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Glück im Unglück für die Commerzbank

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Von: Markus Sievers

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Frühere Misserfolge der Commerzbank führen zu magerem Gewinn. Die Anleger freuen sich, dass es nicht noch schlimmer kommt. Die Aktie steigt.

Das laufende Jahr hat Commerzbank-Chef Martin Blessing bereits abgeschrieben. 2013 sei ein Übergangsjahr, rechtfertigte er am Donnerstag die aktuellen Bilanzzahlen. Den Vorstand will er um zwei Posten verkleinern, um dem Vorwurf zu entgehen, die aktuelle Schrumpfkur treffe nur die normalen Beschäftigten. Der Überschuss schrumpfte im zweiten Quartal auf 43 Millionen Euro, nach einem Gewinn von 270 Millionen Euro zwölf Monate zuvor. Die Abschreibungen auf faule Kredite setzt das Institut höher an als im vergangenen Jahr, als es 1,7 Milliarden Euro dafür veranschlagte.

Dieses desaströse Ergebnis feierten die Anleger jedoch mit massiven Käufen. Nachdem die Commerzbank-Aktie unter Blessings Regie 95 Prozent ihres Wertes eingebüßt hatte, schoss sie gestern um mehr als 15 Prozent nach oben. Das Papier lag damit bis zum Nachmittag mit Abstand an der Spitze im Dax. Die Partylaune mitten in der Krise erklärt sich durch die Erwartung, dass es schlimmer hätte kommen können. Immerhin hatte das Geldhaus in den ersten drei Monaten des Jahres noch einen Verlust von 94 Millionen Euro eingefahren.

Übergang – das heißt für die Commerzbank, dass sie sich von ihren gewaltigen Altlasten befreit. Zielsicher steuerten die Frankfurter in den vergangenen Jahren die Finanzgeschäfte an, in denen sich besonders viel Geld versenken ließ. Bei den Immobilienspekulationen in den USA mischten sie ebenso mit wie bei den europäischen Staatsanleihen oder der Schiffsfinanzierung. Zudem scheute Blessings Vorgänger Klaus-Peter Müller keine Mühen und schon gar keine Kosten, um mit riskanten Akquisitionen den langjährigen Branchendritten in die Liga der internationalen Spitzeninstitute wie der Deutschen Bank zu hieven. Längst lautet die Devise „Zurück zu den Wurzeln“, also dem Privatkunden- und Mittelstandsgeschäft.

100.000 neue Privatkunden

Die unerwünschten Aktivitäten hat der Vorstand in eine konzerneigene Abbausparte NCA, eine Art Bad Bank, gepackt. Dort musste die Commerzbank im Zeitraum Mai bis Juni einen höheren Verlust hinnehmen als noch vor einem Jahr. So musste sie ihre Risikovorsorge beispielsweise in der gewerblichen Immobilienfinanzierung erhöhen und konnte ihre Aktivitäten in der Staats- und Kommunalfinanzierung nur mit Verlust wieder verkaufen.

Als Fortschritt im laufenden großen Konzernumbau wertet das Management, dass das Institut im ersten Halbjahr netto rund 100.000 neue Privatkunden hinzugewinnen konnte. Dank der Erholung an den Kapitalmärkten legte zudem der Gewinn auch im Investmentbanking zu. Schwieriger lief es hingegen bei der erfolgsverwöhnten Mittelstandsbank.

Trotz des gestrigen Jubels an den Börsen halten die Spekulationen über die Zukunft von Blessing an der Spitze der Bank an. Immerhin setzte er nun die Verkleinerung des Vorstandes auch gegen internen Widerstand durch. Allerdings müssen die Verträge der beiden überflüssigen Topmanager noch aufgelöst werden. Wie es heißt, kann dies noch eine Weile dauern. Die Bundesregierung, die nach den Rettungsaktionen von 2008 und 2009 mit 25 Prozent an der Commerzbank beteiligt gewesen war und aktuell noch immer rund 17 Prozent des Kapitals hält, will vor der Wahl im September sicherlich keine öffentliche Debatte über möglicherweise hohe Abfindungszahlungen an geschasste Banker.

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