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Die Deutschen essen rund 1,1 Milliarden Bioeier pro Jahr - doch die Idylle endet spätestens, wo der Import beginnt.

Tierschutz

Ekel-Eier: Getarntes Hühnerleid

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Deutsche Verbraucher essen überwiegend Eier aus Bio- und Freilandhaltung – so glauben sie. Doch Eier in verarbeiteten Produkten kommen meist aus quälender Haltung in Drittstaaten.

Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm. Durch die Masse Tausender auf engstem Raum eingepferchten Leiber geht ab und zu ein Ruck, die Eingesperrten hacken aufeinander ein, versuchen auszubrechen, drücken einander an die Gitterstäbe. Sie treten dabei auf Leichen, die schon so lange in den Käfigen liegen, dass sie halb verwest sind.

Legebatterien, in denen Zehntausende Hennen ununterbrochen zum Eierlegen gebracht werden, bis sich ihre Legedärme lösen und herausfallen; gezwängt in Metallkäfige, die zu Regalen aufgetürmt sind – das sind Zustände, die in Deutschland seit zehn Jahren verboten sind.

Die Bilder, die Tierschützer dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ zugespielt haben und die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorab vorliegen, stammen aus der Ukraine, aus einer Legefabrik des Agrarkonzerns „Ovostar Union“ bei Wassylkiw, rund 40 Kilometer südwestlich von Kiew. Die Firma will sich auf Anfrage nicht dazu äußern. Doch die Aufnahmen zeigen, was die Lebensmittelhersteller dem deutschen Verbraucher lieber verschweigen: Noch immer profitieren auch hiesige Händler und Konsumenten von massiver Tierquälerei.

Seit sich die Deutschen vom Käfigei abgewendet haben, die Politik die schlimmste Quälerei verboten und die Branche ein Kennzeichnungssystem entwickelt hat, wird jedes einzelne Frischei über einen Stempelcode als Produkt aus Boden-, Freiland- oder Biohaltung ausgewiesen.

Heute fühlt sich die hiesige Geflügelbranche als Vorreiter im Tierschutz: Von den 45 Millionen Legehennen in Deutschland werden nur fünf Prozent in jenen Nachfolgern der Legebatterie gehalten, die Deutschland nur noch bis nächstes Jahr erlaubt, die EU bis 2025: „Kleingruppenkäfige“, die etwas mehr Platz als die noch engeren Legebatterien bieten und die mit Einstreu, Nest und Sitzstangen „gestaltet“ sind. Dominant sind in Deutschland längst Boden- und Freilandhaltung, zugleich wächst der Bioanteil. Er ist bereits bei zwölf Prozent angelangt, der Kunde zahlt gern einen Aufpreis. Immerhin kann er sich so ein reines Gewissen leisten.

Aber so einfach ist es nicht. Zwar gibt es sie tatsächlich, die Idylle, die die Bilder auf den Biokartons verströmen. Wer sie erleben will, muss zum Beispiel das Ehepaar Anna und Lukas Propp auf ihrem Bauernhof im Örtchen Selow zwischen Rostock und Bützow besuchen. Auf 50 Hektar halten die Propps 6600 Legehennen, den Hof hat Anna Propp (32) vor sieben Jahren von ihrem Großvater geerbt und mit ihrem Mann Lukas (32), einem studierten Landwirtschaftsmeister und Betriebswirt aus Hannover, zu einem Biobetrieb umgebaut.

Hier kann man tagsüber den Hennen zusehen, wie sie über grüne Wiesen laufen, im Boden scharren, sich um Würmer balgen. Sie haben dichtes braunes Gefieder, kräftige Füße, huschen in Herden über das Gras. Dazwischen läuft Lukas Propp mit einem großen Korb und streut Futter aus Getreide und Kleegras – aus eigenem Anbau. Die Nacht verbringen die Hühner auf Stangen im Stall, der ebenfalls auf der Wiese steht: Auf Kufen, damit der „mobile Stall“ weitergezogen werden kann, wenn das Gras abgefressen und zerscharrt ist. „Bei uns leben glückliche Hühner“, sagt Anna Propp.

Neun Angestellte sammeln und verpacken die Eier, versorgen die Hennen – und die Hähne. Denn zu jeder Henne wird ein Bruderhahn gemästet: Das ist teurer, als die männlichen Küken zu schreddern oder zu vergasen, wie es bei Legehennenrassen sonst üblich ist, weshalb die Propps ihre Eierpreise auf 50 Cent pro Stück erhöht haben. Die Nachfrage ist dennoch riesig. Rund 70 Prozent gehen an Biomärkte in Berlin, und auch in der Region steigt der Bedarf. Bio wächst und wächst, sagt der Branchenverband, durchaus stolz. Inzwischen essen die Deutschen rund 1,1 Milliarden Bioeier pro Jahr.

Doch die Idylle endet spätestens, wo der Import beginnt. Denn nur 69 Prozent der hierzulande verbrauchten Eier stammen aus Deutschland – und in den anderen EU-Ländern sind die gestalteten Käfige noch Standard. In Frankreich leben darin mehr als 27 Millionen Hühner, in Spanien mehr als 35, in Polen mehr als 40 Millionen.

Hinweis

Diese Recherche entstand in Kooperation mit dem ZDF-Magazin „Frontal 21“. Die dreiteilige Dokumentations-Serie „Achtung, Essen!“ ist ab sofort in der ZDF-Mediathek unter www.zdf.de abrufbar.

Noch gravierender ist, dass die Herkunftsstempel nur auf frische Schaleneier kommen. Sobald das Ei verarbeitet und als Zutat verwendet wird, gibt es keine Kennzeichnung mehr – und auch kein Verbot von Käfigeiern. Laut Geflügelverband stammt der größte Teil der ausländischen Eier, die so verarbeitet werden, aus EU-Käfighaltung – gefolgt von einem bedeutenden Anteil aus Drittstaaten, wo die altmodische Legebatterie noch der Standard ist. So kommt ein Drittel der Eiimporte aus der Ukraine, wo das Geschäft mit Käfigeiern boomt – und laut Tierschützern Zustände wie in den Aufnahmen aus Wassylkiw nicht selten sind. Die Legebatterien, die 2012 aus Deutschland verschwunden sind, wurden in der Ukraine wieder aufgebaut, teils dank staatlicher Hermes-Bürgschaften aus Deutschland.

Von den durchschnittlich 235 Eiern, die jeder Deutsche im Jahr isst, steckt etwa die Hälfte in Nudeln, Keksen und anderem Gebäck oder kommt gefärbt als fertiges Osterei auf den Tisch – ungekennzeichnet. Tierschützer fordern deshalb ebenso eine klare Kennzeichnung der Herkunft und Haltungsform von verarbeiteten Eiern. Das fordern auch die Geflügelwirtschaft und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), die eine EU-weite Regelung befürwortet.

Allerdings betreffen fehlende Transparenz und falscher Schein nicht nur das Käfigei als Backzutat. Auch die Vorstellung, dass die EU-Vorgaben für Biohöfe der Ausweg aus dem Dilemma der Massentierhaltung sind, ist trügerisch.

Denn was sich Lukas und Anna Propp unter Bio vorstellen, dürfen Medien sehen, Kunden und Nachbarn werden zum Hoffest geladen. Was sich aber andere deutsche Betriebe unter Bio vorstellen, verstecken sie in entlegenen Gegenden hinter blickdichten Baracken und meterhohen Zäunen.

Lukas und Anna Propp.

Wer dahinterblicken will, muss sich an Menschen wie Hannes A. wenden. Menschen, die Straftaten wie Hausfriedensbruch begehen, um Einblicke zu dokumentieren, die die Betreiber nicht gewähren: Nachts dringen sie in die Ställe ein und filmen. Die Aufnahmen geben sie der Tierschutzorganisation Animal Rights Watch, die damit an die Öffentlichkeit geht oder auch Strafanzeige stellt.

A., der seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat mit befreundeten Aktivisten schon mehrfach skrupellose Tierquälerei in großen Betrieben auffliegen lassen. Seit sie allerdings auch in deutsche Bioställe einbrechen, haben sie die Illusion aufgegeben, Biotierhaltung sei der Ausweg. Die Zustände sind zwar besser als in den alten Legebatterien. Doch auch A.s neue Aufnahmen aus deutschen Biobetrieben, die die ZDF-Doku „Achtung, Essen!“ zeigt, dokumentieren Müllcontainer voller Hühnerkadaver aus der Anlage, staubigen Boden, Eier auf industriellen Fließbändern und große Metallregale mit Sitzstangen für Hunderte Hennen. „Das hat sicher nichts damit zu tun, wie die Leute sich Biotierhaltung vorstellen“, sagt A.

Jüngst veröffentlichte „Öko-Test“ eine Untersuchung, laut der nur vier von 20 getesteten Bioeiern empfehlenswert seien. Alle anderen Betriebe töten in der Regel männliche Küken, halten ihre Hennen schlecht, in einem Fall habe es eine Schadstoffbelastung gegeben. Gegen Gesetze und EU-Standards haben die Biobetriebe damit nicht verstoßen.

Für die Biobauern Propp ist gerade das frustrierend: „Bei uns steht auch ‚6 Bioeier‘ auf den Verpackungen, genau wie beim Discounter“, sagt Anna Propp. „Wir liefern quasi die Bilder, wie sich der Verbraucher das vorstellt, und dann denkt er, wenn es bei denen so aussieht, wird es bei anderen auch so aussehen.“

Aber bei den hohen Betreuungskosten, dem riesigen Aufwand, stellt sich da nicht die Frage, ob man ganz Deutschland überhaupt auf so hohem Niveau mit Bioeiern versorgen könnte? Die Frage hält Anna Propp für falsch gestellt. „Man muss sich doch auch fragen“, sagt sie, „wie viel Eier oder wie viel Lebensmitteln insgesamt in Deutschland produziert werden.“ Wie viel werde davon gegessen, wie viel weggeschmissen? Kurz: Wie viel ist am Ende ganz einfach zu viel?

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