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„Politiker glauben, dass ihre Wähler nicht in der Lage sind zu verstehen, worum es geht.“

Wärmewende

„Es gibt keine Silver Bullet“

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Der Deutschlandchef des Technologieunternehmens Danfoss, Ole Møller-Jensen, über guten Klimaschutz in Dänemark, alte Ölheizungen und die notwendige Wärmewende.

Bei der Diskussion über den Klimaschutz wird der Wärmesektor häufig übersehen – dabei werden für Heizungen, Warmwasser und industrielle Prozesse gigantische Mengen Energie verbraucht. Für Ole Møller-Jensen, Deutschlandchef des dänischen Technologieunternehmens Danfoss, braucht es vor allem einen gesellschaftlichen Konsens, um bei der Wärmewende voranzukommen.

Herr Møller-Jensen, in Deutschland wird momentan über eine CO2-Steuer diskutiert. Ist die die Lösung aller Probleme?
Nein, bestimmt nicht. Wobei wir klar der Meinung sind, dass CO2 einen Preis haben muss, weil dies gesellschaftlich eine Lenkungswirkung hat. Es kommt natürlich darauf an, wie sie aussieht, was es zum Beispiel für Entlastungen auf der anderen Seite gibt. Aber es gibt keine Patentlösung, keine Silver Bullet. Lange Zeit haben viele Leute gedacht, wir stellen alles – Autos, Heizungen und so weiter – auf Erdgas um, und dann ist alles erledigt. Dann dachte man, alles zu Elektrifizieren bringt die Lösung. Oder man macht Wärmedämmung für Häuser, und alles ist erledigt. Die richtige Antwort kann nur eine Summe von vielen Aktivitäten sein.

Zur Person

Ole Møller-Jensen arbeitet seit 1978 durchgehend für das dänische Unternehmen Danfoss. Seit 2015 ist er Geschäftsführer des deutschen Ablegers sowie Chef für die Region Zentraleuropa. Danfoss ist hierzulande vor allem als Spezialist für Heizungsthermostate bekannt. Das Unternehmen ist darüber hinaus Weltmarktführer bei zahlreichen Lösungen in den Bereichen Kälteerzeugung, Klima, Heizung und Motorenregelung.

Ist beim Klimaschutz der öffentliche Diskurs so oberflächlich, weil das Thema zu komplex ist?
Die Ursache ist nach meiner Ansicht eine andere: Politiker glauben, dass ihre Wähler nicht in der Lage sind zu verstehen, worum es geht. Dabei gibt es in Deutschland kaum dumme Menschen, die mit der Komplexität des Klimaschutzes überfordert sind. Politiker müssen lernen, die Bürger als erwachsene Menschen anzusprechen. Dann wird das schon funktionieren.

Das besondere Problem der CDU ist offenbar, dass sie Angst hat, bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland Stimmen an die AfD zu verlieren, die den Klimaschutz ablehnt. Können Sie das nachvollziehen?
Wenn die AfD auf 20 Prozent kommt, dann gibt es immer noch 80 Prozent, die für den Klimaschutz sind. Ich fordere deshalb einen Konsens von CDU, SPD, FDP und Grünen. In Dänemark funktioniert das auch. Im Klimaschutz hierzulande fehlt es an einem Konsens der Willigen und Konsequenz in der Umsetzung.

Über die Wärmewende wird kaum diskutiert. Warum nicht? 
Die Stromwende mit dem Ausbau der Erneuerbaren ist wichtig, aber mindestens genauso wichtig ist die Wärmewende. Auch der Wärmesektor ist ein riesiger Energieverbraucher und hier können alle Energieträger zusammengeführt werden. Außerdem ist der Wärmesektor ideal zur Einbindung von Erneuerbaren Energien und Abwärme. Der zentrale Punkt ist Energieeffizienz. Der Gebäudebereich muss seinen Wärmeverbrauch drastisch reduzieren und konventionelle Kraftwerke etwa sollten immer Strom und Wärme gleichzeitig erzeugen, weil sie dann einen Wirkungsgrad von 90 Prozent erreichen.

Immerhin muss bei jedem Neubau mit Wärmedämmung gearbeitet werden. Klimafreundliche Wärmepumpen kommen zum Einsatz. Da passiert doch was.
Das stimmt. Aber es wird schnell vergessen, was mit den Bestandsimmobilien geschehen soll. Das ist die erheblich wichtigere Aufgabe. Wir haben bei den Heizungen für Wohngebäude eine jährliche Erneuerungsrate von einem Prozent. Wenn wir mit der Geschwindigkeit weitermachen, erreichen wir nie die Klimaschutzziele. Wir müssten die Rate mindestens verdoppeln.

Aber können Sie nicht nachvollziehen, dass der Besitzer eines alten ungedämmten Hauses mit Ölheizung kein Interesse hat, eine Wärmepumpe für 20 000 Euro zu installieren?
Das kann ich verstehen. Aber diese Zurückhaltung hat auch damit zu tun, dass die Leute unsicher sind, ob eine neue klimafreundliche Heizung wirklich sinnvoll ist. Das hat wiederum damit zu tun, dass sich die Politik nicht auf einen Klimaschutzplan einigen kann, der eine Vielzahl von Maßnahmen beinhaltet. Und zu diesem Plan müssen natürlich auch staatliche Zuschüsse und steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten gehören.

Unternehmen könnten ihren Energiebedarf um etwa ein Drittel im Schnitt senken und zwar mit bekannten Technologien. Diese Investitionen würden sich in spätestens drei Jahren bezahlt machen. Warum nutzen Unternehmen das nicht?
Weil Geschäftsführer sich fragen müssen, ob sie in Energieeffizienz mit einer Amortisationszeit von drei Jahren oder etwa in neue Produktionsverfahren mit einer Amortisationszeit von einem Jahr investieren sollen. Die Antwort liegt auf der Hand. Deshalb muss es auch für Firmen finanzielle Anreize geben.

Woher soll das Geld für diese Subventionen kommen?
Wir haben schon eine große Geldsammelstelle. Die Einnahmen aus der EEG-Umlage, mit der die Stromkunden die Förderung der erneuerbaren Energien finanzieren. In diesen Topf müssen jährlich mehr als 24 Milliarden Euro eingezahlt werden. Häufig kann der so erzeugte Strom nicht genutzt werden, weil die Netze fehlen. Zumindest bis dieses Problem gelöst ist, wäre es möglich, dieses Geld anders zu verteilen. Außerdem drohen dem Bund für das Verpassen der Klimaziele Strafen in Brüssel. Statt Strafen und Zusatzbelastung für die Bürger, wäre eine bessere Verteilung der Mittel sinnvoll.

Und würden Sie ernsthaft auch neue Ölheizungen zulassen?
Natürlich. Es gibt ländliche Regionen ohne Gas- oder Fernwärmeanschluss, wo Ölheizungen noch immer die beste Lösung sind. Aber es müssen moderne sein, denn die sind viel, viel effizienter. Eine 30, 40 Jahre alte Ölheizung gegen eine neue auszutauschen ist ein klarer Beitrag zum Klimaschutz. Ölkessel zu verbieten, ist bestimmt der falsche Weg. Mit solchen Restriktionen würden Sie einen gesellschaftlichen Klimakonsens torpedieren. Aber: In unserem Szenario muss der Hauseigentümer überlegen, ob er sich die billige Ölheizung mit hohen Brennstoffkosten oder eine Wärmepumpe anschafft, für die es eine großzügige staatliche Förderung gibt, die erhebliche geringere Betriebskosten bringt und zugleich den Wert der Immobilie massiv steigert.

In Ihren Heimatland Dänemark werden vom nächsten Jahr an neue Ölheizungen verboten...
Dabei müssen Sie aber auch bedenken, dass die Dänen einen weiten Weg hinter sich haben. Die Politik hat schon vor mehr als 40 Jahren einen Langfristplan vorgelegt und wir haben alle gemeinsam entschieden, Fernwärme zu fördern. In ganz Dänemark sind zwei Drittel aller Gebäude an die Fernwärme angeschlossen. Sie ist insbesondere in Ballungsgebieten als extrem effizientes und klimafreundliches System gut einsetzbar. Darüber wird hierzulande gar nicht diskutiert. Meine Forderung ist: Wenn eine Straße aufgebaggert wird, dann sollte buchstäblich etwas tiefer gegraben werden, um Rohre für Fernwärme zu verlegen.

Aber Investitionen in Fernwärme sind teuer. Zudem hat Fernwärme ein schlechtes Image.
Das ist ein gesellschaftliches Thema. Fernwärme funktioniert in Dänemark, weil sich alle Parteien einst für einen Anschlusszwang entschieden haben – ich weiß, das ist ein schreckliches Wort – was dahinter steht, ist Konsens und Solidarität. Wenn alle angeschlossen sind, wird das Konzept wirtschaftlich und die Kosten sinken für alle. Die Wärme an sich ist nämlich billig und klimafreundlich.

Und wie müssen wir dann den Wärmemarkt organisieren?
Wir können den Wärmemarkt ähnlich wie den Strommarkt organisieren. Wärme wird an einer Börse nach den Erzeugungskosten der Anbieter offeriert. In so einem Mechanismus kann die Abwärme eines Supermarktes, eines Industriebetriebes oder Erneuerbare Energien vermarktet werden. Für Städte würde der Anreiz geschaffen, große Netze zu bauen, weil ein enormes Angebot an preiswerter Wärme entstehen kann. Eine ganz neue Dynamik würde entfacht.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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