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Mit Glücksspielen werden Milliardenumsätze gemacht.

Online-Anbieter kassieren ab

Der Glücksspiel-Markt ist außer Kontrolle

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Die Spielanbieter machen Milliardenumsätze, besonders der graue Markt der Online-Glücksspiele boomt. Gerade sie umgehen häufig staatliche Regulierungen - ein ernstes Problem. Die Analyse.

Aus vielerlei Gründen verbietet es sich, den Glücksspielmarkt allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Für die Gesellschaft geht es in erster Linie darum, Jugendliche und andere Bevölkerungsgruppen vor der Spielsucht zu bewahren und Innenstädte vor der Dominanz der Casinos in einzelnen Straßen zu schützen.

Dennoch ist auch die ökonomische Bedeutung nicht zu unterschätzen, worauf der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup, mit seinem Forschungsinstitut HRI in einer Studie hinweist. Demnach erwirtschafteten allein die regulierten Anbieter im Jahr 2014 Umsätze von knapp 34 Milliarden Euro. Das entspricht gut der Hälfte dessen, was die Bundesbürger pro Jahr für Kleidung ausgeben. Und es ist etwa doppelt so viel wie die inländischen Erlöse der pharmazeutischen Industrie und drei Mal so viel wie die inländische Möbelproduktion einbringen.

All das ist von Relevanz auch für den Arbeitsmarkt. Der Wirtschaftszweig sorgt nach den HRI-Berechnungen direkt und indirekt für rund 198.000 Stellen. Der Großteil davon entfällt auf den Bereich der Automaten und der Lotterien mit ihren Annahmestellen. Allerdings sind nach Erkenntnissen des Instituts bis zu 36 000 Arbeitsplätze gefährdet. Die Regierungschefs der Bundesländer haben sich schon vor Jahren darauf verständigt, den Wildwuchs mit immer mehr Glücksspielhallen in bestimmten Stadtteilen einzudämmen. Beispielsweise muss zwischen zwei Betreibern künftig ein bestimmter Mindestabstand bestehen, den die einzelnen Länder jeweils für sich festlegen. Die verschärften Bestimmungen treten nach einer längeren Übergangszeit in den meisten Regionen Mitte des Jahres in Kraft.

Auftraggeber der Studie sind die staatliche nordrhein-westfälische Lottogesellschaft West Lotto und der private Automatenhersteller Löwen Entertainment. Schon dieses etwas merkwürdig anmutende Bündnis zeigt, wie sehr es in der Branche rumort. Gemein ist beiden Unternehmen, dass sie sich als legal arbeitende Firmen von den Größen auf dem boomenden grauen oder schwarzen Markt zunehmend bedrängt fühlen. Vor allem das Onlinespiel aus dem Ausland ohne richtige Lizenz bekommt die Politik nicht in den Griff. Dies belegt Rürup mit einem Blick auf die Bruttospielerträge. Diese Kennziffer zeigt die Differenz zwischen Einsatz und Gewinn der Kunden an. Noch liegt der regulierte Sektor, in dem Anbieter mit einer deutschen Glücksspielkonzession auftreten, mit einem Volumen von 10,4 Milliarden Euro deutlich vorn. Der gesamte Markt bringt es laut Studie auf knapp 13 Milliarden Euro. Doch die Gewichte beginnen sich merklich zu verschieben. Während der regulierte Teil von 2014 auf 2015 um vier Prozent wuchs, legte das andere Segment um über 30 Prozent zu. Damit expandiert dieser Bereich nicht nur relativ, sondern auch volumenmäßig stärker. Haupttreiber sind laut Rürup die Online-Spiele. Dazu gehören besonders die Online-Casinos, aber auch Sport- und Pferdewetten sowie Zweitlotterien und Online-Poker. Für die Politik ist das ein Problem. Mit ihren Auflagen zur Suchtprävention droht sie ins Leere zu laufen, wenn die Digitalisierung staatliche Regulierung torpediert.

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