Portrait Stuttgart-21-Gegner

Grau gelockt und unbeugsam

Peter Conradi, Architekt und früher aktiver SPD-Politiker, wehrt sich gegen das Bahn-Projekt Stuttgart 21.

Von Johanna Henkel-Waidhofer

Daheim an der Wand, in der Wohnung, die einem Architekten angemessen ist, hängt eine Gitarre. Auf ihr sind viele (linke) Lieder gespielt worden, zu jener Zeit, als das legendäre Foto von Willy Brandt im blauen Rote-Falken-Hemd mit Mandoline und Zigarette entstand. Peter Conradi sang Satirisches zum Bonner Polit-Betrieb und Schräges wie Helmut Qualtingers „Bundesbahn-Blues“ über einen auf der Suche nach seiner Freundin Verzweifelnden.

Verzweifeln lässt die Bahn AG den 77-Jährigen vier Jahrzehnte später nicht. Er ist abgeklärt, manchmal milde, aber keineswegs immer. Sein Temperament geht mit ihm durch, wenn Argumente nicht das Gewicht bekommen, das er ihnen bemisst. 2008 wurden in der 600.000-Einwohner-Stadt 67.000 Protestunterschriften gesammelt – gegen Stuttgart 21, die Bahnhofsuntertunnelung und eine Schnellbahntrasse nach Ulm. CDU-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster gab Conradi und zwei Mitstreitern bei der Übergabe nicht die Ehre seines Erscheinens.

Die drei versuchten, einen Bürgerentscheid auf den Weg bringen, dessen juristische Basis sie – zu Recht – selber als vergleichsweise instabil einschätzten. Aber deshalb aufgeben? Eine Haltung, die viele Befürworter nicht verstehen wollen. Nur: Seit Monaten wird regelmäßig demonstriert, am vergangenen Samstag zählte die Polizei 12000 Menschen. Und am 27. März 2011 sind Landtagswahlen. Die Grünen sind gegen Stuttgart 21, CDU und SPD waren von Anfang an dafür.

Conradi – Markenzeichen: Fliege und inzwischen grauer Lockenkopf – stellte sich gegen die Partei, der er seit 1959 angehört. Und die ihm eine Erfahrung beschert hat, die ihn sein politisches Leben lang begleitet: zur Minderheit zu gehören, zu einer indes, die vor der Geschichte nicht unrecht hat. Drei Beispiele von vielen: Mit dem linken „Tübinger Kreis“ kämpfte er für eine andere Ausrichtung der Schmidt-SPD, mit einigen Wackeren später gegen den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses und den Börsengang der Bahn.

1974 hoffte der gebürtige Westfale, gegen Manfred Rommel OB in Stuttgart zu werden. Er unterlag. Den beiden Vollblutpolitikern ist eines aber gemeinsam: Sie haben viel für die demokratische Kultur in der Stadt und drum herum getan. Rommel im Rathaus, Conradi in 26 Bundestagsjahren und nicht trotz, sondern wegen seines Engagements gegen das Mammutprojekt von Bahn, Stadt und Land. Ursprünglich, Mitte der 1990er, sollte es 4,03 Milliarden kosten – Mark. Inzwischen sind es 6,5 Milliarden Euro. „Wenn Unrecht Recht wird, wird Widerstand Pflicht“, sagt er. Manchmal kommt die Gitarre von der Wand. Die alten Zeiten sind noch lange nicht vorbei …

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