Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Brexit

Großbritannien spürt den Brexit: Leere Regale, keine Milchshakes

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
    schließen

Großbritannien hat ein Versorgungsproblem und spürt den Brexit: In fast allen relevanten Branchen fehlen die billigen Arbeitskräfte aus der EU.

London - Der Sainsbury’s-Supermarkt im Nord-Londoner Stadtbezirk Harringay an einem ganz normalen Werktag zur Mittagszeit: In den Regalen klaffen Lücken allerorten. Egal, ob frische Milch, gekühlte Fertiggerichte oder monatelang haltbare Nudeln – überall ist die bunte Vielfalt der Konsumenten stark eingeschränkt.

Die Momentaufnahme dieser Woche wiederholt sich seit Wochen allerorten auf der Insel: Tankstellen bleiben geschlossen, in Supermarkt-Regalen herrscht gähnende Leere. Die Fastfood-Kette Nando’s sah sich zur zeitweiligen Schließung von 45 Filialen gezwungen, weil das Hauptnahrungsmittel Hähnchenflügel nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht. Vergangene Woche machte McDonald’s Schlagzeilen: Wegen „vorübergehender Lieferprobleme“ muss die durstige Kundschaft bis auf weiteres auf ihre angestammten Milkshakes verzichten.

Versorgungsprobleme in Großbritannien: Firmen sind alarmiert

London – Wegen der andauernden Versorgungsschwierigkeiten schlagen jetzt Firmen und Lobbyverbände wie der Industrieverband CBI Alarm: Der Lagerbestand im Einzelhandel befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit fast vier Jahrzehnten. Sogar EU-feindliche Medien müssen einräumen: Der Brexit gehört zu den wichtigsten Gründen für die mittlerweile dramatischen Engpässe. „Das lässt sich nicht mehr als kurzzeitiges Problem abtun“, warnt Andrew Sentance von der Beratungsfirma Cambridge Econometrics. „Diese Situation könnte länger andauern als die Leute meinen.“

Aber wie lang? Mit Sorge blickt man bereits auf Weihnachten. Die wichtigste Zutat zum traditionellen englischen Festessen droht, knapp zu werden. Wenn die Branche weiterhin so eklatanten Personalmangel erleide, könnten bis Dezember ein Fünftel der jährlich verzehrten Truthähne fehlen, warnt der Geflügelzüchter-Verband BPC in einem Brandbrief an Innenministerin Priti Patel. Das für Einwanderung zuständige Ministerium hat nämlich gering Qualifizierte zu unerwünschten Personen erklärt. Gerade diese aber seien „für die Aufrechterhaltung der Ernährung im Land ungemein wichtig“, erläutern die Züchter.

Fällt das Weihnachtsfest ins Wasser?

Truthähne mögen nicht gerade als Grundnahrungsmittel gelten, doch die Klage der Branche ist bei weitem kein Einzelfall. Verbrauchermärkte, die Bauindustrie, Obst- und Gemüsebauern, die Gastronomie – allerorten fehlen seit Jahresbeginn günstige Arbeitskräfte. Die Brexit-Regierung unter Premier Boris Johnson hat nach Kräften versucht, das Problem kleinzureden oder der Corona-Pandemie in die Schuhe zu schieben. Immer klarer aber kristallisiert sich als Hauptgrund der EU-Austritt heraus: Mit dem endgültigen Verlassen von Binnenmarkt und Zollunion haben EU-Bürger seit 1. Januar die Freizügigkeit auf der Insel verloren.

Nun fehlen der polnische Klempner und die rumänische Altenpflegerin, die spanische Kellnerin und der belgische Putzmann. Über die vergangenen Jahrzehnte haben Millionen vor allem junger Kontinentaleuropäer auf der Insel die schlecht bezahlten Jobs gemacht, zu denen die einheimische Bevölkerung nicht zu überreden ist.

In Großbritannien fehlen Lastwagenfahrer, die Güter von A nach B befördern. In vielen Supermärkten ist das nicht mehr zu übersehen.

Fehlende Fachkräfte in Großbritannien: „Der Engländer arbeitet nicht so gerne“

Ein österreichischer Geschäftsmann bringt seine wenig schmeichelhafte Meinung über die Arbeitsmoral der örtlichen Bevölkerung unverblümt auf den Punkt: „Der Engländer an sich arbeitet ja nicht so gerne. Ohne Europäer läuft hier wenig bis nix.“ Wenn die Regierung gerade kleineren Geschäften, Restaurants und Cafes angesichts der dauernden Personalnot nicht bald unter die Arme greife, „gehen hier viele Businesses hops“.

Das neue, flugs nach dem Brexit verabschiedete Einwanderungssystem der Regierung setzt dem Zuzug billiger Arbeitskräfte enge Grenzen. Von einzelnen Kontingenten für Branchen wie die Landwirtschaft abgesehen müssen Antragsteller bestehende Arbeitsangebote mit Mindesteinkommen vorweisen. Lobbyverbände der Nahrungsmittel- und Gaststättenindustrie möchten stattdessen gerade jüngere Leute mit einem System anlocken, wie es zwischen Großbritannien und Australien besteht. Junge Engländer erhalten zeitlich begrenzte Visa für den fünften Kontinent, die ausdrücklich die Möglichkeit zur Arbeitssuche einschließen.

Dank Brexit - Großbritannien fehlen billige Arbeitskräfte aus der EU

Hingegen hoffen die Gewerkschaften auf höhere Einkommen für einheimische Arbeitskräfte. Tatsächlich bezahlen Supermarkt-Ketten und Warenhäuser vielerorts schon Begrüßungsgelder für neue Arbeitskräfte. Der US-Gigant Amazon zahlt Paketpackern Prämien von bis zu 1000 Pfund (1168 Euro), ausgebildete Techniker beim Energiekonzern British Gas erhalten das Dreifache.

Erfahrenen Lastwagenfahrern bieten Supermarktketten ebenfalls vierstellige Einstellungszahlungen. Denn bei den Brummis macht sich der Mangel am eklatantesten bemerkbar. Seit sich das Großbritannien-Geschäft für viele qualifizierte EU-Kraftfahrer nicht mehr lohnt, fehlt ein Sechstel der rund 600 000 Menschen, die laut Branchenverband RHA für den Warentransport notwendig sind. Sars-CoV-2 schuf zudem ein Nachwuchsproblem: Wegen der Pandemie fielen monatelang die Prüfungen für Lastwagen-Führerscheine aus. Eine begrenzte Rückkehr zur bisherigen Arbeitnehmer-Freizügigkeit, wie sie Spediteure gefordert haben, lehnt die konservative Regierung ab.

Immerhin: Alkohol ist genug im Land

Vergangenen Samstag rief sie die Unternehmen dazu auf, angesichts eines akuten Fahrermangels im Land, Einheimische einzustellen anstatt auf Kräfte aus dem Ausland zu setzen. „Wir wollen sehen, dass Arbeitgeber langfristig in heimische Arbeitskräfte investieren“, teilte das Wirtschaftsministerium in London mit. Der Plan sei, Menschen im ganzen Land Umschulungen zu ermöglichen und sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Regierung forderte die Branche außerdem dazu auf, attraktivere Arbeitsbedingungen und bessere Löhne anzubieten. Eine schnelle Lösung der Probleme verspricht das alles aber nicht.

Sollte die Momentaufnahme vom Nord-Londoner Sainsbury’s übertragbar sein, müssen sich die Briten wenigstens um bestimmte Konsumgüter keine Sorge machen: In den Alkohol-Regalen gibt es Bier, Wein und Schnaps in solch Hülle und Fülle, dass sich der Kummer über Versorgungsengpässe dauerhaft – womöglich sogar bis Weihnachten – ertränken lässt. (Sebastian Borger)

Rubriklistenbild: © Matthew Cooper/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare