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Gita Gopinath in dieser Woche auf dem Frühjahrestreffen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds.

Gita Gopinath

Die Undogmatische

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Als erste Frau leitet Gita Gopinath die Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds. Sie stellt herrschendes Denken gerne in Frage und könnte damit einiges in Bewegung bringen.

Gita Gopinath ist besorgt. „Das ist ein heikler Moment für die Weltwirtschaft“, kommentiert die neue Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds die globale konjunkturelle Lage. Da sind die Handelsstreits, der Brexit, die Probleme der deutschen Autoindustrie oder überschuldete Staaten und Firmen. Ein gefährlicher Cocktail, der aus Sicht Gopinaths dazu führt, dass sich das globale Wachstum weiter verlangsamt. Auf der Frühjahrstagung des IWF und der Weltbank in Washington stimmte die Ökonomin Regierungen und Notenbanker in dieser Woche darauf ein, dass sie die Konjunktur stützen müssen – mit Mehrausgaben und einer lockereren Geldpolitik.

Gopinaths Urteil hat Gewicht. Sie bekleidet als Chefökonomin und Leiterin der Forschungsabteilung des IWF eine herausragende Position in der Weltwirtschaft. Es ist das erste Mal, dass eine Frau dieses Amt innehat.

Der Währungsfonds soll die Weltwirtschaft stabil halten. Er kann Kredite gewähren, wenn ein Staat in Zahlungsprobleme gerät, und im Gegenzug Reformen verlangen. Welche Wirtschaftspolitik weltweit durchgesetzt wird, entscheiden damit auch Gopinath und ihre Mitarbeiter.

Selbstbewusster Auftritt

IWF-Chefin Christine Lagarde gab sich sehr erfreut, als sie Gopinath im Januar dieses Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorstellte. Nervosität, falls vorhanden, ließ die Neue sich auf dem Gipfel der Reichen und Mächtigen nicht anmerken. Ohnehin hat sie bereits eine beeindruckende akademische Karriere mit Ausflügen in die Politikberatung hinter sich.

Geboren im indischen Kalkutta, lebt Gopinath seit den 1990er Jahren in den USA, weshalb sie beide Pässe besitzt. Sie promovierte bei den Wirtschaftsforschern Kenneth Rogoff, ehemals selbst IWF-Chefökonom, und Ben Bernanke, dem früheren Präsidenten der US-Notenbank Fed. Mit Rogoff verfasste sie ein Lehrbuch für Ökonomie. Bis vor Kurzem arbeitete Gopinath als Professorin an der renommierten Harvard-Universität. Ihre dortigen Forschungsergebnisse könnten darauf hindeuten, dass manche Einschätzung des IWF künftig anders ausfallen wird als bisher.

In Fachkreisen gilt Gopinath als undogmatisch. Auf Basis von Daten aus dem echten Leben stellt sie gerne herrschendes ökonomisches Denken in Frage. Ein Beispiel: In der Wirtschaftswissenschaft war lange Konsens, dass Länder ihre Exporte fördern können, indem sie ihre eigene Währung im Vergleich zu anderen Währungen abwerten. Das funktioniere jedoch weniger gut als gedacht, haben Gopinaths Forschungen ergeben. Grund: Ein großer Teil des Welthandels werde in US-Dollar abgerechnet. Der Einfluss anderer Währungen auf den internationalen Handel und die Austauschverhältnisse sei damit auch praktisch begrenzter als vermutet. Dieser Befund hat das Zeug dazu, die bisherige IWF-Empfehlung an Gläubigerstaaten zu erschüttern, ihre Wechselkurse flexibel zu halten.

Keine Berührungsängste

Außerdem trug Gopinath dazu bei, die europäische Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2010 besser zu erklären. Ihre These: Die Einführung des Euro in Südeuropa, der nachfolgende starke Kapitalzustrom und die zu niedrigen Zinsen hätten den Produktivitätszuwachs der dortigen Unternehmen gebremst. Eine mögliche Konsequenz daraus könnte lauten, dass der IWF künftig Kapitalverkehrskontrollen befürwortet, die er früher für Teufelszeug hielt.

Einer von mehreren Ausflügen in die Politikberatung brachte Gopinath der Wirtschaftsagentur Bloomberg zufolge ab 2016 mit der Regierung des indischen Bundesstaates Kerala zusammen. Diese wird von einer Koalition getragen, in der Kommunisten das Sagen haben. Darauf angesprochen, habe die Ökonomin sich darüber gewundert, dass die Zusammenarbeit überhaupt als problematisch betrachtet werde. Für sie geht es nicht um Ideologie, sondern um funktionierende Wirtschaftspolitik.

Frühjahrstagung

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat davor gewarnt, die wirtschaftliche Lage in Deutschland schlecht zu reden. Der SPD-Politiker erteilte am Freitag zugleich Forderungen nach Konjunkturprogrammen eine Absage. Scholz sagte auf der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank, zwar habe sich das Wachstum verlangsamt. „Aber es ist unverändert ein Wachstum.“

Die chinesischen Exporte sind trotz des Handelskrieges mit den USA im März unerwartet stark gestiegen. Nach einem Einbruch im Februar legten die Ausfuhren in Dollar berechnet um 14,2 Prozent zu im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das deutet auf eine Erholung der chinesischen Wirtschaft hin. (dpa)

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