Diese Küken haben ihren ersten Lebenstag überlebt.
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Diese Küken haben ihren ersten Lebenstag überlebt.

Lebensmittel-Industrie

Grausames Gemetzel an Küken

  • Stephan Börnecke
    vonStephan Börnecke
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Millionen männliche Küken werden Jahr für Jahr gleich nach dem Schlüpfen geschreddert. Sie zahlen den Preis für die industrialisierte Eierproduktion. Die Grünen nehmen der Bundesregierung nicht ab, dass sie das ändern will.

Ein schönes Symbol war es, das der medienaffine Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) kurz vor Ostern gesendet hatte. Er kündigte einen Aktionsplan an, mit dem das Schreddern von erst gerade geschlüpften männlichen Küken beendet werden soll. Denn jedes Jahr lassen in Deutschland etwa 40 Millionen dieser gelben Flauschebällchen ihr Leben. Die industrielle Eierproduktion, die in den vergangenen Jahrzehnten immer leistungsstärkere, effizientere und wirtschaftlichere Legehennen hervorgebracht hat, hat für sie keine Verwendung.

Nun werfen die Grünen dem Minister vor, dass sein Aktionsplan nicht mehr als ein gelungener PR-Gag zu Ostern gewesen sei. Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer ist der Meinung, dass die große Koalition „das Kükenschreddern einfach weiterlaufen lassen“ will, wie er am Wochenende erklärte. Das weist das Ministerium empört zurück (siehe Box) und unterstreicht seine Bereitschaft, einen der schlimmsten Auswüchse der industriellen Tierzucht zu beenden. Denn mit der Natur hat die Eierproduktion kaum noch etwas zu tun.

1950 legte ein Huhn 120 Eier pro Jahr, heute fast das Dreifache

Schon vor etwa 8000 Jahren hat das Huhn die Begehrlichkeiten des Menschen geweckt. Ganz am Anfang hatte das Bankivahuhn gestanden. Seither wurden viele Rassen gezüchtet, darunter auch unser Haushuhn Gallus gallus domesticus. Heute können Züchter locker um die 200 Hobby-Rassehühner vorweisen. Im industriellen Geschäft mit dem Huhn aber haben Sumatra, Onagadori oder Langschan nichts zu suchen. Was vorherrscht, sind Hybrid-Hühner, und die tragen eher einen Firmen- denn einen Rassenamen. Lohman LSL ist einer davon, Typ Ross 308 und Cobb 500 zwei andere. Der Markt der Legehennen und Masthähnchen wird von jeweils zwei bis drei Konzernen beherrscht.

Es ist unklar, wie viele Eier eine Henne vor 100 Jahren legte und wie viel Fleisch ein Huhn lieferte. Waren es um die 90 Eier im Jahr, wie eine Statistik des hessischen Landwirtschaftsministeriums nahelegt? Auch 1950, als auf praktisch jedem der damals noch 1,6 Millionen Höfe in der Bundesrepublik Hühner „mitliefen“, blieb die „Legeleistung“ mit 120 Eiern bescheiden. Dass Hennen heute bis zu 320 Eier im Jahr produzieren und damit an der biologischen Grenze liegen (der natürliche Ei-Zyklus liegt beim Huhn bei 25 Stunden), ist dem „Züchterfortschritt“ zu verdanken.

Ein Forschritt, der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann, als US-Züchter Hühnerrassen kreuzten. Damit wurde in der Folge nicht nur das Nutz- vom Liebhaberhuhn getrennt, sondern auch die Legehenne vom Masthuhn. Der Durchbruch kam etwa 1960, als Henry Wallace, Ex-US-Vizepräsident und Gründer des heutigen Saatgut-Multis Pioneer Hi-Bred, die beim Mais erprobte Hybrid-Zucht auf das Huhn übertrug. Seither erfinden die drei Konzerne, die das Geschäft mit der Legehennenzucht weltweit in der Hand haben, das Huhn im Labor immer wieder neu.

Es ist eine Zucht, die Bauern in Abhängigkeiten treibt: Denn Hybriden lassen sich nicht weiter vermehren. Und dass die Tiere nach Legeleistung ausgewählt werden, fordert einen anderen hohen Preis: Die männlichen Tiere sind praktisch nicht zu verwenden. Ihre Aufzucht ist unwirtschaftlich, da sie nur wenig und obendrein auch noch sehr langsam Fleisch ansetzen, das verkauft werden könnte. Im Gegensatz zu den Mast-Hybriden: Früher war ein Hahn nach 20 Wochen schlachtreif, heute ist es schon nach fünf Wochen soweit.

Der Zuchterfolg sorgte dafür, dass Hennen immer länger im Einsatz sind. Dauerte die Legeperiode einst etwa 72 Wochen, sind es nun 80 bis 85 Wochen. In den Laboren des Tierzuchtkonzerns Lohmann in Norddeutschland, einem der ganz Großen der Branche, spricht man sogar schon von bis zu 90 Wochen. Es stimme deshalb nicht, dass Hochleistungshühner zwangsläufig kürzer lebten und danach in die Resteverwertung geraten: „In Europa ist die Legedauer alle zwei Jahre um eine Woche länger geworden“, verriet Matthias Schmutz, Genetiker bei Lohmann, dem „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“.

Während bei Schlachttieren Henne und Hahn aufwachsen, landet die Hälfte der Legehühner im Schredder: Vergast oder mit scharfen Messern zerkleinert, wird die vermeintlich unbrauchbare Hälfte der männlichen Küken zu Tiermehl verarbeitet. Bestenfalls landen die Küken als Futter im Zoo oder in der Greifvogelhaltung. Obwohl das Tierschutzgesetz einen vernünftigen Grund zum Töten von Tieren voraussetzt (Tiermehl ist keiner, Futter in der Tierhaltung schon) und obwohl das Problem seit 30 Jahren bekannt ist, reifen Lösungen erst allmählich heran. Dabei geht es um das Leben (und die anschließende Mast) von rund 40 Millionen männlicher Küken im Jahr.

Bei Lohmanns hat man einen neuen Typ kreiert: Lohmann Dual, das Zweinutzungshuhn. Es soll viele Eier legen und zugleich einen guten Fleischansatz liefern. Doch weil diese Züchtung nur ein Kompromiss ist – die Henne legt 65 Eier weniger im Jahr als Lohmann Brown, die Mast wiederum verbraucht 50 Prozent mehr Futter als bei einem Top-Hahn – kostet das Dual-Huhn im Laden mehr.

Künftig sollen nur noch Legehennen schlüpfen

Kleinere Landwirte, Direktvermarkter und Bio-Bauern experimentieren, etwa in der Bruderhahn-Initiative, seit einiger Zeit lieber mit anderen Rassen wie sie aus der Haute Cuisine oder der Liebhaberhaltung bekannt sind. Die Landwirte hoffen auf die Einsicht des Kunden, denn Blaue Bresse-Hühner („Les Bleues“), Tiere der Rassen Sussex oder Marans, liefern zwar mit mehr als 200 Stück im Jahr relativ viele Eier und zudem gutes Fleisch. Doch sie sind, weil eben kein Ziel „optimal“ im Sinne der industriellen Haltung erreicht wird, teurer.

Die Industrie hält schon deshalb nicht viel vom Zweinutzungshuhn. Die Züchter des Massenmarkts setzen auf High-Tech und wollen das Geschlecht noch im Ei bestimmen. Männliche Nachkommen könnten also noch vor der Geburt aussortiert werden. Auf diese Methode schwören nun auch der Bundeslandwirtschaftsminister und manche seiner Kollegen in den Ländern.

Doch die Technik hat ihre Schattenseiten: Sie dürfte für kleinere Erzeuger kaum erschwinglich sein, und auch mit ihr wird vermutlich nicht jedes männliche Küken aussortiert: So dürfen zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, wo ein Verbot der Kükentötung von elf Brütereien bisher erfolgreich beklagt wurde, in Zoos frisch getötete Küken weiter verfüttert werden.

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