+
Greta Thunberg ist die Ikone der Schülerstreik-Bewegung.

Greta Thunberg

Verehrt und gehasst

  • schließen

Plastik-Greta und Langstrecken-Luisa: Dass sich junge Leute lautstark für den Klimaschutz engagieren, passt nicht allen. 

Wie immer wählte Greta Thunberg große, Worte. Wenn die Politiker der EU nicht ihre Anstrengungen zur CO2-Reduzierung verdoppelten, dann würden sie „als größte Schurken aller Zeiten in Erinnerung bleiben“ So mahnte die 16-Jährige Klima-Aktivistin am Donnerstag in Brüssel, wo sie zu einer EU-Zukunftskonferenz mit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eingeladen war. Statt – wie eigentlich angestrebt – um 40 Prozent, solle die EU ihren CO2-Ausstoß bis 2030 um 80 Prozent senken, befand die junge Schwedin, während sie wie immer mit geflochtenen Zöpfen und ernster Miene auf der Bühne stand. Umringt war sie dabei von belgischen Jugendlichen, die seit mittlerweile sieben Wochen für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen, und dafür immer freitags ein paar Stunden Schule schwänzen – inspiriert von: Greta.

Seit August vergangenen Jahres streikt und demonstriert sie vor dem schwedischen Parlament für das Klima, in den ersten Wochen täglich, seitdem nur noch jeden Freitag. Auf die Frage, warum sie das tue, antwortet sie mit holzschnittartigen Sätzen wie diesem: „Unsere Zivilisation wird dafür geopfert, dass wenige Menschen weiterhin sehr viel Geld verdienen können.“

Damit hat die Jugendliche den Anstoß für eine globale Klimaschutz-Jugendbewegung gegeben, die „Fridays-for-Future“, die in über einem Dutzend Ländern stattfinden, darunter Australien, die USA, Japan, Großbritannien, Frankreich, Belgien – und Deutschland. Sie sprach im Dezember auf dem UN-Klimagipfel im polnischen Kattowitz, hatte im Januar einen Auftritt beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Die EU-Konferenz am Donnerstag mutete dagegen fast schon wie Routine an. Vor einem Jahr hätte niemand geglaubt, dass so etwas möglich wäre.

Thunberg, ihre Radikalität und ihr Erfolg ärgern viele, vor allem Klimawandel-Leugner, aber auch konservative und rechte Politiker. In den sozialen Medien schlägt ihr teils blanker Hass entgegen. Sie sei verhaltensgestört, altklug und besessen von der Idee, die Welt zu retten, heißt es zum Beispiel in einem Tweet des bekannten Juristen und Kolumnisten Joachim Steinhöfel von Ende Januar. Und: „Mit dem Missbrauch Minderjähriger kennen die Grünen sich ja aus.“

Tatsächlich ist die Frage, ob jemand die junge Aktivistin instrumentalisiert, berechtigt – nicht nur wegen ihres Alters. Greta Thunberg hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Doch gerade damit erklärt sie selbst ihr Engagement. Dem Magazin „The New Yorker“ sagte sie: „Ich sehe die Welt etwas anders, aus einer anderen Perspektive. Ich habe ein besonderes Interesse. Es ist sehr üblich, dass Menschen im Autismus-Spektrum ein besonderes Interesse haben.“ Seit ihrem achten Lebensjahr interessiert sie sich für die globale Erwärmung. Ihre Eltern, eine bekannte Opernsängerin und ein Schauspieler, beteuern, sie beeinflussten Greta nicht. Stattdessen seien sie anfangs gegen den Klimastreik gewesen.

Thunberg wurde zudem vorgeworfen, Geld für ihr Engagement anzunehmen. Und sogar in den Krümeln suchen die Kritiker. Ein Bild von der Aktivistin mit Plastikverpackungen für Toastbrot und einen Salat sorgte für hämische Kommentare. Etwa: „Greta will, dass wir den Klimawandel stoppen, aber sie isst in Plastik verpackte Lebensmittel.“ Die Fotos stammten aus dem Zug, mit dem sie gut 30 Stunden lang von Schweden in die Schweiz nach Davos gefahren war, um die große CO2-Fracht einer Flugreise zu sparen.

Häme in sozialen Netzwerken ist nichts Neues, und eine moralisch hoch aufgeladene Argumentation wie die Thunbergsche („Ich mache das, weil ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheißt“) wirkt wie ein Katalysator dafür. Eine neue Qualität erreichte die Kritik an der jungen Schwedin aber, als mit dem neuen CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak auch ein ranghoher Politiker darauf einstieg. Ziemiak hatte sich darüber geärgert, dass Thunberg einen deutschen Kohleausstieg im Jahr 2038, wie von der Kohlekommission empfohlen, absurd spät nannte. “... – Oh man... kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie Arme Greta!“, twitterte der CDU-Politiker.

Ziemiak erntete einen gewaltigen Shitstorm dafür, hunderte Reaktionen stehen unter seinem Tweet. Die meisten Kommentatoren halten es für unterirdisch, dass ein mächtiger Mann aus der Politik einen Teenager öffentlich abkanzelt. Auch Prominente wie Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe sprangen Thunberg bei: „Deutschland verfehlt die eigenen Klima-Ziele. Und der CDU-Generalsekretär kritisiert eine 16-Jährige, die das kritisiert. Ist das der neue Politikstil der CDU? Armer Paul Ziemiak.“ Allerdings gab es auch einige zustimmende Reaktionen. Thunberg sei „nicht sakrosant. Sie sucht die Öffentlichkeit, also muss es möglich sein, sie zu kritisieren“, schreibt zum Beispiel das CDU-Mitglied Karsten Schulz, auf Twitter.

Erstaunlich nach diesem Vorlauf, dass sich ausgerechnet auch „Klimakanzlerin“ Angela Merkel (CDU) als Kritikerin der von Thunberg inspirierten Klimastreik-Bewegung outete – oder zumindest so verstanden werden konnte. In ihrer Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz schlug sie den gewagten Bogen von einer „hybriden Kriegsführung“, bei der vor allem Russland Desinformation und Propaganda in andern Ländern verbreite, zu den klimastreikenden Schülern. O-Ton: „Aber dass alle deutschen Kinder – nach Jahren ohne äußeren Einfluss – auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann ich mir nicht vorstellen.“

Bei den Zuhörern kam das so an, als meine Merkel, es stecke eine gezielte Beeinflussung von außen hinter den „Fridays-for-Future“-Aktionen. Regierungssprecher Steffen Seifert sah sich bemüßigt, per Twitter klarzustellen, die Kanzlerin finde das Engagement der Jugendlichen „ausdrücklich gut“. Sie habe nur „ein Beispiel für die Mobilisierung durch Kampagnen im Netz“ geben wollen.

Doch nicht nur an der Gallionsfigur Thunberg arbeiten sich die Kritiker ab, es trifft auch andere führende Köpfe der Klimastreik-Bewegung – und zwar nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern sogar in hochseriösen Zeitungen wie der FAZ. Unter dem Titel „Grüne, Klimaschützer und Vielflieger“ nahm das Blatt sich die Göttinger Studentin und Aktivistin Luisa Neubauer vor – „eines der deutschen Gesichter von ,Fridays for Future““. Vorher hatten sich Kritiker auch auf Twitter unter dem Hashtag #LangstreckenLuisa bereits auf sie eingeschossen. Die 22-Jährige habe durch eine stattliche Zahl von Fernreisen nach Amerika, Asien und Afrika – dokumentiert durch Fotos auf Instagram – selbst schon „einen gewaltigen Berg von Kohlendioxid-Tonnen verursacht, der den Ausstoß vieler Durchschnittsdeutscher in zehn Jahren übersteigt“, kritisierte die FAZ.

Das trifft zwar schon eher als die Angriffe auf ein 16-jähriges Mädchen, das eher wie eine Zwölfjährige aussieht. Neubauer ist immerhin schon volljährig, das heißt, für ihr Handeln ganz alleine verantwortlich. Eine Nachfrage bei ihr persönlich hätte ergeben, dass sie einen Teil der Reisen bereits vor sechs Jahren im Rahmen von Entwicklungsprojekten in Tansania und Namibia machte und den Klimaeffekt aller ihrer Flüge durch CO2-Kompensation ausgeglichen wurden. Das macht die Studentin zwar nicht zum Öko-Engel, hätte den kritischen Furor aber wohl abgemildert. Neubauer, die durch Thunbergs Auftritt in Kattowitz im Dezember zum Aufgreifen der Aktion in Deutschland inspiriert wurde, und eine Bachelorarbeit zu nachhaltigen Anlagenstrategien plant, ist seit sechs Jahren Vegetarierin. Reisen mache sie – wenn möglich – nur noch per Bahn, auch zu Verwandten nach London.

Neubauer räumt aber auch ein, dass man sich mit „unser aller Ambivalenzen im Konsumverhalten auseinandersetzen muss“. Wichtiger ist aber zu fragen, was hinter den Angriffen steckt. Neubauer jedenfalls findet es „tragisch“, dass nun öffentlich über ihre Flugreisen debattiert wird, um sie als Klimaaktivistin zu diskreditierten. Sie glaubt: Mit der Kritik an ihrem individuellen Verhalten solle von den viel größeren Problemen auf politisch-struktureller Ebene abgelenkt werden.

Die Studentin sieht das Klimaproblem als Generationen- und Machtfrage. So hätten viele Ältere, gerade auch jene in Entscheidungspositionen in Politik und Wirtschaft, sich in der Klimakrise eingerichtet. Sie hofften darauf, dass es die eigene Generation schon nicht so stark treffen werden, zumal in einem reichen Land wie Deutschland mit seinen Möglichkeiten, sich zu schützen. Und was nütze ökologisches Verhalten im Privaten, wenn die Kohlekraftwerke zu spät abgeschaltet und Flugreisen zu Dumpingpreisen angeboten werden. Dass nicht darüber, sondern über „LangstreckenLuisa“ geschrieben werde, zeige doch, „wie groß die Furcht vor unseren Protesten sein muss“, sagt sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare