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Gesundschrumpfen

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Von: Stephan Kaufmann

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Braunkohleabbau –     irgendwann ist Schluss.
Braunkohleabbau – irgendwann ist Schluss. © dapd

Klimawandel, Energiekrise, Rohstoffknappheit – die Wirtschaft kann nicht ewig wachsen. Wachstumskritik ist wieder en vogue - wie auch ein Kongress in Berlin zeigte.

Klimawandel, Energiekrise, Rohstoffknappheit – die Wirtschaft kann nicht ewig wachsen. Wachstumskritik ist wieder en vogue - wie auch ein Kongress in Berlin zeigte.

Wer ein wenig Übung im Verfertigen von Seifenblasen hat, der versucht, immer größere Blasen zu machen. Dabei riskiert man stets, dass die Blase platzt. Permanentes Wachstum führt zur Zerstörung. Nur für die Wirtschaft soll dieses Gesetz nicht gelten. „Wer in einer begrenzten Welt an unbegrenztes Wachstum glaubt, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom“, sagte einmal der US-Ökonom Kenneth Boulding.

Wachstumskritik ist wieder en vogue. Das zeigten die 2500 vorwiegend jungen Menschen, die am Wochenende die Hörsäle, Flure und Treppen der Technischen Universität Berlin füllten. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac sowie die SPD, Linkspartei und Grünen nahestehenden Stiftungen hatten zum Kongress geladen. Titel: „Jenseits des Wachstums?!“ Das „?“ verschwand dabei jedoch hinter dem „!“.

Bereits Anfang der 70er Jahre warnte der Club of Rome vor den „Grenzen des Wachstums“. Nach Jahrzehnten der Sorglosigkeit ist sie wieder zurück: die Warnung, dass es in einer endlichen Welt kein unendliches „Mehr“ geben kann. „Diese Botschaft ist zutiefst unbequem“, sagt Tim Jackson, Professor für Nachhaltige Entwicklung in Großbritannien. Sein neues Buch „Wohlstand ohne Wachstum“ ist bereits ausverkauft.

Uneinig über die Grundlagen

Degrowth, Décroissance, Schrumpfungsökonomie, das sind die neuen Stichworte. Die Gründe für diesen Trend sind schnell gefunden – es sind die alten. Die Umweltverschmutzung schreitet voran, das Klima erwärmt sich. Gleichzeitig wird die Konkurrenz um die verbliebenen Rohstoffe immer schärfer, abzulesen an der Verteuerung von Öl, Gas, Metallen. All dies wird angetrieben durch den Aufschwung von Schwellenländern wie China und Indien. Das einzige, was bislang Treibhausgasausstoß und Rohstoffpreise drücken konnte war – die Wirtschaftskrise 2009.

So breit die Front der Wachstumskritiker ist, so uneinig ist man sich über die Grundlagen – mit welcher Form von Wirtschaft man es überhaupt zu tun hat, was da eigentlich immerzu wächst und warum es wachsen muss?

Die schlichteste Erklärung fürs Dauerwachstum ist die „Gier“ der Menschen nach immer mehr Gütern. Dagegen sprechen allerdings Umfragen, in denen Werte wie Freizeit, Freundschaft, Sicherheit oder Familie stets weit vor der Reichtumsmehrung rangieren. Zudem: Würden die Menschen sich plötzlich besinnen und weniger konsumieren, so wäre eine ausgewachsene Wirtschaftskrise die Folge.

Viele Menschen halten Wachstum für nötig, um Arbeitsplätze zu schaffen. Es stimmt: Steigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht, werden Jobs abgebaut. Doch scheint hier die Logik eher umgekehrt zu funktionieren: Das Wachstum findet nicht für Jobs statt, vielmehr dienen die Arbeitsplätze dem Wachstum. Alle anderen werden wegrationalisiert.

Muss die Produktion steigen, weil die Weltbevölkerung zunimmt? Das mag für Entwicklungsländer stimmen. Doch in Ländern wie Deutschland oder Japan wird umgekehrt davor gewarnt, dass gerade die schrumpfende Bevölkerung eine Gefahr fürs Wachstum darstellt.

Das Wachstum scheint also ein Eigenleben zu führen. „Die heutige Ökonomie ist losgelöst von ökologischen Prozessen und Grundbedürfnissen der Menschen“, klagt die Inderin Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises.

Die theoretische Debatte hat die Praxis in Deutschland nicht wirklich erreicht. Unternehmen von VW bis Siemens präsentieren stolz ihre steigenden Gewinne. Die Politik setzt weiter auf das Allheilmittel Wachstum. Zwar hat die Bundesregierung eine Enquete-Kommission zu „Wachstum, Wohlstand Lebensqualität“ eingerichtet. Die Kommissions-Vorsitzende Daniela Kolbe stellt jedoch klar: „Als Sozialdemokraten werden wir weiter für Wachstum arbeiten“, und fügt hinzu: „aber eben für ein Wirtschaftswachstum, das ökologisch nachhaltig ist.“

Nachhaltigkeit ist die Trumpfkarte der Politik. Mit ihr soll die Wachstumsgrenze ausgedehnt werden. Und zwar mit Hilfe der Wunderwaffe Entkopplung: mehr Produktion mit weniger Rohstoffen und weniger Umweltschäden. Durch die Steigerung der Effizienz soll die Wachstumsparty ewig weitergehen. „Eine alberne Idee“, meint Leida Rijnhout, Direktorin der Northern Alliance for Sustainability. Zwar findet die Entkopplung statt, pro Einheit BIP wird immer weniger Material verbraucht. Doch mit der Effizienz wächst auch der Gesamtverbrauch. Autos werden mit weniger Material hergestellt – gleichzeitig werden aber immer mehr Autos gebaut. Das BIP steigt und frisst die Effizienzgewinne auf. Rebound-Effekt nennt dies die Wissenschaft. Und den kann der technische Fortschritt nicht einholen. „Es ist eine Wahnvorstellung zu glauben, die Tendenz des Kapitalismus zur Effizienz werde das Klima stabilisieren oder uns vor Ressourcenknappheit schützen“, urteilt der Brite Jackson.

Tiefe Eingriffe in das gesamte Wirtschaftssystem nötig

Er hält daher tiefe Eingriffe in das gesamte Wirtschaftssystem für nötig, um einen naturverträglichen Stoff- und Energieumsatz zu erzielen. Die Gesellschaft müsse gezielt einzelne Branchen schrumpfen – zum Beispiel den Autobau – und andere wie den öffentlichen Nahverkehr wachsen lassen. Die Ökonomin Adelheid Biesecker vom wissenschaftlichen Beirat von Attac fordert eine nachhaltige Stoff- und Energiepolitik sowie Ge- und Verbote der Nutzung öffentlicher Güter.

Zudem müsse die Arbeitszeit „radikal sinken“, so die Hamburger Soziologin Frigga Haug. Denn weniger Produktion bedeutet weniger Arbeit. Doch bedeutet dies auch weniger Einkommen. Dies müsse die Gesellschaft ausgleichen, zum Beispiel mit einem Sozialeinkommen und dem Ausbau der öffentlichen Versorgung. Gleichzeitig müssten viele bislang unbezahlte Arbeiten aufgewertet werden, vor allem die sogenannte Pflege-Arbeit, die bislang vor allem von Frauen geleistet wird.

Das ist weit mehr als ein bloßer Strukturwandel. Gefordert ist ein kompletter Umbau der Industriegesellschaft. Dafür müsse man „große Teile des gesellschaftlichen Reichtums in eine bedarfsorientierte Ökonomie lenken und den Kapitalkreisläufen zumindest teilweise entziehen“, meint Werner Rätz von Attac. „Damit ist die Macht- und Eigentumsfrage gestellt.“ Denn die Unternehmen folgen bislang der Wachstumslogik – und müssen das. „Der Zwang zur Gewinnmaximierung wird den Unternehmen durch die Konkurrenz aufgeherrscht“, sagt Thomas Sablowski von der Uni Wien.

Funktioniert also eine Gleichgewichtsökonomie ohne Bruch mit dem Kapitalismus? Das ist die Gretchenfrage. Viele Wissenschaftler halten dies für möglich. Der Brite Jackson hält sich vage: „Das neue System wäre wohl „weniger kapitalistisch“, vermutet er. Am linkeren Rand des Spektrums ist man radikaler. „Wir müssen die Rationalität der Ausbeutung durch eine Fürsorge-Rationalität ersetzen“, so Ökonomin Biesecker, „das geht nicht in diesem System.“

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