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Ein Imker kontrolliert zwischen Kirschblüten Bienenwaben.

Interview

„Der größte Hebel ist die Agrarförderung“

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Bundesumweltministerin Svenja Schulze über biologische Vielfalt und wie sie erhalten werden kann.

Ministerin Schulze, mit dem Begriff Biodiversität können viele Menschen nur wenig anfangen. Liegt das daran, dass über das Problem kaum debattiert wird und vor allem der Klimawandel die Schlagzeilen bestimmt?
Der Begriff Biodiversität ist in der Tat nicht sofort verständlich. Dabei geht es um unser aller Lebensgrundlage. Es geht um die Artenvielfalt, aber auch um die Vielfalt an Lebensräumen und die in der Natur vorhandenen genetischen Informationen. Die Vielfalt der Arten ist eine Art Versicherung dafür, dass die Menschheit überlebensfähig bleibt. Denken wir daran, welche Erfindungen etwa in der Medizin uns in Zukunft entgehen, weil wir nicht mehr so viel von der Natur lernen können. Die Natur braucht uns Menschen nicht unbedingt, aber wir brauchen die Natur. Die biologische Vielfalt zu erhalten, ist für die Zukunft der Menschen genauso wichtig wie der Schutz des Klimas.

Der Biodiversitätsrat schlägt Alarm. Wie ernst ist die Lage?
Die Lage ist ernst. In Deutschland sehen wir das vor allem in der Agrarlandschaft. Früher kannte jedes Kind Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn. Heute sieht man diese Arten kaum noch auf den Feldern. Der Frühling ist stumm geworden. Das liegt auch daran, dass ihnen die Insekten als Nahrungsgrundlage fehlen. Und den Insekten wiederum fehlt das Blütenangebot. So hängt in der Natur alles mit allem zusammen.

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Beim Klimaschutz gibt es konkrete Ziele zur Begrenzung des Temperaturanstieg. Welches Ziel sollten sich Deutschland, Europa und die Welt im Kampf für den Erhalt von Biodiversität setzen?
Das Ziel kann nur sein, keine Art mehr zu verlieren. Wir müssen das Menschenmögliche tun, um das Artensterben zu stoppen. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Auf dem Weg dahin gibt es viele andere Unterziele, die uns voranbringen: Schädliche Subventionen stoppen, weniger Pestizide einsetzen, den Regenwald schützen, die Meere nicht weiter überfischen, mehr und bessere Schutzgebiete einrichten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sind mehr Landschafts- und Naturschutzgebiete das Gebot der Stunde?
Weltweit auf jeden Fall. Ein internationales Schutzgebietsnetz auf der Hohen See wäre für den Meeresnaturschutz ein ganz wichtiger Schritt. Daran arbeiten wir gerade in den Vereinten Nationen. In Deutschland kommt es vor allem auf die Qualität an. In vielen Schutzgebieten ist zum Beispiel immer noch der Einsatz von Pestiziden erlaubt. Das muss sich dringend ändern. Ich habe dazu Vorschläge in meinem Aktionsprogramm Insektenschutz gemacht.

Svenja Schulze, Bundesumweltministerin, will strenge Auflagen für alle Pestizide.

Wie viel Schuld am Verlust von Artenvielfalt trägt der massive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat?
Glyphosat tötet alles, was grün und keine Nutzpflanze ist. Also auch Ackerwildkräuter, die aus Sicht der Landwirtschaft unproduktiv sind. Wo blühen denn noch Kornblume und Klatschmohn auf den Feldern? Viele Äcker sind heute klinisch sauber, da ist fast nur noch totes Substrat. Mit Natur hat das nicht mehr viel zu tun. Und wo die blühenden Wildkräuter fehlen, fehlen auch Insekten und Vögel. Dass Glyphosat und andere Pestizide der Artenvielfalt schaden, ist in der Wissenschaft übrigens unbestritten. Darum bestehe ich auf einem Glyphosat-Ausstieg und will strenge Auflagen für alle Pestizide. Wer künftig naturschädliche Pestizide einsetzen will, muss sogenannte Biodiversitätsflächen als Ausgleich schaffen. Es wird Zeit, dass die Landwirtschaftspolitik das endlich anerkennt. Denn sie sägt sonst an dem Ast, auf dem sie selber sitzt.

Wo sehen Sie darüber hinaus Handlungsbedarf?
Der größte Hebel ist die Reform der EU-Agrarförderung, die nach der Europawahl ansteht. Momentan fördert die EU mit Milliarden Euro Steuergeld auch Entwicklungen, die unsere Natur zerstören. Nötig wäre aber ein System, das die Landwirte für das bezahlt, was sie für die Natur und damit für uns alle leisten. Wir brauchen die Landwirte für den Naturschutz. Aber die Landwirte brauchen auch die richtigen staatlichen Anreize. Natürlich kann auch jeder einzelne etwas für die Artenvielfalt tun, auf dem Balkon oder im Garten. Wer an Stelle des stets kurz geschorenen Rasens zum Beispiel insektenfreundliche Wildblumen wachsen lässt, tut der Natur einen großen Gefallen.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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