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Unternehmenskultur

„Es gibt keine Verlässlichkeit mehr“

  • Daniela Vates
    vonDaniela Vates
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Georg Nüßlein, Vize-Chef der Unions-Fraktion im Bundestag, fordert einen besseren Umgang von Konzernen mit Zulieferern und Mitarbeitern und Gegenleistungen für Staatshilfen.

Preisdrückerei bei Lieferanten, Mitarbeiter nur als Kostenfaktor, Ausrichtung an Quartalsberichten statt an Qualität – nach Einschätzung von Unions-Fraktionsvize Georg Nüßlein liegt bei deutschen Konzernen einiges im Argen. Er fordert eine neue Unternehmenskultur. Die könne die Politik nun angesichts von Corona-Hilfspaketen mehr denn je einfordern.

Herr Nüßlein, der Bund greift Konzernen mit Milliardenhilfen unter die Arme. Geht das ohne Bedingungen?

Es ist richtig, alles zu versuchen, die Konjunktur wieder in Schwung zu bekommen. Es ist auch richtig, Schlüsselbranchen wie die Autoindustrie zu unterstützen. Es gehört aber dazu, dass die unterstützte Seite ihre Verantwortung wahrnimmt. Das passiert häufig nicht. Es kann Auflagen geben. Aber wir brauchen vor allem auch eine neue Unternehmenskultur. Da ist die Krise eine Chance.

Was meinen Sie?

Drei Dinge müssen sich bei den großen Konzernen ändern: Der Qualitätsanspruch muss wieder ein anderer werden, der Umgang mit den Lieferanten und der mit den Mitarbeitern. Etliche Unternehmen werden nach wie vor nicht nachhaltig genug geführt, sondern sind zu sehr auf Kurzfristigkeit ausgerichtet. In den Chefetagen bestimmen die Ideen von Unternehmensberatern. Es geht nicht ausreichend um das Produkt, schon gar nicht um disruptive Innovationsprozesse. Man hangelt sich von Quartalsbericht zu Quartalsbericht und hat außerdem noch die Laufzeit des eigenen Vertrags im Kopf. Zu den deutlich längerfristigen Innovationszyklen passt das nicht. Also widmet man sich zum Beispiel dem Auto der Zukunft allenfalls am Rande. Technische Umstellungen machen mehr Stress als die Cash-Cows der aktuellen Produktserie zu melken.

Was kritisieren Sie am Umgang mit Lieferanten?

Zulieferer berichten, dass sich große Konzerne an nichts halten. Die „Handschlag“-Kultur und der Anspruch des „ehrbaren Kaufmanns“ gelten nicht mehr. Da werden Preise bis zum Anschlag gedrückt, Zusammenarbeiten nach Gutdünken aufgekündigt. Es gibt keine Verlässlichkeit mehr. Die Großkonzerne vieler Branchen befinden sich auf einem Höhenflug, in dem sie sich nach wie vor als die Schönsten und Tollsten betrachten, nach denen sich alles zu richten hat. Das hat Konsequenzen. So ist etwa die Hälfte der Auto-Zulieferer in schwierigem Fahrwasser. Einen großen Teil der Ursachen davon kann man auf Corona und den schwierigen Markt schieben. Aber viel hat auch damit zu tun, wie die großen Hersteller mit ihren Zulieferern umgehen. Von Partnerschaft kann man da selten reden.

Was hat das mit dem Qualitätsanspruch zu tun?

Georg Nüßlein.

Deutsche Produkte wie Autos werden gekauft, weil sie Qualität versprechen. „Made in Germany“ steht für diese Erwartung. Der Qualitätsanspruch hat gelitten, weil man meinte, grundsätzlich weltweit einkaufen zu müssen – und dann hat man sich gewundert, dass die Dinge nicht mehr richtig zusammenpassen. Die Rückrufe bei deutschen Automarken belegen das beispielhaft. Die deutsche Wirtschaft muss sich wieder stärker auf das Prinzip „Made in Germany“ rückbesinnen. Wir können Qualität besser als andere. Den Wettbewerb um das billigste Produkt können wir nicht gewinnen.

Wie könnte das deutlich werden?

Zur Person

Georg Nüßlein,51, sitzt seit 2002 für die CSU im Deutschen Bundestag. Seit 2014 ist der studierte Ökonom und promovierte Jurist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Ein Garantiewettbewerb wäre eine gute Möglichkeit. Wer in Deutschland ein Produkt auf den Markt bringt, sollte gesetzlich verpflichtet werden, dafür einen Garantiezeitraum zu nennen. Der könnte theoretisch auch bei null liegen. Dass sich so ein Produkt aber lange am Markt behaupten könnte, halte ich für fraglich. Denn Hersteller, die auf Qualität setzen und lange Garantiezeiten einräumen, könnten beim Produktvergleich durch die Konsumenten klar punkten. Mit mehr Transparenz würde Schrottproduktion am Markt schnell aussortiert. Für die Umwelt wäre das auch ein Segen.

Beim Umgang mit Mitarbeitern haben zuletzt vor allem Schlachthöfe Schlagzeilen gemacht.

Manche Schlachthöfe sind da nur das Extrembeispiel. Dumpingpreise dürfen nicht zu verantwortungslosen Produktionsbedingungen führen, gerade nicht beim Fleisch, wo es auch um Ethik geht. Deshalb fordere ich einen Preiswerbestopp für Fleisch. Aber auch anderswo sind die Mitarbeiter außer Blick geraten. Bei der Mitarbeiterschaft muss wieder in Generationen gedacht werden, wie es im Mittelstand üblich ist. Die Mitarbeiter dürfen nicht nur eine Zahl auf dem Papier sein, nicht nur ein Kostenfaktor. Sie sind auch ein Wert an sich – mit all ihren Fachkenntnissen und mit ihrem reichen Wissen um die Abläufe in einem Unternehmen. Und hinter ihnen stehen Familien. Das darf nicht vergessen werden, auch und erst recht nicht in Krisen. Wenn die Unternehmenskultur stimmt, stimmt die Qualität wieder und Skandale sind seltener.

Lassen Sie uns über die Auflagen sprechen. Sind Ausschüttungen an Aktionäre in Ordnung?

Es lässt sich in einer Krisenphase nicht rechtfertigen, wenn Firmen Gewinne an ihre Aktionäre ausschütten und dann Staatshilfen erwarten. Gerade Anteilseigner haben ein eigenes Interesse, ihr Unternehmen vor der Pleite zu retten. Es kann nicht sein, dass Dritte Geld geben müssen und Aktionäre Kapital aus dem Unternehmen abziehen, das in so einer Krise eine gute Rücklage wäre.

Sollten staatliche Hilfen daran geknüpft werden, dass in Unternehmen keine Boni gezahlt werden?

Es ist sicherlich weiterhin in Ordnung, wenn Mitarbeiter für gute Arbeit Zusatzzahlungen bekommen. Über Boni für Vorstände müssen wir aber diskutieren. In der Finanzkrise haben wir bei den vom Staat unterstützten Banken die Managergehälter auf 500 000 Euro beschränkt. Natürlich ist die Situation in der Corona-Krise anders, weil die Probleme ja in den allermeisten Fällen nicht Folge von Missmanagement sind. Trotzdem muss sich die Hilfe des Staates in irgendeiner Form auch beim Gehalt der Unternehmensspitzen niederschlagen: Millionengehälter werden mit hoher Verantwortung begründet. Diese Verantwortung fürs Unternehmen muss auch greifen, wenn etwas schief geht, egal aus welchem Grund.

Kann die Politik mehr als Denkanstöße geben?

Wenn man mit Geld unterstützt, hat man einen mächtigen Hebel, eine neue Unternehmenskultur einzufordern. Wir sollten als Gesetzgeber aber noch zusätzliche Leitplanken einziehen. Ein Beispiel ist der Markt für Medikamente. Ich will, dass wir sicherstellen, dass bei Ausschreibungen Pharmaprodukte mit europäischen Lieferketten bevorzugt zum Zuge kommen. Das ist in diesem sensiblen Bereich rechtlich möglich und hilft der Wirtschaft bei der Umsetzung des hohen Anspruchs, den ich gerade definiert habe.

Interview: Daniela Vates

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