich allerdings verzögern, weil die Bauarbeiten noch laufen. Zunächst wird nur Turkish Airlines von der neuen Basis wenige Flüge zu den Inlandszielen Ankara, Antalya und Izmir sowie nach Baku und Nordzypern durchführen. „Wir werden eine sanfte Inbetriebnahme haben“, sagt Kadri Samsunlu, Generaldirektor der Flughafengesellschaft. Der große Umzug ist auf den 31. Dezember verschoben. Dann soll der Flugverkehr aller Airlines binnen 48 Stunden von Atatürk auf den neuen Flughafen verlegt werden.

Auch mit der zweimonatigen Verspätung ist die Bauzeit von nur 44 Monaten rekordverdächtig. Die Arbeiten standen zuletzt unter einem immer brutaleren Termindruck. Das spürten die Ingenieure und vor allem die rund 30 000 Arbeiter. Etwa die Hälfte von ihnen lebte in einer Containersiedlung auf dem Flughafengelände – einem „Sklavencamp“, wie ein Funktionär der Bauarbeitergewerkschaft Dev-Insaat-Is sagt. Die Arbeiter klagten über schmutzige Unterkünfte, schlechtes Essen, verspätete Bezahlung und Missachtung der Sicherheitsvorschriften. Nach Angaben der Regierung kamen beim Bau 27 Menschen ums Leben. Die regierungskritische Zeitung „Cumhuriyet“ schrieb von fast 400 Toten.

Nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen steht das Projekt in der Kritik. Rund zwei Millionen Bäume mussten fallen. Bauern wurden enteignet, Feuchtgebiete trockenlegt, Wildtiere und Vögel vertrieben. Ökologen befürchten unabsehbare Folgen für den Grundwasserhaushalt und das Mikroklima der Region.

Dass Erdogan am Eröffnungstermin festhält, obwohl die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind, soll wohl auch ein politisches Signal sein. Seine Botschaft lautet: Die Türkei ist stark, es gibt keine Krise. Offen ist, wie der neue Flughafen heißen soll. Die Entscheidung liegt bei Erdogan. Manche Beobachter erwarten, dass er dem Flughafen seinen Namen geben wird. Andere nennen Sultan Abdülhamit II. als möglichen Namenspatron, einen der letzten Herrscher (1876-1909) des Osmanischen Reichs. Historiker schreiben über Abdülhamit, er sei in seinen ersten Amtsjahren ein Reformer gewesen, der dem Osmanenreich eine Verfassung gab und es nach Europa öffnete. Doch schon bald setzte er die Verfassung wieder außer Kraft, löste das Parlament auf, regierte zunehmend autoritär und baute ein effizientes Zensur- und Spitzelsystem auf. Ein Schelm, wer dabei an Erdogan denkt.

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