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Hmm lecker, aber leider auch ungesund: Kaiserschmarrn mit Apfelmus und Zucker.
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Hmm lecker, aber leider auch ungesund: Kaiserschmarrn mit Apfelmus und Zucker.

Zucker

„Gesunde Ernährung darf keine Geldfrage sein“

Der Ernährungswissenschaftler Peter von Philipsborn spricht über das Essen in Schulen, strengere Regeln für Werbung und eine Zuckersteuer.

Das Müsli beim Frühstück, der Fertigsalat in der Kantine, der vermeintlich gesunde Smoothie - in manchen Lebensmitteln ist überraschend viel Zucker. Zu viel, sagt Peter von Philipsborn. Der Mediziner fordert deshalb unter anderem eine Zuckersteuer.

Herr von Philipsborn, die meisten Menschen lieben Zucker. Warum?

Zucker aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Er löst ein intensives Genussgefühl in uns aus. Dafür gibt es einen evolutionären Erklärungsansatz. In früheren Zeiten kam Zucker ausschließlich in Beeren und anderem frischen Obst vor. Das sind sehr gesunde Lebensmittel, die wichtige Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Damals war das starke Verlangen nach Zucker sinnvoll. Dass Zucker heute allgegenwärtig ist und sich in vielen hochverarbeiteten, auch pikanten Lebensmitteln verbirgt, ist neu. Daran sind wir nicht angepasst.

Sie sprechen die versteckten Zucker etwa in Barbecuesoße an. Warum wird so vielen Lebensmitteln Zucker beigesetzt?

Wenn man Produkten Zucker zufügt, dann essen die Menschen mehr davon. Sie essen weiter, obwohl sie eigentlich satt sind. Das ist für den Umsatz der Unternehmen gut.

Zu viel Zucker?

Höchstens zehn Prozent der täglichen Energie sollten Menschen über Zucker aufnehmen, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Bei einer täglichen Gesamtenergiezufuhr von 2000 kcal sind das maximal 50 Gramm.

Die meisten Menschen essen aber deutlich mehr Zucker. Grundschulkinder nehmen im Schnitt 17,3 Prozent der täglichen Energie über Zucker zu sich, Erwachsene etwa 13,5 Prozent.

Mit Folgen: Rund 15 Prozent der Sieben- bis Zehnjährigen sind übergewichtig. Unter Erwachsenen ist dieser Wert deutlich höher: 53 Prozent gelten als übergewichtig. FR

Und was macht das mit uns?

Die Energiezufuhr steigt. Wenn sie höher ist als der Energieverbrauch, nehmen wir zu und bekommen Übergewicht, das wiederum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und eine Vielzahl anderer Erkrankungen erhöht. Es wird auch diskutiert, ob zu viel Zucker direkte gesundheitliche Effekte hat, also zum Beispiel direkt Diabetes verursachen kann. Was sehr gut belegt ist: Eine zuckerreiche Ernährung erhöht das Risiko für Karies deutlich.

Um den Zuckerkonsum zu reduzieren, setzt Deutschland vor allem auf die Aufklärung der Verbraucherinnen und Verbraucher. Wie erfolgreich ist diese Strategie?

Ernährungsbildung ist natürlich wichtig, aber man weiß, dass sie relativ geringe Effekte hat, wenn sich das Angebot im Umfeld nicht verändert und Sie überall mit zuckerhaltigen Lebensmitteln konfrontiert sind. Allerdings stößt das Verteilen von Ratgebern auf weniger Widerstand aus der Industrie als zum Beispiel die Einführung einer Zuckersteuer. Und es ist billiger, ein paar Faltblätter zu drucken als das Ernährungsangebot in Kitas und Schulen zu verbessern – obwohl Letzteres die wesentlich wirksamere Methode wäre.

Die meisten Industrieländer haben verpflichtende Vorgaben für die Schulverpflegung. Auch in Deutschland gibt es Qualitätsstandards, allerdings ist die Umsetzung freiwillig ...

Deutschland hat hier deutlichen Nachholbedarf. Nur ein Bruchteil der Schulen und Kitas hält die Standards ein. Fachorganisationen empfehlen seit vielen Jahren, sie verbindlich zu machen. Auch in anderen Bereichen steht Deutschland nicht gut da, etwa bei der Regulierung von Werbung, die sich an Kinder richtet. Andere Länder wie Irland oder Ungarn sind weiter. Sie haben Vorschriften erlassen, dass nur solche Lebensmittel bei Kindern beworben werden dürfen, die Mindeststandards erfüllen. Das entspricht den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Deutschland setzt hingegen auf Freiwilligkeit der Industrie. Man kann klar sagen: Der freiwillige Ansatz hat bei der Regulierung von Werbung bisher nichts gebracht, während verbindliche Regeln wirken.

Großbritannien und Frankreich haben eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt. Die Bundesregierung lehnt eine solche Softdrinksteuer bisher ab mit der Begründung, es sei nicht belegt, dass die Steuer den Zuckerkonsum langfristig reduziert. Stimmt das?

In Großbritannien hat man gesehen, dass nach Einführung der Steuer der Konsum zuckerhaltiger Süßgetränke deutlich zurückgegangen ist. Außerdem hat die Industrie ihre Rezepturen geändert und den Zuckeranteil reduziert. Es sind also genau die Effekte eingetreten, die wir uns wünschen. Allerdings sind parallel zur Steuer noch andere Dinge passiert. Jamie Oliver, der bekannte Fernsehkoch, hat eine Kampagne gegen Zucker gestartet. Und es wurden Werbebeschränkungen angekündigt. Es lässt sich also nicht genau sagen, welchen Effekt jede einzelne Maßnahme hatte. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Süßgetränkesteuer wesentlich dazu beigetragen hat, den Zuckerkonsum zu senken.

Peter von Philipsborn forscht am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung der Universität München. Der Politikwissenschaftler und Mediziner ist Co-Autor eines Papiers zur Wirksamkeit verschiedener Zuckerreduktionsstrategien.

Wie kommt die Bundesregierung dann zu ihrer Einschätzung, es fehlten Belege?

Die beste Evidenz liefern sogenannte kontrolliert-randomisierte Studien. Dafür werden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip in eine Untersuchungs- und eine Kontrollgruppe eingeteilt und über eine lange Zeit verglichen. Das ist bei Präventionsmaßnahmen in der Regel nicht möglich, schließlich kann man nicht festlegen, dass eine bestimmte Region eine Softdrinksteuer einführt und eine andere nicht. Daher müssen wir auf weniger zuverlässige Studien zurückgreifen. Da Prävention aber meist effektiver und auch kostengünstiger ist als die Behandlung von Krankheiten, sollte das kein Argument gegen solche Ansätze sein. Wir sollten erfolgversprechende Maßnahmen einführen, dann regelmäßig evaluieren und gegebenenfalls anpassen.

Jede Intervention kann auch unerwünschte Folgen haben. Zum Beispiel belastet eine Steuer Haushalte mit niedrigen Einkommen stärker als wohlhabende. Ist das nicht ungerecht?

Dafür profitieren diese Haushalte auch stärker von den gesundheitlichen Effekten, weil sie im Schnitt mehr zuckerhaltige Lebensmittel konsumieren. Die finanzielle Mehrbelastung kann man ausgleichen. Zum Beispiel empfehlen Fachleute, den Mehrwertsteuersatz für gesunde Lebensmittel weiter zu senken, erst auf fünf Prozent, in einem weiteren Schritt auf null Prozent. Das würde Haushalte mit niedrigen Einkommen entlasten. Gesunde Ernährung darf keine Frage des Geldes sein, aber im Moment ist sie das leider.

Welche Ansätze halten Sie für besonders wirksam?

Die Qualitätsstandards für die Schul- und Kitaverpflegung sollten flächendeckend umgesetzt werden. Wichtig sind auch gesetzliche Regeln, um Kinder vor Werbung für ungesunde Produkte zu schützen. Eine Süßgetränkesteuer und die verbindliche Einführung des Nutri-Scores als leicht verständliche Nährwertkennzeichnung könnten ebenfalls einen deutlichen Beitrag leisten. Unsere Ernährungsweise wird von den Bedingungen geprägt, unter denen wir aufwachsen und leben. Deshalb müssen wir an diesen Bedingungen ansetzen.

Interview: Carina Frey

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