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Auch mit dem Kfz-Gewerbe geht es wieder aufwärts.

Konjunktur

Griechen fassen wieder Mut

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Im Herbst 2009 brach in Griechenland die Schuldenkrise aus. Sie sollte fast zehn Jahre dauern. Jetzt spüren die Menschen eine Wende zum Besseren.

Sechs Jahre stand der Laden leer. Aber nächste Woche soll das Rollgitter der Autowerkstatt an der Iera Odos, der Heiligen Straße im Athener Stadtviertel Votanikos, wieder hochgehen. Ioannis Nikas hat den Betrieb vom ehemaligen Inhaber übernommen, samt Inventar. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für einen neuen Start“, glaubt der 36-jährige Automechaniker. Ioannis und sein Kumpel Nikos haben ihre Jobs gekündigt, um sich selbständig zu machen. Alle ihre Ersparnisse haben sie in die Übernahme der Werkstatt gesteckt. „Wir werden es schaffen“, sagt Ioannis zuversichtlich.

Die Statistik scheint ihm recht zu geben: Im zweiten Quartal 2019 stiegen die Umsätze im griechischen Kfz-Gewerbe gegenüber dem Vorjahr um 12,6 Prozent. Die Autoverkäufe legten im September sogar um 21 Prozent zu. Nicht nur der Automarkt brummt. Nachdem die Rezession ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts ausradierte, wächst die Wirtschaft nun bereits wieder im dritten Jahr.

Der Sparkurs trägt Früchte. Der Haushalt ist ausgeglichen, in diesem Jahr wird Griechenland erstmals seit Beginn der Krise mehr Schulden zurückzahlen als es neu aufnimmt. Die Börse Athen verzeichnete in den ersten zehn Monaten ein Plus von 44 Prozent. Das Wirtschaftsklima stieg im August auf 108,4 Punkte und lag damit über dem Durchschnitt der Eurozone (103,1). Die Ratingagenturen Scope und Standard & Poor’s stuften Griechenlands Kreditwürdigkeit im Oktober herauf.

Die Erwartungen waren hochgesteckt, als der neue konservative Premierminister Kyriakos Mitsotakis am 8. Juli die Regierungsgeschäfte übernahm. Aber auch das Enttäuschungspotenzial war groß. Sieben Regierungswechsel erlebte Griechenland in den zehn Krisenjahren. Jeder Ministerpräsident versprach den Menschen eine bessere Zukunft, zuletzt der Sozialist Alexis Tsipras. Doch er stürzte das Land 2015 zurück in die Rezession. Erst Ende August 2018, drei Jahre später als geplant, konnte Griechenland den Euro-Rettungsschirm verlassen.

Noch am Jahresanfang sahen sieben von zehn Griechen ihr Land „auf dem falschen Weg“. Vier Monate später macht sich Aufbruchsstimmung breit, die Menschen fassen wieder Mut. Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Umfrage des Instituts Kapa Research. Zwei von drei Befragten glauben, dass ihr Land die Krise jetzt hinter sich lässt.

Die Ergebnisse der Befragung sind ein Vertrauensvotum für die neue Regierung. Das zeigt auch eine am Sonntag publizierte Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Marc. Danach erklären fast sieben von zehn Befragten, Mitsotakis mache als Premier seine Sache besser als erwartet. Würde am nächsten Sonntag gewählt, könnte Mitsotakis seinen Vorsprung zum Linksbündnis Syriza von acht auf 18 Prozent ausbauen.

Die Frustration der Krisenjahre ist aber keineswegs in grenzenlose Euphorie umgeschlagen. Viele Menschen fassen zwar wieder Mut, bleiben jedoch realistisch. So glauben zwei von drei Griechen, dass ihr Land die Gefahrenzone hinter sich gelassen hat; zugleich meinen 55 Prozent, dass die Ursachen der Krise noch nicht beseitigt sind, sondern weiterwirken.

Tatsächlich wird Griechenland noch lange an den Folgen der Krise leiden. Mit den derzeitigen Wachstumsraten von rund zwei Prozent wird die Wirtschaftsleistung erst Anfang der 2030er Jahre wieder das nominelle Vorkrisenniveau erreichen. Der Reformbedarf bleibt groß, vor allem im Finanzsystem und beim Bürokratieabbau.

Trotz aller Widrigkeiten: Nicht nur mutige Unternehmer wie der Automechaniker Ioannis Nikas glauben an Griechenland. Mehr als sechs von zehn Griechen sind überzeugt, dass ihr Land in Zukunft wieder „auf eigenen Beinen stehen“ wird, so die Umfragen. Vor fünf Jahren hatte nur jeder zweite diese Hoffnung.

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