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"Die Nervosität ist weiter hoch."

Börse

"Die goldenen Zeiten für Aktien sind vorbei"

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Der Börsenexperte Oliver Roth erklärt die derzeitigen Turbulenzen an den Börsen und wie Anleger reagieren sollten.

Die Aktienkurse kennen derzeit nur eine Richtung: Nach unten. Oliver Roth, Börsenchef vom Bankhaus Oddo Seydler, seit Jahrzehnten täglich auf dem Börsenparkett und damit exzellenter Kenner des Geschehens, hat schon im Sommer vor Übertreibungen gewarnt. Jetzt macht der 50jährige Ex-Fußball-Profi Anlegern wenig Hoffnung. Die Flaute am Aktienmarkt werde noch sechs bis zwölf Monate anhalten. 

Herr Roth, nach dem erneuten Einbruch des Deutschen Leitindex Dax am Dienstag hat sich die Lage zunächst etwas beruhigt, die Kurse sind leicht gestiegen. Am Donnerstag ging es wieder nach unten. Ist das Schlimmste gleichwohl überstanden?
Das glaube ich nicht. Die Nervosität ist weiter hoch.

Warum?
In den USA steigen die Zinsen und die Politik der Regierung insbesondere die Handelsstreitigkeiten mit China und den USA belasten den Aktienmarkt. Beides sind Gründe für die große Unsicherheit und die Talfahrt der Kurse. Auch die ungelösten Details des Brexit sorgen für Unruhe. Und dann ist da noch der Konflikt in der Eurozone über die Haushalts- und Schuldenpolitik in Italien. 

Aber das sind keine neuen Entwicklungen.
Das stimmt. Aber derzeit spielt der überdeutlich gewordene Trend hin zu einem Zinswechsel die entscheidende Rolle. In den USA ist er im Gange, in Europa steht er im nächsten Jahr an. Steigende Zinsen sind schlecht für Aktien. 

Das heißt, die Anleger verkaufen.
Ja. Sie gehen raus aus Aktien und kaufen Anleihen. Zehnjährige US-Staatsanleihen sind mittlerweile bei Renditen von mehr drei Prozent wieder attraktiv. Bei zehnjährigen Bundesanleihen hält sich das mit knapp 0,5 Prozent in Grenzen. Aber sie bieten Sicherheit. 

Ist die Entwicklung mit einer Talfahrt des Dax auf ein Zwei-Jahres-Tief mittlerweile nicht übertrieben?
Nein. Die Angst davor, dass sich die politischen Belastungen verschärfen ist größer als die Erwartung einer Entspannung. Das führt zu Vorsicht und damit zum Ausstieg aus dem Aktienmarkt. Die massive Verunsicherung wird vorerst anhalten.

Muss der Brexit wirklich so große Sorgen machen? 
Dann, wenn er ungeordnet erfolgt. Das hätte Folgen für die Wirtschaft, die Unternehmen und für die Finanzmärkte, die derzeit schwer abzuschätzen sind. 

Die jüngsten Entwicklungen in und um Saudi-Arabien dürften auch eine Rolle spielen.
Eher weniger. Belastende Themen haben wir genug. Dazu gehört auch der steigende Ölpreis, der Einfuhren und Energie verteuert und damit die Kosten der Unternehmen treibt. 

Auch die Entwicklung bei einzelnen Konzernen wie etwa bei Bayer dürfte belasten.
Das sind Einzelthemen, durch die aber zusätzlich Öl ins Feuer gegossen wird. Zumal Bayer zu den Schwergewichten im Dax zählt. Zur Entspannung tragen die Verwerfungen beim Leverkusener Konzern sicher nicht bei.

Sie bleiben insgesamt skeptisch.
Wir stecken voll in einer Korrekturphase. Und die ist noch nicht abgeschlossen. Ich halte das nicht für übertrieben. Die Übertreibungen gab es vorher.

Warum? 
Viele der Themen, die heute als Belastungen gelten, lagen damals schon auf dem Tisch: Die Handelskonflikte und der Brexit. Das wurde ignoriert. Allerdings war der Anstieg der Zinsen in den USA noch nicht so deutlich erkennbar.

Bestimmt wird die Talfahrt derzeit von professionellen Anlegern wie Fonds und Versicherungen, oder?
Ja, wobei die ganz großen Spieler noch gar nicht agiert haben. Wenn sie handeln, kann es mit den Kursen noch deutlich weiter nach unten gehen.

Was ist mit Privatanlegern?
Die haben noch gekauft, als sich die Profis schon zurückgehalten haben. Die sind schon zum Jahresanfang vorsichtiger geworden.

Sollten sich Kleinanleger jetzt von Aktien trennen?
Wenn sie bei einem Dax-Stand von 5000 gekauft haben, sollten sie verkaufen und Gewinne sichern. Das kann nie schaden. Wer erst bei 12 000 Punkten eingestiegen ist, sollte noch warten. Zumindest aber sollten Kleinanleger Stopp-Loss-Grenzen einziehen, um die Verlustgefahr zu begrenzen. 

Es gibt also keine Rally zum Jahresende, wie manche Experten meinen und viele Kleinanleger hoffen?
Es kann eine Rally geben – von 10 500 auf 11 200 im Dax. Im Ernst: Bis Jahresende bleibt der Markt unter Druck. 

Der Dax wird mit 2018 mit einem Minus abschließen?
Bestimmt.

So schlecht stehen deutsche Unternehmen und die deutsche Wirtschaft wie auch die Weltwirtschaft nicht da. Also müsste es 2019 doch wieder besser laufen.
Die goldenen Zeiten für Aktien sind für die nächsten sechs bis zwölf Monate erst einmal vorbei. Und dann muss man schauen, wohin sich die Zinsen bewegt haben und was aus Brexit und Handelskonflikten geworden ist. Erst wenn sich Entspannung abzeichnet, kann der Aktienmarkt wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen. 

12 000 oder gar 13 000 Punkte wie noch zu Anfang des Jahres 2018 sehen Sie aber erst einmal nicht mehr?
13 000 sicher nicht. 12 000: Das hängt davon ab wie hoch die Wellen weiter schlagen. Wir werden uns erst einmal mit deutlich niedrigeren Niveaus abfinden müssen. Vorsicht und Zurückhaltung sollte derzeit die Devise sein. 

Interview: Rolf Obertreis

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