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Chinesische Arbeiter machen in einer Honda-Fabrik Pause. 

Weltwirtschaft

War es das mit der Globalisierung?

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Die Corona-Krise führt die Grenzen der eng verflochtenen Weltwirtschaft vor Augen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sieht die Welt vor einem Epochenwandel. Die Corona-Krise werde „die Natur der Globalisierung, wie wir sie seit 40 Jahren kennen, verändern“, verkündete Macron am Freitag in der „Financial Times“. Weniger apodiktisch, aber ebenso selbstgewiss klang EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, als sie kürzlich im europäischen Parlament eine Exit-Strategie skizzierte. In einem Nebensatz gab sie der Wirtschaft des Kontinents einen diskreten Rat. Künftige Investitionen, so von der Leyen, müssten so angelegt sein, dass sie die Abhängigkeit von einzelnen Staaten mindern. Lieferketten sollten verkürzt und diversifiziert werden.

Zuvor hatte bereits Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire französischen Unternehmern aufgetragen, ihre Handelsbeziehungen zu überprüfen – mit dem Ziel, Abhängigkeiten von China und Asien im Allgemeinen zu reduzieren.

In der Corona-Pandemie gerät der freie Warenverkehr ins Stocken. Regierungen und staatliche Akteure, die bisher auf die Unabhängigkeit des Marktes verwiesen, setzen diesem plötzlich Grenzen. Schlagartig treten Politikern und Unternehmern die Risiken grenzüberschreitender, weltweiter Produktion vor Augen. In Chinas Häfen stockt die Beladung von Containerschiffen, an europäischen Grenzen stauen sich die Lkw.

Ein jahrzehntelang um den Globus gesponnenes Handelsgeflecht erweist sich jetzt als Risiko. Corona zeigt die Grenzen der Globalisierung auf. Und die Wirtschaft zieht bereits Konsequenzen: Einer kürzlich durgeführten, weltweiten Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft E & Y zufolge will jeder zweite Konzern seine Lieferketten verändern. Wird die Globalisierung jetzt zurückgedreht? Diese bange Frage treibt jetzt viele hierzulande um. Schließlich fußt der Wohlstand Deutschlands auf dem Export seiner Waren.

Die Wirtschaft ist besorgt. „Corona und die politischen Antworten darauf haben die Wertschöpfungsketten massiv gestört“, sagt Stormy-Annika Mildner, zuständig für die Außenwirtschaftspolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie. „Ein Beispiel: Die EU-Kommission hat den Export von Schutzausrüstung an Nicht-EU-Staaten unter einen strengen Genehmigungsvorbehalt gestellt. Damit haben deutsche Unternehmen, die in den Vereinigten Staaten oder in China produzieren, plötzlich einen deutlich eingeschränkten Zugang zu Schutzausrüstungen aus Deutschland.“ Dies gefährde dann die Produktion. „Die politischen Reaktionen zur Eindämmung der Pandemie stehen mitunter im Widerspruch zu Bemühungen, die ökonomische Krise in den Griff zu bekommen“, sagt Mildner.

Ein Staat steht wie kein zweites im Fokus der Auseinandersetzung mit den Sollbruchstellen der Globalisierung: China. Das Land, in dem das Corona-Virus seinen Ausgang nahm, ist Deutschlands wichtigster Handels- und Importpartner. Der bis heute nicht behobene Mangel an Atemschutzmasken hierzulande ist das augenfälligste Beispiel für die Abhängigkeit Deutschlands von Importen aus China. Einer Abhängigkeit, die die deutschen Wirtschaft schon vor Corona plagte.

Die USA ziehen daraus längst Konsequenzen. „Decoupling“ lautet die Losung der US-Wirtschaft – die „Entkopplung“ vom chinesischen Markt steht weit oben auf der wirtschaftspolitischen Agenda. Sie begann nicht erst mit Donald Trump als US-Präsident, wird von ihm aber forciert. Der Handelsstreit zwischen den geopolitischen Rivalen setzt auch die Europäer unter Druck, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Der Streit um den Ausbau des 5G-Netzes unter Beteiligung des chinesischen Huawei-Konzerns ist dafür das prominenteste Beispiel.

„Schon der Handelsstreit zwischen den USA und China hat uns die Risiken globaler Lieferketten vor Augen geführt“, sagt Max Zenglein vom Mercator Institut für China-Studien in Berlin. „Im Unterschied zu Japan oder auch Taiwan, die bereits begonnen haben ihre Lieferketten auf den Prüfstand zu stellen, reagiert Europa noch zu langsam“, sagt er.

Doch auch hier sei allmählich Bewegung spürbar, beobachtet Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im EU-Parlament. „Viele Unternehmen verpflichten mindestens zwei Zulieferer für ein Teil und rücken vom ,Just in Time‘-Prinzip ab, indem sie Lagerkapazitäten aufbauen“, sagt der SPD-Politiker. Lange ist sich sicher: „China wird der große Verlierer dieser Krise sein, wir werden eine große Produktionsverlagerung sehen.“

„Einige behaupten, jetzt zeige sich das hässliche Gesicht der Globalisierung. Aber ich warne davor, ihr Ende auszurufen“, sagt der Sozialdemokrat. „Ohne Globalisierung und Investitionen gibt es keine ökonomische Entwicklung auf dieser Erde. Wir können die Globalisierung nicht zurückdrehen, aber wir können sie fair gestalten“, betont Lange.

Historischer Absturz

Chinas Wirtschaftist erstmals seit fast drei Jahrzehnten geschrumpft: Wegen der Corona-Krise sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den ersten drei Monaten des Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,8 Prozent, wie die nationale Statistikbehörde am Freitag mitteilte. Analysten schätzen das Minus sogar noch höher und warnen, so schnell werde eine Erholung wegen fehlender Nachfrage auf dem Weltmarkt nicht einsetzen.

Der Rückgangdes BIP ist der stärkste seit Beginn der Veröffentlichung von Quartalszahlen seitens der chinesischen Führung Anfang der 90er Jahre. Im letzten Quartal 2019 war das BIP offiziellen Angaben zufolge noch um sechs Prozent gewachsen. afp

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