Griechischer Premier Tsipras: das Schlimmste ist wohl vorbei.
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Griechischer Premier Tsipras: das Schlimmste ist wohl vorbei.

Schuldenkrise

Die Griechen spüren den Aufschwung nicht

  • Markus Sievers
    vonMarkus Sievers
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Griechenland braucht weniger Kredite als gedacht, die Wirtschaft erholt sich. Trotzdem glauben die meisten Menschen im Land nicht an bessere Zeiten.

Seit Montag sind die internationalen Geldgeber mit ihren Vertretern wieder in Griechenland unterwegs. Erneut wollen sie sich vor Ort ein genaues Bild machen über die Umsetzung der Spar- und Reformauflagen. Doch diesmal finden die ungeliebten Kontrollen unter neuen Vorzeichen statt.

Das ewige Krisenland steht besser da als erwartet – und dies gilt sowohl für die Wirtschaft insgesamt als auch für die öffentlichen Haushalte. Die frohe Kunde bekräftigte am Wochenende Klaus Regling, Chef des Euro-Rettungsfonds ESM. „Wir freuen uns, dass die Darlehenssumme für Griechenland deutlich unter dem ESM-Programm-Deckel von 86 Milliarden Euro bleiben dürfte“, sagte der Deutsche dem „Handelsblatt“.

Die Regierung von Alexis Tsipras braucht also weniger Kredite als befürchtet und zugestanden. Damit steigen die Chancen, dass sich das Land wie von Tsipras angestrebt im kommenden Jahr wieder eigenständig Mittel an den Finanzmärkten leihen kann.

Im August 2018 läuft das derzeitige, das dritte Hilfsprogramm über diese 86 Milliarden Euro aus. Bis dahin muss Athen genügend Vertrauen bei privaten Investoren gewinnen, um nicht um ein viertes Programm bitten und sich den damit verbundenen Auflagen unterwerfen zu müssen. 

Zwei positive Entwicklungen treiben die Hoffnung an. Erstens kostete die Stabilisierung der griechischen Banken deutlich weniger als zunächst unterstellt. Dies ist ein Grund dafür, dass der gesetzte Kreditrahmen nicht voll benötigt wird. Noch wichtiger aber ist langfristig gesehen die ökonomische Erholung. In der aktuellen Prognose sagt das Finanzministerium für 2018 ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent voraus.

In diesem Jahr soll das Bruttoinlandsprodukt um 1,6 Prozent zulegen. Dadurch erhofft sich die Regierung einen Rückgang der Arbeitslosenrate von knapp 22 Prozent auf etwas über 20 Prozent. Damit könnte das Land die Vorgaben der Gläubiger erfüllen, einen Primärüberschuss von mindestens 3,5 Prozent im Haushalt des kommenden Jahres zu erzielen. Diese Kennziffer zeigt die Differenz zwischen laufenden Einnahmen und laufenden Ausgaben an. Sie klammert also die Kosten für den Schuldendienst als Lasten der Vergangenheit aus. Nach den jüngsten Berechnungen kann Griechenland sogar auf 3,8 Prozent kommen und damit besser abschneiden als verlangt. 

Die Eurozone wächst wieder

Die soziale Krise ist damit längst nicht überwunden. Doch Griechenland profitiert von dem Aufwärtstrend in der Eurozone. Mit deutlicher Verspätung holt es die Trendwende nach, die andere schon geschafft haben.

In der Weltwirtschaft zählt der Euroraum wieder zu den Wachstumsregionen. Wie überall in der Währungsunion hilft die Europäische Zentralbank mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik. Zudem sind die Löhne in Griechenland massiv gesunken, so dass der Standort im internationalen Vergleich an Attraktivität gewonnen hat. Der Staat habe durch die scharfen Sparauflagen Europas nicht investieren können, beklagte andererseits Regierungschef Tsipras kürzlich aufs Neue. Dennoch seien die Investitionen aus dem Ausland 2016 um 160 Prozent gestiegen und im ersten Halbjahr 2017 noch einmal um 170 Prozent. Sein Land sei wieder wettbewerbsfähig, betonte Tsipras. 

Wer nach Argumenten für Zuversicht sucht, wird beispielsweise in der Tourismus-Branche fündig. Rund 3,5 Millionen deutsche Gäste dürften sich 2017 für Hellas entschieden haben, schätzen Experten aus dem Wirtschaftszweig. Der Reiseveranstalter Alltours meldete ein Plus von 30 Prozent. Im kommenden Jahr könnte das Krisenland sogar die schwächelnde Türkei überflügeln. 

Trotzdem glauben die meisten Menschen Tsipras nicht, wenn er bessere Zeiten verspricht. In ihrem Alltag spüren sie zu wenig davon. Nicht nur drückt eine noch immer sehr hohe Arbeitslosigkeit. Gerade für junge Leute ist es schwerer als in allen anderen Euro-Staaten, eine berufliche Perspektive zu finden. Für eine soziale Trendwende bräuchte Griechenland aber nicht nur eine leichte wirtschaftliche Gegenreaktion nach Jahren des Niedergangs, sondern einen massiven, kräftigen und anhaltenden Aufschwung. Der aber ist nicht in Sicht. 

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