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Das farbige Logo soll Verbrauchern in Deutschland beim Einkauf bald eine gesündere Ernährung erleichtern.

Nutri-Score

Gesünder mit der Lebensmittel-Ampel

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Nährwerte von Lebensmitteln im Supermarkt sollen künftig mit dem Nutri-Score-Modell gekennzeichnet werden.

In der Debatte um eine klarere Kennzeichnung des Zucker-, Fett- und Salz-Anteils in vielen Lebensmitteln hat Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) nun bekannt gegeben, dass die Nährwerte von Lebensmitteln im Supermarkt künftig mit dem Nutri-Score-Modell gekennzeichnet werden sollen. „Ein Meilenstein in der Ernährungspolitik“, nannte das Klöckner bei der Verkündung am Montag in Berlin. „Verbraucher erwarten vor allem eine zusammenfassende Bewertung, die schnelle Orientierung gibt.“

Vorausgegangen war eine Verbraucherumfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstitut Info im Auftrag des Ministeriums. Laut Klöckner war das Ergebnis der Studie maßgeblich für sie, welches Modell zur freiwilligen Nutzung auf Packungen empfohlen werden soll. 57 Prozent der seit Mitte Juli 1600 Befragten sprachen sich demnach für die fünf-stufige Farbskala Nutri-Score aus. Vor allem Personen, die sich selten oder gar nicht mit der Zusammensetzung von Lebensmitteln beschäftigen, fühlten sich von dem aus Frankreich stammenden System angesprochen. Insgesamt waren vier Modelle untersucht worden.

Ungünstige Nährstoffe wie Kalorien, Zucker, gesättigte Fettsäuren und Natrium werden darin mit Ballaststoffen, Eiweiß, Obst, Gemüse und Nüssen, also günstigen Nährstoffen, abgewogen. Mit dem errechneten Wert können Produkte einer Farbe zugeordnet werden: Grün (A) steht für viele günstige und Rot für viele ungünstige Nährstoffe. „Das Modell an sich wird das Übergewichtsproblem nicht lösen. Es kann aber die gesunde Wahl zur einfachen Wahl machen“, sagte Klöckner. Erleichtert wird dank Nutri-Score vor allem die Unterscheidung von Produkten, die einander ähnlich sind. Es sei auf den ersten Blick erfassbar, leicht zu verstehen und nutze die „bereits gelernte Farbwelt einer Ampel“, sagte Klöckner.

Allerdings betonte die Ministerin, dass das neue Label als eine Erweiterung zu der bereits europaweit festgelegten Nährwerttabelle und Zutatenliste zu verstehen sei. Lebensmittelhersteller seien nicht verpflichtet, die Kennzeichnung auf die Verpackung zu drucken. Das sei nach EU-Recht auch nicht möglich, verdeutlichte Klöckner. Dafür wäre eine EU-Richtlinie nötig. Beim Nutri-Score handelt sich dabei lediglich um ein freiwilliges Modell.

In Deutschland haben sich bereits einige Unternehmen freiwillig zu dieser Kennzeichnung verpflichtet – unter anderem der Lebensmittelkonzern Danone, auf dessen „Fruchtzwergen“ die Kennzeichnung bereits zu finden ist. Auch Bofrost und Iglo nutzen das Modell bereits in ihren Online-Shops und Webseiten. In Frankreich gibt es schon seit 2017 die bunte Skala – in Belgien und Spanien seit 2018.

Auch in Hinsicht auf die Verbraucherumfrage präsentiert die Regierung keine Neuheiten: Noch bevor das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) die Ergebnisse seiner eigenen vorgestellt hatte, präsentierte die Verbraucherorganisation Foodwatch eigene Ergebnisse einer Umfrage mit 1003 Personen. Allerdings wurden dort nur zwei der vier zur Auswahl stehenden Modelle untersucht – Nutri-Score und das Waben-Sterne-Modell des Max-Rubner-Instituts (MRI). 69 Prozent der Befragten sprachen sich darin für das Farb- und Buchstabenmodell aus. Verschiedene Verbraucherorganisationen hatten schon seit Jahren eine Kennzeichnung ungesunder Lebensmittel gefordert. Laut Foodwatch hatte sich die Lebensmittel-Lobby jedoch bisher erfolgreich gegen Farb-Symbole gewehrt, die diese Information auf den ersten Blick vermittelt. Stattdessen habe sich die Industrie mit freiwilligen Selbstverpflichtungen um transparente gesetzliche Regelungen zu drücken versucht.

Wann das neue Kennzeichen in Deutschland eingeführt wird, ließ die Ernährungsministerin offen. Zunächst würden bekannte Schwachstellen des Algorithmus optimiert, der die Nährwert-Berechnung steuert. „Für den deutschen Markt werde ich sehr zeitnah die rechtliche Grundlage für die Verwendung von Nutri-Score schaffen und dem Kabinett zur Zustimmung vorlegen“, kündigte Klöckner an.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast erklärte, das „lange Kämpfen“ um eine Nährwertampel habe ein Ende. Der Nutri-Score sei für die Verbraucher „auf einen Blick verständlich und hilfreich beim Lebensmitteleinkauf“. Klöckner müsse jetzt „schnellstmöglich“ für die Umsetzung sorgen, forderte die frühere Verbraucherschutzministerin. Für die SPD begrüßte die ernährungspolitische Sprecherin Ursula Schulte die farbliche Nährwertkennzeichnung als „wichtige Ergänzung“ zur Reduktionsstrategie für Zucker, Salz und Fette.

Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft begrüßte die Einführung des Nutri-Score. Dies könne aber nur einer von mehreren Bausteinen sein, erklärte die Geschäftsführerin Barbara Bitzer. So müsse etwa an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Produkte verboten werden.

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker hob hervor, bei Übergewicht zählten die Kalorien. „Deswegen brauchen wir eine Kalorienangabe prominent auf der Packungsvorderseite. Das ist für jeden Verbraucher einfach, vergleichbar und persönlich nachvollziehbar“, erklärte Hauptgeschäftsführer Günter Tissen.

Befragung

Zur Auswahl standen bei der Befragung vier Logos. Am bekanntesten ist der französische Nutri-Score, für den Verbraucherschützer, Ärzte und die SPD werben. Er bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz empfehlenswerte Bestandteile wie Proteine in eine Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an – in einer Skala von Grün bis Rot. Nur im Computer existieren zwei Modelle, die stärker die einzelnen Nährstoffe zeigen: ein Vorschlag des Verbands der Lebensmittelbranche mit fünf Kreisen und einer des bundeseigenen Max-Rubner-Instituts (MRI) mit gefärbten Waben. Vierter Kandidat ist das „Keyhole“-Logo aus Skandinavien mit weißem Schlüsselloch auf grünem Grund nur für gesündere Produkte.

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