Selbst aktiv und kreativ werden - das gehört zum Konzept moderner Einrichtungen für demente Menschen. 
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Selbst aktiv und kreativ werden - das gehört zum Konzept moderner Einrichtungen für demente Menschen. 

Gesundheitswesen

Ein Dorf für Demente

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
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Von der All-inclusive-Pflege zur aktivierenden Betreuung: Erste Einrichtungen experimentieren mit neuen Wohn- und Lebensformen für vergessliche Menschen.

  • 1,7 Millionen Menschen leben in Deutschland mit Demenz.
  • Viele werden zuhause betreut.
  • Neue Einrichtung für Demenzkranke. 

Im Alter dement zu werden, ist für viele Menschen eine große Angst. Was gibt es schlimmeres, als seine Erinnerungen zu verlieren und zu vergessen, wer man selbst ist? Doch trifft die Krankheit immer mehr Menschen. Rund 1,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger in der Bundesrepublik leben derzeit mit Demenz. Jedes Jahr treten mehr als 300 000 Neuerkrankungen auf. Sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt, wird sich die Zahl bis zum Jahr 2050 auf rund drei Millionen erhöhen, gibt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft die Ergebnisse verschiedener Studien wieder.

Würdiger Lebensabschluss für Demenzkranke

Momentan werden etwa zwei Drittel der Erkrankten von ihren Angehörigen zu Hause betreut. Doch für viele Betroffene kommt nur ein Heim infrage. Und da werden in Deutschland langsam neue Konzepte getestet, die Demenzkranken einen würdigen Lebensabschluss ermöglichen sollen.

So etwa im Ahorn-Karree in Hilden, das derzeit in Bau ist. Noch im Juni sollen die ersten Bewohner in die Anlage einziehen, am Ende soll es 119 Plätze geben. Die Demenzkranken werden dort in meist eingeschossigen, also ebenerdigen Häusern mit maximal zwölf Personen leben. Dabei wird anhand eines Fragebogens, den Erkrankte oder Angehörige ausfüllen, ermittelt, was für einenLebensstil der Betroffene bislang pflegte: also etwa urban oder ländlich, religiös oder nicht, konservativ oder liberal – und welche Art von Einrichtungsstil er oder sie mag, denn die Häuser sind unterschiedlich möbliert. Anhand der Auskünfte werden dann die Hausgemeinschaften zusammengestellt.

Stationäre Einrichtung für Demenzkranke

Für die Pflegekräfte hat die Graf-Recke-Stiftung, die das Ahorn-Karree betreibt, extra eine Weiterbildung zur „Präsenzkraft“ entwickelt. „Bislang war es in unserer stationären Einrichtung für Demenzkranke ja so ähnlich wie in einem All-inclusive-Hotel: Die Pfleger haben den Patienten das Brot geschmiert und sie bedient. Jetzt sollen sie die Erkrankten nicht mehr rundum versorgen, sondern sie motivieren, selbst aktiv zu werden“, sagt Einrichtungsleiter Michael Zieger. Die Bewohner sollen gemeinsam mit den Pflegern ihren Tag gestalten und weitgehend selbst entscheiden, was sie machen wollen, etwa ob sie in der Gemeinschaftsküche gemeinsam kochen wollen - oder nicht.

„Wir wollen uns jetzt den Patienten anpassen – bislang haben sie sich dem stationären Betrieb angepasst“, sagt Zieger. So gebe es im Ahorn-Karree keine festen Essens- oder Weckzeiten. Man habe diese Freiheiten bereits auf einer Demenzstation getestet: „Es ist ein himmelweiter Unterschied: Bewohner, die sonst nur im Sessel sitzen und an die Wand gucken, machen plötzlich mit und sind aktiv. Sie schmieren plötzlich dem Nachbarn das Brot. Da geht einem das Herz auf“, sagt Zieger.

All-inclusive-Betreuung von Demenzkranken

Zentrum des Ahorn-Karrees soll der Dorotheen-Boulevard werden, wo die Bewohner einen Supermarkt, Friseur und das Restaurant besuchen können. In einem Veranstaltungssaal sollen regelmäßig Feste, Gottesdienste oder Musikevents stattfinden. Die Bewohner können sich auch draußen im Garten oder in der weitläufigen Anlage bewegen.

Aber können schwerDemenzkranke denn überhaupt noch alleine einkaufen? „Du wirst Dich wundern, was Deine Bewohner noch so alles können“, habe ihm der Leiter des Demenzdorfes Hogeweyk bei Amsterdam gesagt, als er es vor einigen Jahren besichtigte, erzählt Zieger. Hogeweyk dient in vieler Hinsicht als Vorbild für das Ahorn-Karree – und für viele andere Einrichtungen in der ganzen Welt. „Und wenn eine Bewohnerin meint, sie müsse unbedingt zehn Liter Milch kaufen, dann soll sie das doch tun – die Pflegerin kann am Ende ja acht Liter zurückbringen. Das werden wir pragmatisch handhaben“, sagt Zieger.

Das Ahorn-Karree ist nicht die einzige Einrichtung dieser Art – aber eine von wenigen. Ein ähnliches Konzept verfolgt etwa Tönebön am See bei Hameln oder die AWO-Anlage Süssendell bei Aachen. Süssendell wurde im März 2016 eröffnet, 80 überwiegend demente Bewohner wohnen dort in fünf ebenerdigen Häusern mit je 16 Erkrankten. Sie können sich frei bewegen, im eigenen Dorf-Lädchen einkaufen oder im Wald spazieren gehen. Einige Bewohner tragen GPS-Tracker oder sogenannte Induktionsschleifenarmbänder, die einen Alarm bei den Pflegekräften auslösen, sollten sich die Bewohner etwa der Straße nähern. VieleDemenzkranke haben einen großen Bewegungsdrang, finden aber nicht mehr nach Hause oder können Gefahren nur schlecht einschätzen. In Süssendell gibt es auch eine Werkstatt, wo Bewohner „rumschrauben können“, wie Heimleiter Klas Bauer sagt, und eine Schneiderei für die Patientinnen. „Beides wird aber leider nicht genutzt. Es ist alles noch ein Experiment, wir tasten uns heran, was die Patienten brauchen und wollen. Trial and error“, sagt er.

Demenzdörfer errichten teils eine Scheinwelt

Ein anderes Konzept verfolgt die Theodor-Fliedner-Stiftung mit „Das Dorf“ in Mülheim an der Ruhr – und das schon seit Mitte der achtziger Jahre. Dort leben Demenzkranke, Menschen mit Behinderungen, Familien mit behinderten Kindern, gesunde Senioren und teils auch Mitarbeiter der Anlage in einem großen Dorf zusammen. Insgesamt 600 Menschen wohnen dort, es gibt einen Supermarkt, ein auch für Wanderer oder Radfahrer öffentliches Bistro, einen Friseur, eine eigene Kirchengemeinde, ein Rathaus mit Veranstaltungsraum und einen öffentlich zugänglichen Marktplatz – auf dem etwa auch ein rege von Externen besuchter Weihnachtsmarkt veranstaltet wird. Diese Offenheit gefällt auch der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft, dem Dachverband von 136 Selbsthilfe-Gruppen, gut. „Grundsätzlich ist es wünschenswert, dass solche Einrichtungen nach außen hin für Besucher offen sind, dass also nicht eine reine Parallelwelt für die Erkrankten geschaffen wird“, sagt Sprecherin Susanna Saxl.

Der Vorwurf, dass Demenzdörfer teils eine Scheinwelt erschaffen – etwa indem die Bewohner im Supermarkt auch mit Keksen bezahlen können– kommt häufiger auf. Es gibt auch Heime, die eine „Schein-Haltestelle“ errichten, an der Bewohner auf einen Bus warten können, der aber niemals kommt.

Herantasten an den richtigen Umgang mit Demenz

„Das finden wir sehr schwierig. Es ist o.k., wenn man die Menschen damit kurz beruhigt, aber dann sollte auch schnell jemand kommen und mit dem Wartenden plaudern und ihn wieder mitnehmen“, sagt Saxl. Es sei problematisch, Demenzkranke zu belügen. „Denn sie haben immer wieder klare Momente, dann merken sie, dass alles nicht stimmt. Sie verlieren dann das Vertrauen und werden verunsichert“, sagt sie.

Saxl findet es aber gut, dass es unterschiedliche Konzepte für Demenzkranke gibt. „Es gibt verschiedene Wege und nicht jeder ist für jeden richtig. Da ist es gut, eine Auswahl zu haben“, sagt sie. Wichtig sei aber, dass Angehörigen klar sei, dass es das Wichtigste für Demenzkranke sei, dass sie regelmäßig vorbeikämen. „Da es nicht viele Demenzdörfer gibt, kommen die Patienten dort oft von weit her. Dabei ist es bedeutender, dass sie weiterhin viel Besuch von der Familie bekommen“, sagt sie. Die Preise für eine Unterbringung in einem Demenzdorf variieren, sie sind aber nicht unbedingt höher als für normale stationäre Einrichtungen.

Klas Bauer, Leiter der AWO in Süssendell, sieht sein Heim als eine Art Herantasten an den richtigen Umgang mit den Erkrankten. „Ich werde in zwanzig Jahren sicherlich nicht sagen: In Süssendell war es perfekt, es war der einzig richtige Weg. Aber immerhin haben wir uns auf den Weg gemacht.“

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