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Lernte auch die hässliche Seite der Games-Branche kennen: Jade Raymond war Zielscheibe sexistischer Angriffe. 

Gaming-Plattform von Google

Plattform Stadia: Google will in neue Ära starten - mit Jade Raymond

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Der Kracher Assassin’s Creed machte Jade Raymond zu einem Star der Computerspiel-Szene. Nun arbeitet sie für Google - und soll mit der Plattform Stadia neue Epoche einleiten. 

Wenn es um Frauen geht, hat Google nicht eben den besten Ruf. Gerade einmal vor einem Jahr drang an die Öffentlichkeit, wie hochrangige Manager, die Angestellte sexuell belästigt oder missbraucht hatten, üppig ausbezahlt wurden. Die Muttergesellschaft Alphabet hat erst in der vergangenen Woche eine Kommission ins Leben gerufen, um die Vorfälle zu untersuchen.

Auch Jade Raymond hat bittere Erfahrungen gesammelt, wie es sein kann, als Frau in einer männerdominierten Branche zu arbeiten. Die 44-Jährige ist ein Superstar der Computerspielszene. Sie hat den legendären Kracher „Assassin’s Creed“ produziert. Je erfolgreicher sie wurde, desto mehr Sexismus erlebte sie. 

Bedeutet Google Stadia das Ende für Spielekonsolen?

Nun leitet Raymond Googles Angriff auf die Games-Branche - und könnte so nebenbei das Frauen-Image des Konzerns aufpolieren. Im Frühjahr wurde sie zur Vize-Präsidentin mit Aufsicht über die Google Studios und den Streamingdienst Stadia berufen. Letzterer soll an diesem Dienstag online gehen und das Zeitalter der Spielekonsolen beenden. Künftig sollen Computerspieler direkt auf den Servern von Google spielen, statt sich eine Playstation oder eine X-Box zu kaufen.

Wenn es jemanden gibt, der dazu berufen ist, diesen zentralen Posten im Spiele-Sektor einzunehmen, dann ist es Raymond. Die Kanadierin ist seit mehr als 20 Jahren im Gaming-Geschäft. Sie hat damit angefangen, Spiele zu entwickeln, als die Gamer-Szene noch in der Hand von weißen Männern war oder – auf der Konsumentenseite zumindest – von männlichen Jugendlichen. 

Computerszene: Frauen in der Minderheit

Für Raymond selbst war ihr Geschlecht jedoch lange Zeit überhaupt kein Thema. „Ich habe eben mit meinen Schwestern rund um die Uhr gespielt, als wir aufgewachsen sind“, sagt Raymond. Sie waren klassische Nerds, und die Tatsache, dass sie als Frauen in der Szene eine Minderheit darstellten, kam ihnen gar nicht in den Sinn.

Das änderte sich auch nicht, als Raymond nach dem Studium begann, als Programmiererin für den japanischen Unterhaltungsriesen Sony Spiele zu entwerfen. Raymond folgte einfach ihrer Leidenschaft. Erst als der Erfolg sich einstellte, merkte Raymond, dass Frauen es in der Branche deutlich schwerer haben als Männer. 

Jade Raymond: eine der einflussreichsten Entwicklerinnen jetzt für Stadia

Im Jahr 2004 wechselte Raymond zur französischen Firma Ubisoft und produzierte das Erfolgsspiel „Assassin’s Creed“. In der Folge stieg sie zur Leiterin des Ubisoft-Studios in Toronto auf und wurde zu einer der einflussreichsten Entwicklerinnen der Branche.

Ihre profilierte Stellung machte sie schnell zur Zielscheibe reaktionärer Kräfte in der Branche. Raymond war Anfeindungen ausgesetzt, die in einem pornografischen Comic mit ihr als Protagonistin gipfelten. „Es war das erste Mal, dass ich der hässlichen Seite unseres Gewerbes ausgesetzt war“, erzählt sie. „Bis dahin hatte ich einfach nur Spaß an dem, was ich tue.“

Raymond tritt für Diversität am Arbeitsplatz ein  

Der Ausbruch war nur ein Vorzeichen dessen, was kommen würde. Um das Jahr 2010 herum formierte sich online organisierter Widerstand gegen die Feminisierung des Gaming-Sektors. Zielscheibe der als #gamergate bekannt gewordenen Bewegung waren neben Raymond andere einflussreiche Frauen im Gaming-Bereich wie die Entwicklerinnen Zoe Quinn und Brianna Wu. 

Diese Ereignisse haben letztlich auch Jade Raymond politisiert, sie setzt sich seither für die Beschäftigung von Frauen in der Branche ein. Schließlich sind 40 Prozent der Computerspieler eben keine Spieler, sondern Spielerinnen. Der Anteil der Frauen an den Belegschaften der Unternehmen in der Branche beträgt gleichwohl nur 23 Prozent. Als sie den Posten bei Google übernahm, bekannte Raymond sich explizit zu Diversität am Arbeitsplatz. 

Leidenschaftliche Spiele-Entwicklerin im Dienst von Google Stadia

„Zocken“ ist sehr beliebt: bei Frauen und Männern.

Raymonds wahre Leidenschaft gilt jedoch nach wie vor der Entwicklung von Spielen. Dabei sind ihre Hits oft Kampfspiele, die gemeinhin für Männersache gehalten werden. Immerhin hebt sich „Assassin’s Creed“ von gewöhnlichen Shooter-Games durch einen fein ausgearbeiteten historischen Kontext ab – der Spieler taucht ein in die magische Welt der antiken Städte Jerusalem, Akkra und in Assassins Creed Odyssee auch Troja.

Raymond liebt den Prozess, die Ideen für solche Spiele zu entwickeln, „die Phase, in der man nur Bücher liest, Filme schaut und mit seinen Kollegen herumspinnt“. Am Ende, sagt sie, sei es gar nicht mehr wichtig, wer welche Idee hatte. „Es ist ein kollaborativer Prozess.“ 

Google möchte mit Stadia als Spiele-Entwickler auftreten 

Zum Launch seines Cloud-Gaming-Service Stadia bietet Google allerdings noch keine eigenen Spiele an, die Plattform streamt erst einmal ausschließlich Spiele von dritten Parteien. Doch Raymond kündigt an, dass es da in der Zukunft einiges geben wird. Wie Netflix oder Amazon im Film- und TV-Bereich möchte sich Google im Spiele-Bereich als Entwickler von hochwertigen Inhalten positionieren – möglichst mit Spielen, „welche die interaktiven Möglichkeiten des Streamings ausloten“, wie Raymond sagt. Der Spieler selbst soll dabei aktiv an der Gestaltung des Spiels teilnehmen.

Für die Produktion und kreative Leitung wird Jade Raymond zuständig sein. Spezielle Frauen- oder Girlie-Spiele wird man von ihr aber sicher nicht erwarten dürfen. Dafür aber interessante, komplexe Spiele, die eine neue Epoche im Gaming-Geschäft einläuten.

Streamingdienst Stadia

Googles Cloud-Gaming-Dienst Stadia nimmt an diesem Dienstag den Betrieb auf. Mit Stadia laufen Videospiele nicht mehr auf heimischen Computern oder Konsolen, sondern auf virtuellen Rechnern in großen Rechenzentren.

Spieler streamen mit Stadia nur das Videobild ihres Spiels. Durch die theoretisch grenzenlose Leistung der Rechenzentren sollen völlig neue Spielmodelle möglich sein. Google spricht etwa von einem übergangslosen Sprung aus einem Youtube-Video direkt ins passende Spiel oder von riesigen Spielewelten mit Echtzeit-Ereignissen. 

In Partien mit mehreren Spielern könnten Teilnehmer beispielsweise auch die Blickwinkel ihrer Mitspieler sehen. In den Rechenzentren seien auch simulierte Welten von bislang ungeahnter Größe möglich. 

Auch die Konsolen-Platzhirsche Sony und Microsoft sowie unter anderem Nvidia und die Deutsche Telekom arbeiten an ähnlichen Angeboten. 

Für frühe Nutzer hat Google seit dem Sommer einen Zugang über eine sogenannte Founders Edition verkauft. Eine Grundversion von Stadia mit eingeschränkten technischen Möglichkeiten soll es kostenlos geben. Für hochauflösende Grafik und Extraspiele wird ein monatlicher Betrag fällig. Außerdem müssen die einzelnen Spiele jeweils gekauft werden. 

Das Unternehmen peilt mit Stadia eine Milliardenkundschaft an. „Die meisten Plattformen erreichen ihr Maximum bei 100 bis 150 Millionen Nutzer. Wir schauen auf Milliarden“, sagte Google-Manager Jack Buser jüngst auf der Videospielemesse Gamescom. 

Mit Stadia wolle Google auch Kunden gewinnen, die bislang nur wenig oder noch keinen Zugang zu Videospielen hätten. „Wenn wir nur 100 oder 200 Millionen Menschen erreichen, haben wir etwas falsch gemacht“, sagte der Google-Manager. (dpa/afp)

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