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Das Badezimmer wird von der Nasszelle zum Wohnraum.

Grohe

„Menschen holen sich das Spa-Feeling nach Hause“

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Michael Rauterkus, Chef des Sanitärherstellers Grohe, über das papierlose Bad, Armaturen aus dem 3D-Drucker und Rohrbrüche.

Vor 15 Jahren stand der Name Grohe vor allem für die Schrecken eines ungezügelten Finanzkapitalismus. Vom damaligen Vizekanzler und SPD-Politiker Franz Müntefering medienwirksam als Heuschrecken bezeichnete internationale Investoren übernahmen den Spezialisten für Badezimmer- und Küchenarmaturen aus dem sauerländischen Hemer und zwangen ihm einen schmerzhaften Sparkurs auf. 2014 kaufte der japanische Baustoffkonzern Lixil das ehemalige Familienunternehmen für 3,1 Milliarden Euro. Damit zog eine neue Unternehmenskultur ein: Lixil verdoppelte die Investitionen und setzte bei Grohe auf eine langfristige Strategie. Seitdem erhielt Grohe unter der Führung von Vorstandschef Michael Rauterkus unzählige Design- und Innovationspreise, mehrere Top-Platzierungen beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis und wurde 2017 als einzige deutsche Marke vom US-Wirtschaftsmagazin „Fortune“ in das „Change the World Ranking“ aufgenommen.

Herr Rauterkus, früher hatte man im Haus eine sogenannte Nasszelle. Toilette, Waschbecken, Dusche oder Wanne – fertig. Heute geben die Deutschen ein Vermögen für die Sanierung ihrer Badezimmer aus. Warum müssen wir alle ein Luxus-Bad haben?
Dass die Leute so viel Geld in ihre Bäder investieren, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen rücken die Räume in modernen Häusern immer näher zusammen – einfach, weil sie nicht mehr so verschlossen sind, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Zuerst wurde die Küche nach amerikanischem Vorbild an den Wohnraum angeschlossen und damit ein Teil des Wohnraums. Beim Badezimmer ist das ähnlich. Früher war es rein funktional. Da war man mit einer einfachen Chromarmatur happy. Heute ist es eher ein Wohnraum, in dem alles aufeinander abgestimmt sein muss und der zum Design des restlichen Hauses passen soll.

Und der zweite Grund?
Die Menschen möchten das, was sie im Urlaub an Wellness erleben, auch in ihrem täglichen Leben genießen. Deshalb holen sie sich das Spa-Feeling nach Hause. Und investieren folglich natürlich auch deutlich mehr in die Ausstattung.

Das kommt Ihnen ja durchaus entgegen. Ebenso wie der noch immer anhaltende Bauboom.
Allerdings. Die Deutschen investieren ja lieber in Steine als in Aktien. Die Branche wächst zwischen drei und vier Prozent – und Grohe wächst deutlich stärker. Das liegt natürlich auch daran, dass heutzutage deutlich mehr Badezimmer in den Häusern gebaut werden. Früher hatte man in der Regel ein Master-Bad und ein kleines Gästebad. Heute ist schon das Gästebad sehr aufwendig ausgestattet. Aber das macht ja auch Sinn – nicht nur ästhetisch, sondern auch technologisch.

Inwiefern?
Mit Technologie kann man viel ermöglichen. Vor allem Energie sparen. Wir arbeiten zum Beispiel daran, dass die Wassertemperatur schnell eingestellt ist. Heute haben wir eine Thermostat-Technologie, die das in Bruchteilen einer Sekunde schafft. Da fließt das Wasser nicht literweise durch den Abfluss, bis Sie endlich duschen können. Aber es gibt auch ganz simple Dinge, die man tun kann, um Energie zu sparen und Verbrauchskosten zu senken.

Was denn zum Beispiel?
Nehmen Sie die Einhandmischbatterie: Wissen Sie, warum die Menschen den Hebel immer in der Mittelstellung nutzen? Ganz einfach, weil es besser aussieht, wenn er in einer Flucht mit dem Wasserhahn steht. Das Problem dabei ist aber, dass man in der Regel ein Warm-Kaltwasser-Gemisch nutzt und unnötig Energie verbraucht, auch wenn man sich nur die Hände wäscht. Was haben wir also gemacht? Wir haben die Kartusche so gedreht, dass sie in der Mittelstellung reines Kaltwasser abgibt. Keine große Sache, aber ein großer Effekt.

Aber mit dem Einstellen von Mischbatterien allein ist es nicht getan. Entwickelt sich Grohe deshalb zum Vollausstatter für das Badezimmer?
Das hat zuallererst einmal damit zu tun, dass die Kunden wollen, dass alles aus einer Hand kommt. Deshalb bringen wir jetzt schon die vierte Keramiklinie heraus. Außerdem haben wir seit neustem auch farbige Armaturen mit dem dazu passenden Badzubehör im Angebot.

Goldene Wasserhähne sind ja der neue Trend im Badezimmer. Wollen wir jetzt alle kleine Sonnenkönige sein?
Die sind nicht wirklich golden. Es gibt verschiedene Farben, auch Goldtöne, die sich von dem immergleichen Chrom absetzen. Und genau das wollen die Kunden: ein individuelles Design. Wir haben unsere Produktionskapazität bei den Farbarmaturen versechsfacht und kommen immer noch nicht nach. Noch individueller geht es allerdings mit unserer neusten Innovation: der Armatur aus dem 3D-Drucker, die wir in einer streng limitierten Auflage produzieren. Sie wird aus Metallstaub hergestellt, den wir selbst entwickelt haben.

Und was kostet so eine Armatur?
12 000 Euro pro Stück.

Wer braucht das?
Wir wissen natürlich, dass das ein sehr exklusives Produkt ist. Aber es gibt einen Markt für gehobene Architektur, etwa in der Hotel- oder der Restaurant-Branche. Außerdem bietet der 3D-Druck ganz neue Designmöglichkeiten. Sie werden in Zukunft Armatur-Formen sehen, die Sie nicht für möglich gehalten haben. Herstellungsverfahren und Material werden die Gestaltung nicht mehr beschränken. Es ist der entscheidende Faktor bei der Herstellung, das ist ein bisschen wie bei der Coca-Cola-Rezeptur. Unser Werk in Hemer gilt in diesem Bereich weltweit als Benchmark.

Zurück zur Nachhaltigkeit. Sie verkaufen seit zwei Jahren das Dusch-WC. Sind die Deutschen bereit für das papierlose Bad?
Klar! Und zwar ab dem Moment, wo sie es ausprobiert haben.

Warum?
Weil diese Technologie hochhygienisch ist. Wenn man es einmal genutzt hat, will man es nicht mehr missen. Vor vier, fünf Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis, als ich mit jemanden sprach, der in Japan arbeitet. Der sagte zu mir: Jedes Mal, wenn ich nach Europa komme, fühle ich mich unwohl, weil ich mich hygienisch umstellen muss. Das ist doch unfassbar! Wo wir doch eigentlich denken, dass wir die höchsten hygienischen Standards haben. Ich habe mich gefragt, wie das wäre, wenn wir zum Händesäubern Papier nutzen müssten. Unvorstellbar! Aber dort, wo es vielleicht am wichtigsten ist, tun wir genau das.

So richtig eingeschlagen hat das Produkt aber noch nicht. Liegt das vielleicht auch daran, dass es sehr teuer ist? Für ein Dusch-WC kann man leicht 4000 Euro loswerden.
Da versuchen wir bei Grohe gegenzusteuern, das Dusch-WC sozusagen zu demokratisieren, indem wir so viel Volumen produzieren, dass das am Ende kein Luxus mehr ist.

Was heißt das in Euro?
Das Dusch-WC von Grohe kostet 1500 Euro. Relativ gesehen zu einer Standard-Baumarkt-Toilette für 100 Euro ist das natürlich immer noch viel, für Normalverdiener aber erreichbar.

Michael Rauterkus.

In der Küche gibt es auch die ein oder andere Innovation. Ich trinke gerade Wasser von Grohe Blue.
Das ist mein Lieblingsprojekt bei Grohe.

Sie haben einmal gesagt, das sei ein „Life-Changing-Produkt“. Aus dem Wasserhahn kommt gefiltertes und gekühltes Wasser mit oder ohne Kohlensäure. Machen Sie da nicht aus dem eigentlich mehr oder weniger kostenlosen Produkt Leitungswasser ein teures Luxusgut?
Ganz im Gegenteil! Wir schaffen den Luxus von Tausenden von Lkw und unnützen Fahrten zum Getränkemarkt ab. Das ist eigentlich der Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Wir haben mal nachgerechnet: 190 Liter Flaschen-Wasser konsumiert jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr. Hochgerechnet und auf Lkws gepackt, entsteht eine Schlange, die von der Messe in Frankfurt bis zum Headquarter unserer japanischen Mutter Lixil in Tokio reicht. Wir kriegen den Strom doch auch aus der Steckdose und kaufen uns nicht Batterien im Supermarkt. Das Wasser kommt aus dem Wasserhahn. Und das wollen wir so optimieren, dass es akzeptiert wird.

Wie wollen Sie das erreichen?
Indem wir Ihnen Trinkwasser aus der Leitung anbieten, das dem Vergleich mit allen führenden Wassermarken standhält. Das ist das Entscheidende. Nur so werden wir eine Verhaltensänderung der Konsumenten erreichen. Und im nächsten Schritt können wir jetzt alle Wasserhähne, also auch im Bad, mit entsprechenden Filtern ausstatten, denn man hat ja vielleicht abends vorm Zubettgehen auch mal Durst.

Sie arbeiten aber nicht nur an der Optimierung von Trinkwasser. Sie haben auch ein neues Geschäftsfeld für Grohe erschlossen und die Digitalisierung von Wasser für sich entdeckt.
Das ging vor zwei Jahren los und ist die spannendste Geschichte, die wir bei Grohe je gestartet haben. Wir haben uns gefragt, was wir über unser normales Sortiment hinaus noch machen können. Wir haben uns 300 Start-ups angeschaut, alle möglichen Technologien. Und dann kam ein Mitarbeiter zu mir und sagte: Weißt du eigentlich, Michael, dass es alle 30 Sekunden einen Wasserrohrbruch in Deutschland gibt? Und statistisch erwischt es jeden Zweiten einmal im Leben. Daraufhin haben wir Sense Guard entwickelt.

Das ist ein Sensor, der Rohrbrüche meldet und die Wasserzufuhr abschaltet.
Genau. Das Gerät wird an der Hauptwasserleitung montiert. Bei einem Rohrbruch schickt er dem Bewohner eine Nachricht auf das Handy und kappt die Wasserversorgung, bevor größere Schäden entstehen können. Aber Sense Guard kann noch mehr: Er misst den Wasserverbrauch. Die Daten schickt er auf eine App, sodass der Verbraucher sehen kann, wie hoch sein Warm- und Kaltwasserverbrauch ist. Damit hat er zukünftig auch in diesem Bereich die Möglichkeit, Energie zu sparen, wenn er es möchte.

Wie viele Versicherungen haben denn schon Interesse bei Ihnen angemeldet?
In der Tat interessieren sich die Versicherungen brennend für das Produkt, weil die Versicherungsprämien bei weitem nicht die Kosten abdecken, die von Wasserschäden verursacht werden. Wir arbeiten mit den Versicherern an unterschiedlichen Systemen: Es gibt Versicherungen, die den Einbau nach einem Wasserschaden vorschreiben, sonst verliert der Kunde seine Police. Ein Versicherer, mit dem wir im Gespräch sind, findet den Sense Guard so gut, dass er seinen Kunden das Gerät am liebsten schenken würde, damit er das Thema ein für alle Mal los ist. Andere planen, die Versicherungsprämie zu reduzieren. Außerdem arbeiten wir mit Relayr zusammen ...

... Das ist ein Sensorik-Start-up, das letztes Jahr vom weltgrößten Rückversicherer Munich Re gekauft wurde.
Genau. Relayr baut für uns quasi einen digitalen Stecker, eine digitale Plattform für alle Versicherungsunternehmen. Damit können wir den Unternehmen dann auch eine passende Service-Lösung für das Daten-Management anbieten. Und damit ist Grohe, ein Anbieter von Wasserhähnen, zu 100 Prozent in der Welt des Internets der Dinge angelangt. Das ist hochspannend, weil wir plötzlich auch Daten aus Wasser monetarisieren können.

Wie läuft das mit der Digitalisierung bei Ihnen. Holen sie sich Experten von außerhalb ins Haus?
Die Frage haben wir uns auch gestellt. Von der Möglichkeit, ein Start-up zu kaufen, bis hin zu der Frage, ob wir Abteilungen nach Berlin ziehen, haben wir alles diskutiert. Letztlich haben wir uns aber dafür entschieden, uns innerhalb des Hauses weiterzuentwickeln. Dadurch haben sich die Berufsbilder im Unternehmen stark verändert. Und bei den Neueinstellungen schauen wir natürlich, dass wir uns das Fachwissen ins Haus holen, das uns fehlt. Aber wir brauchen nicht nur den Digital-Nerd, wir brauchen auch das Know-how um das Thema Wasser herum. Der Beweis: Der Mitarbeiter, der den Sense Guard entwickelt hat, hat sich vorher 20 Jahre lang mit Armaturen beschäftigt.

Interview: Antje Mathez

Zur Person

Michael Rauterkus (52) ist seit Anfang 2015 der Chef von Grohe. Davor war der studierte Betriebswirt seit Oktober 2011 als Vorstand bei Grohe für den Vertrieb in Europa, den Mittleren Osten, Afrika sowie Nord- und Südamerika zuständig. Bevor Rauterkus 2006 zu Grohe kam, war er Vertriebschef bei Hasbro. Von 1997 bis 2004 bekleidete der gebürtige Sauerländer verschiedene Führungspositionen bei Levi Strauss & Co. Seine Karriere startete er 1991 bei Philip Morris.

Grohe ist ein deutscher Hersteller von Armaturen und Sanitärprodukten mit Verwaltungssitz in Düsseldorf. Seit 2014 gehört Grohe - nicht zu verwechseln mit Hansgrohe – zur japanischen Lixil Group. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 6000 Mitarbeiter in 150 Ländern – davon 2400 hierzulande. (jes)

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