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Sinische Horvath, Betriebsratsvorsitzender beim Chemieriesen BASF, lobt den neuen Ansatz.

Gewerkschaft IG BCE

Mehr Zeit statt mehr Lohn

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Die Chemiegewerkschaft IG BCE setzt in den Tarifverhandlungen einen frischen Akzent.

Wenn an diesem Montag die bundesweite Chemie-Tarifrunde startet, stehen nicht nur Lohnprozente auf der Agenda. Die Gewerkschaft IG BCE fordert außerdem ein sogenanntes Zukunftskonto, das den Beschäftigten flexiblere Arbeitszeiten und mehr Freizeit bringen soll. „Der eine möchte sich individuell freinehmen, andere würden es für die Rente ansparen oder irgendwann ein Sabbatical nehmen“, sagt Sinischa Horvat, Betriebsratschef bei BASF. „Das kommt bei uns sehr gut an.“

Die Arbeitgeber haben für die Wünsche der Gewerkschaften allerdings überhaupt kein Verständnis. In den regionalen Gesprächen, mit denen die Chemiebranche ihre Tarifrunde traditionell beginnt, lehnten sie das Zukunftskonto als nicht finanzierbar ab. Der Arbeitgeberverband BAVC warnt vor überzogenen Forderungen und bringt sogar eine Nullrunde ins Gespräch. Diese „würde niemanden ins Unglück stürzen“, sagte Verhandlungsführer Georg Müller jüngst der „Rheinischen Post“. Die exportabhängige Chemieindustrie verweist auf die Handelskonflikte und eine deutlich abgekühlte Konjunktur.

Die IG BCE hält dagegen: Ihr gehe es um die Krisenfähigkeit der Industrie auf längere Sicht, erklärt die Gewerkschaft. Sie fordert unter anderem eine Qualifizierungsoffensive angesichts der Digitalisierung und die bundesweit erste tarifliche Zusatzversicherung für den Pflegefall. Auf eine konkrete Prozentforderung hat die Gewerkschaft in diesem Jahr bisher verzichtet, fordert aber eine „reale Lohnerhöhung“.

Auch müsse für Entlastung der alternden Belegschaften gesorgt werden, wofür das sogenannte Zukunftskonto das zentrale Instrument sei. Jeder der rund 580 000 Beschäftigten soll ein solches Konto bekommen. 1000 Euro jährlich würden die Arbeitgeber losgelöst vom Gehalt einzahlen. Die Beschäftigten wiederum dürften dann wählen, ob sie die Summe ausbezahlt bekommen oder in freie Tage umwandeln. Sie könnten auch auf dem Zukunftskonto sparen, um irgendwann auf einen Schlag in den Genuss der Vorzüge zu kommen. Dass die Forderung bei der IG BCE zuletzt viel Zuspruch bekam, hat dem Vernehmen nach aber den einen oder anderen Gewerkschafter überrascht.

Der Wunsch nach flexibleren und kürzeren Arbeitszeiten gewinne spätestens seit den jüngsten Abschlüssen in der Metallindustrie allerorten an Bedeutung, sagt die Göttinger Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja. Sie erklärt das vor allem mit zunehmender Arbeitsverdichtung und wachsendem Stress. „Projektarbeit mit Zielvereinbarungen, bessere Software zur Dokumentation von Arbeit oder das stetige Betonen von Standortkonkurrenz und Shareholdervalue haben ihre Spuren bei den Beschäftigten hinterlassen“, sagt die Wissenschaftlerin und verweist auf den „Index Gute Arbeit“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes, demzufolge zuletzt 41 Prozent der Befragten angaben, nach der Arbeit zu erschöpft zu sein, um ihre Freizeit genießen zu könne. „Das ist wirklich viel“, meint Mayer-Ahuja.

Aus ihrer Sicht sind die Forderungen in der Chemie auch ein Versuch der Gewerkschaft, wieder mehr Einfluss auf die Arbeitsgestaltung zu gewinnen. Dass das bei Beschäftigten gut ankommt, überrascht Mayer-Ahuja nicht. Schließlich wählten etwa ältere Arbeitnehmer bislang nur individuelle Strategien für den Umgang mit zu hoher Belastung. „Also meist Teilzeit mit Lohnverzicht oder Frühverrentung mit Einkommenseinbußen“, wie die Wissenschaftlerin sagt.

Ob die Arbeitgeber den Zukunftskonten zustimmen, bleibt abzuwarten. Das Konzept kommt etwa einer Lohnerhöhung um 1,8 Prozent gleich, hat der Arbeitgeberverband BAVC ausgerechnet. Dass die Beschäftigten weniger arbeiten wollen, stößt aber aus einem anderem Grund auf Skepsis: Es könnte schwer werden, Ersatz zu finden für Beschäftigte, die zu Hause bleiben.

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