+
Sollen höhere Erträge bringen: Reissetzlinge im Genlabor.

CRISPR

"Grobschlächtige Heckenschere" statt präziser Genschere

  • schließen

Der Gentechnik-Experte Harald Ebner spricht im Interview über neue Verfahren, strenge Regeln und mögliche Folgen.

Gentechnik gegen die Auswirkungen des Klimawandels? Dürreresistente Pflanzen aus dem Labor? Das kommt aus Sicht des Sprechers der grünen Bundestagsfraktion für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik, Harald Ebner, dem Versuch gleich, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Wir erleben diesen Sommer eine extreme Dürre. Neue Gentechnik-Verfahren wie die „Gen-Schere“ CRISPR versprechen Pflanzen, die besser mit dem Klimawandel klarkommen. Müssen wir das nicht nutzen?
Bisher sind das leere Versprechungen, genau wie bei der „alten“ Gentechnik. Bei Klimaanpassungen wie Trockenheits- und Salztoleranz sind moderne konventionelle Züchtungsmethoden bislang überlegen. Denn solche Eigenschaften beruhen auf komplexen Zusammenspielen mehrerer Gen-Orte. Die Gentechnologen mit ihrem Baukasten-Ansatz beißen sich daran bislang erfolglos die Zähne aus.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat im Juli verfügt, dass für neue Gentechnik die gleichen strengen Regeln gelten wir für die „klassische“ Gentechnik. Kommt das nicht einem Verbot gleich, das uns Chancen verbaut?
Nein, auch wenn Gentechnik-Befürworter aus Industrie, Forschung und Medien nicht müde werden, das zu behaupten. Die Richter haben lediglich klargestellt, was ohnehin auf der Hand liegt: dass auch neue Gentechnik Gentechnik ist und genauso reguliert und gekennzeichnet werden muss. Weder „alte“ noch neue Gentechnik ist verboten. Sie muss allerdings einer sorgfältigen Prüfung unterzogen werden, bevor sie auf den Markt kommt. Und sie muss als Gentechnik gekennzeichnet werden. Das halte ich für geboten und angemessen.

Warum?
Immerhin ist die Freisetzung einer Gentechnik-Pflanze ein nicht mehr umkehrbarer Eingriff in unser Ökosystem. Da sind Vorsicht und Umsicht angebracht. Wenn die Produkte so gut und sicher sind, müsste es doch für die Hersteller einfach sein, die Menschen davon zu überzeugen! An dieser Debatte dürfen sie sich nicht einfach vorbeimogeln. Den Leuten klammheimlich etwas unterzujubeln, was sie nicht wollen, würde dagegen Vertrauen in Politik und Wirtschaft zerstören. Genau das würde aber passieren, wenn die neuen Gentechnik-Verfahren von der Regulierung ausgenommen würden, wie die Befürworter es wollen. 93 Prozent der Bürger ist es aber laut aktueller Umfrage der Bundesregierung wichtig, dass mögliche Auswirkungen von Gentech-Pflanzen auf die Natur immer untersucht werden. 

Aber die Pflanzen sind doch von klassisch gezüchteten gar nicht zu unterscheiden?
Das ist ein beliebtes, aber falsches Argument der Gentechnik-Lobby. Vertreter der Gentech-Industrie haben jetzt bemerkenswerterweise zusammen mit dem deutschen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in einem Fachartikel eingeräumt, dass die Pflanzen durchaus unterscheidbar sind. Auch an der vielbeschworenen angeblichen „Präzision“ der Genschere sind inzwischen erhebliche Zweifel aufgekommen. Es ist bei genauem Hinsehen wohl doch eher eine grobschlächtige Heckenschere, mit diversen ungewollten Nebeneffekten, nach denen bloß bisher noch keiner gesucht hatte.

Was ist mit dem Forschungsstandort Deutschland?
Die Forschungsfreiheit steht und stand ja überhaupt nie zur Debatte. Sie gilt – unter dem Schutz von Mensch und Ökosystem – selbstverständlich auch für Gentechnik. Nur bedeutet Forschungsfreiheit nicht schrankenlose Umsetzungs- und Vermarktungsfreiheit für alle Ergebnisse des Erfindergeists.

Welche konkreten Folgen hat das Gentechnik-Urteil der Europarichter?
Ganz konkret: Das BVL musste jetzt die eigenmächtige Zulassung für den gentechnisch veränderten, herbizidtoleranten Cibus-Raps einkassieren, die die Behörde 2015 erteilt hatte, offenbar um Tatsachen zu schaffen. Das brachte dem BVL zu Recht sogar einen Rüffel aus Brüssel ein. Zum Glück konnte eine Klage von Umwelt- und Landwirtschaftsverbänden diese unregulierte Gentechnik-Freisetzung bis heute verhindern. Die weiteren vorliegenden Anträge müssen nach dem EuGH-Urteil zum regulären Gentechnik-Zulassungsverfahren nach Brüssel verwiesen werden.

Wie geht es jetzt weiter?
Die Gentechnik-Lobby hatte siegessicher von einem EuGH-Urteil nach ihren Wünschen geträumt. Nachdem dieser Plan krachend gescheitert ist, wird sie jetzt massiv Druck aufbauen, um die Gesetze zu ändern. Das zeichnet sich schon jetzt ab. Da müssen wir als Öffentlichkeit und Politik dagegen halten.

Ihre Oppositions-Kollegen von der FDP finden es skandalös, dass das Bundesumweltministerium eine „Fachstelle Gentechnik und Umwelt“ (FGU), getragen von gentechnikkritischen Organisationen, mit 200.000 Euro fördert. Sie auch?
Viel skandalöser finde ich zum Beispiel, wenn in einem anderen öffentlich geförderten Forschungsprojekt an der Uni Passau, bei dem es um die gesetzliche Regelung der neuen Gentechnik-Verfahren ging, gleich als erstes die Prämisse aufgestellt wird, dass es sich ja gar nicht um Gentechnik handle, und damit schon von Anfang an eine Festlegung des Ergebnisses stattfindet. Wir brauchen dringend die öffentliche Debatte, das haben die extremen Reaktionen auf das EuGH-Urteil nochmal deutlich gezeigt. Dazu soll auch die FGU beitragen. Die eigentliche, vollkommen unhinterfragte Gentechnik-Forschung wird in Deutschland viel stärker mit öffentlichen Mitteln subventioniert. Und für die „positive“ Kommunikation und Begleitung der neuen Gentechniken ist unglaublich viel Geld im Umlauf. Für eine unabhängige kritische Betrachtung fast nichts. Unternehmen wie Bayer, die CRISPR und Co. auf den Markt bringen wollen – und zwar unreguliert – haben enorme PR-Etats. Dagegen nimmt sich die FGU-Förderung mehr als bescheiden aus. Die FDP sollte sich eigentlich über die Stärkung der liberalen Zivilgesellschaft durch eine Einrichtung wie die FGU freuen.

Interview: Stefan Sauer 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare