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Carlos Ghosn im April 2019 bei seiner Entlassung aus der U-Haft.

Kinoverdächtige Flucht

Ghosn flüchtet in den Libanon

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Carlos Ghosn, der Ex-Chef von Renault-Nissan, entzieht sich auf rätselhafte Weise Japans Justiz. Floh der 65-Jährige in einer Kiste in den Libanon?

Wie schleicht sich jemand von den japanischen Inseln herunter? Wer ins Ausland möchte, ist auf Flugzeuge und Schiffe angewiesen; die Passkontrollen sind notorisch streng. Die drei Pässe von Carlos Ghosn liegen jedoch immer noch bei seinem bass erstaunten japanischen Anwalt unter Verschluss. Zudem stand er rund um die Uhr unter Bewachung der Polizei – schließlich war er nur auf Kaution frei. Trotzdem ist es dem ehemaligen Chef der Autohersteller Renault und Nissan am Silvestertag gelungen, aus Tokio in den Libanon zu fliehen. Der Wirtschaftskrimi um den tief gefallenen Firmenchef wird immer kinoverdächtiger.

Ghosn, 65, soll sich in der Kiste für ein Musikinstrument versteckt haben, berichtete am Neujahrstag der Sender Murr Television aus dem Libanon. Zuvor soll eine Band bei ihm zu Hause aufgetreten sein. Danach hat er das Land in einem Privatflugzeug verlassen haben, lautet die Spekulation weiter. Glaubwürdige Quellen konnte der Sender nicht nennen.

Das „Wall Street Journal“ berichtet derweil, Ghosns Flucht seien mehrere Wochen der Planung durch seine Frau Carol vorausgegangen. Die französische Zeitung „Le Monde“ will wissen, dass die Brüder der Gattin in der Türkei eine Rolle gespielt haben und er in den Libanon mit seinem Personalausweis eingereist sei.

In Japan drohte Ghosn eine Haftstrafe, weil er sich auf Kosten von Nissan bereichert haben soll. Seine filmreife Flucht bringt nun auch Frankreich in eine Dilemma: Ghosn ist unter anderem französischer Staatsbürger. Doch die Regierung in Paris kann es nicht einfach gutheißen, wenn er sich einfach der japanischen Justiz entzieht – immerhin handelt es sich um ein wichtiges Partnerland und um einen Rechtsstaat. Außerdem wollen beide Seiten die Zusammenarbeit von Renault und Nissan erhalten.

Die Anklage hat durchaus gute Argumente für sich. Wie würde es in Deutschland wohl herüberkommen, wenn VW für die Frau seines Chefs eine dekadente Party mit dem Motto „Marie Antoinette“ am Originalschauplatz in Paris bezahlen würde? Und dazu noch ein Apartment in Rio voller erlesener Kunst, und ein palastartiges Anwesen in Beirut?

Weil Ghosn sein reguläres Gehalt von 15 Millionen Euro im Jahr nicht genug war, hat er die Firma dazu gebracht, ihn zusätzlich in Naturalien zu entlohnen. Der US-Börsenaufsicht zufolge summierten sich die Vorteile auf einen Gegenwert von erstaunlichen 120 Millionen Euro. Ob das alles legal war, hätte im neuen Jahr ein Gericht in Tokio entschieden. Wenn Ghosn nicht abgehauen wäre.

Ghosn war in Japan nicht einfach ein Manager, er war eine polarisierende Figur und Teil eines Kulturwandels. Als Nissan-Chef scheute er sich nicht, Mitarbeiter zu entlassen, um Kosten zu sparen – und brach damit das japanische System lebenslanger Festanstellung auf. Anders als die chronisch bescheidenen Unternehmensführer des Landes gönnte er sich ein dickes Gehalt und Zulagen.

Ghosn erntete damit Bewunderung im Sinne von „Leistung soll sich lohnen“, aber auch ebenso viel Kritik für die Schaffung einer Unternehmenskultur, die nicht zu dem Land passe. Mit alldem habe die Anklage aber nichts zu tun, versichert die Staatsanwaltschaft in Tokio: Es geht um konkrete Verstöße gegen Börsen- und Steuerregeln.

Ghosn selbst sieht sich als die verfolgte Unschuld. „Ich fliehe nicht vor der Justiz, sondern vor der Unrechtsjustiz“, teilte er kurz nach seiner Flucht mit. Der Wirtschafts-Promi erhielt in Japan keine Sonderbehandlung und musste während der Untersuchungsphase regulär in den Knast. Erst gegen eine Kaution von zehn Millionen Euro kam er frei. Das Geld ist jetzt futsch. Im Libanon ist er dagegen vor dem Gefängnis sicher. Er gilt dort als Held, einen der Ihren, den die Japaner völlig zu Unrecht angeklagt haben.

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